Erleuchtung garantiert? Selbstverantwortung auf dem buddhistischen Weg

In der buddhistischen Welt gibt es nicht wenige Meisterinnen und Meister und Gemeinschaften, die sich selbst als besonders ausgewählten, als schnellsten, besten oder gar einzigen Weg zu Erwachen und Erleuchtung präsentieren. Vor diesem Hintergrund und basierend auf ihren persönlichen Erfahrungen reflektiert Susanne Billig die Frage der Selbstverantwortung auf dem buddhistischen Weg.

© Tirachard Kumtanom, pexels.com

Ein Beitrag von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe 2017/4 unter der Rubrik SCHWERPUNKT Erleuchtung

 

Als ich vor fast drei Jahrzehnten begann, mich mit dem Buddhismus zu beschäftigen, war ich 28 Jahre alt und seit mehreren Jahren in einer schwierigen persönlichen Situation. Seit ich mir zehn Jahre zuvor von netten Hippies in einer walisischen Landkommune hatte Haschkekse servieren lassen, litt ich unter einer schweren Angststörung, die mich an den Rand der Lebensfähigkeit getrieben hatte. Ich hatte meine Pläne aufgeben müssen, Medizin zu studieren, und mogelte mich durch weniger schwierige Studienfächer. An das politische Engagement, das mich interessiert hätte, war nicht mehr zu denken. Meine Therapie hatte sich längst als Sackgasse erwiesen, dennoch klammerte ich mich daran, weil ich nicht wusste, was mir sonst helfen könnte. In unserer Kultur beginnt der spirituelle Weg oft mit Bedürftigkeit – und Bedürftigkeit macht verführbar.

Mit Ende zwanzig fühlte ich mich hungrig nach allem, was der Buddhismus, den ich in Form einer aus Japan stammenden Gemeinschaft kennenlernte, an mich herantrug. Da war Hunger auf psychologische Unterstützung durch Menschen, die älter als ich waren, gefestigt und belastbar, und die so etwas wie Weisheit im Umgang mit den grundsätzlichen Fragen des Lebens ausstrahlten. Hunger auf eine tragfähige Lebensphilosophie, die unser Dasein auf eine Weise erläuterte, dass sie das große Leiden nicht aussparte, in das Menschen sich verstricken können, gleichzeitig aber auch eine positive Vision bereithielt – eine Vision von Leidensüberwindung und Glücksfähigkeit, die stärker und mächtiger war als die Wucht seelischer Schmerzen. Hunger auf eine Praxis, die theoretische Ideen über Wege aus dem Unglück in konkrete, funktionierende Schritte übersetzte. Hunger auf eine stabile Gemeinschaft, die in ihren Mittelpunkt weder das Lernen für die berufliche Karriere noch die Arbeit für ferne politische Ziele noch jugendliches Partyvergnügen stellte, sondern gelebte gegenseitige Verbundenheit und die persönliche Auseinandersetzung mit essentiellen Lebensthemen. Nichts davon fand ich in der spirituell und sozial so erkalteten Kultur vor, in der ich aufgewachsen war – also lief ich dem Buddhismus mit offenen Armen entgegen.

Sehnsucht nach Zugehörigkeit stärker als Skepsis

Hungrige Menschen sind verführbar. Das war mir damals schon klar, und meine Schritte mit dem Buddhismus waren von Anfang an ein Spagat zwischen Lernen, Vertrauen, Öffnung – und kritischer Distanz. Ich wusste, weil ich vorher viel gelesen hatte, dass manches an der Gemeinschaft, der ich mich anschloss, fragwürdig war, aber der Wunsch, dazuzugehören und an der neuen buddhistischen Weltsicht und Praxis und dem wunderbaren Optimismus der Gruppe zu partizipieren, war stärker als alle Skepsis. Weil mein kritischer Geist jedoch wie der berühmte Beobachter in der Meditation immer dabei war, konnte ich das Schauspiel „Erleuchtung suchender Mensch und Gemeinschaft“ an mir selbst hautnah mitverfolgen.

Kaum dass ich spürte, wie gut mir die Gemeinschaftlichkeit und die Meditationspraxis taten, wollte ich all das verherrlichen, was auch die anderen verherrlichten – die ehrwürdige buddhistische Tradition, die noch in diesem Leben ganz sicher zur Erleuchtung verhelfen würde, ihren unübertroffenen Gründer in seiner grenzenlosen Weisheit, den einzigartigen Meister, der die Gemeinschaft leitete, die wunderbaren Gemeinschaftsmitglieder, die mit so viel Herz und Zeit bei der guten Sache waren – nicht weil ich wirklich etwas über buddhistische Geschichte und ihre unterschiedlichen Traditionen wusste und ein fundiertes Urteil traf, sondern weil ich im Strom der gemeinsamen Rührung und Begeisterung mitschwimmen wollte.

Also verordnete ich mir, es mit meinem Überschwang langsam anzugehen. Gleichzeitig sah ich Menschen, die in kürzester Zeit mit wehenden Fahnen zu hundertfünfzigprozentigen Anhängern wurden, den Jargon der Gruppe umgehend in ihren Sprachgebrauch übernahmen, plötzlich genau wussten, was auf der Welt richtig und falsch war, und sich im Zeitraffer zu Pädagoginnen und Pädagogen ihrer Mitmenschen entwickelten. Zu einer Schieflage in einer religiösen Gemeinschaft gehören zwei Seiten, das konnte ich deutlich sehen: Eine Gruppe oder ein Meister, die es auf Verführung abgesehen haben und sich als besten, schnellsten oder gar einzigen Weg zu Glück und Erleuchtung anbieten. Und Menschen, die bereit sind, ihren gesunden Menschenverstand, ihr differenziertes Denken, das Wissen um ihr Unwissen, kurz: ihr reflektiertes, erwachsenes Ich über Bord zu werfen.

 

 

© Jiri Wagner, unsplash.com

Woanders sah es nicht anders aus

Diese Beobachtung verstärkte sich einige Jahre, nachdem ich mich der Gemeinschaft angeschlossen hatte, die mich – dafür bin ich noch immer sehr dankbar – vieles lehrte und mich in vielem heilte, mit der ich aber auch sehr haderte. Damals begann ich, meine Fühler zu anderen buddhistischen und interreligiösen Kontexten auszustrecken. Im Grunde meines Herzens war ich fest davon überzeugt, dass es überall dort würdiger und ursprünglicher zugehen müsse und dass nur mich das seltsame Schicksal getroffen habe, mich in den Buddhismus in Form einer etwas aus der Reihe gefallenen Gruppierung verliebt zu haben. Doch zu meinem großen Erstaunen musste ich feststellen, dass es das in vielen anderen buddhistischen Gemeinschaften ganz genauso gab: nicht hinterfragbare Hierarchien; die Verabsolutierung der eigenen Tradition; eine verdeckt gehaltene politische Agenda im Herkunftsland der Tradition oder in ihren höheren Rängen, die mit den Anliegen der westlichen Suchenden wenig zu tun hatte und von ihnen auch nicht reflektiert wurde; eine kindliche Überverehrung von Lehrerinnen und Lehrern; die unbekümmerte Missachtung demokratischer Standards; Frauen, die zwar die Mehrheit der Basis ausmachten, aber in höheren Positionen kaum noch zu  finden waren; Männer, die ihre Dominanz gar nicht oder mit dem Verweis auf ihren besonderen Bedarf an Herzensbildung und Verantwortungsübernahme rechtfertigten; eine Kultur der gegenseitigen gleichschaltenden Pädagogisierung, in der Differenz nicht als Reichtum, sondern als Gefahr behandelt wurde. Ich begriff, dass ich es in meiner Gemeinschaft überhaupt nicht mit einer besonderen Schlagseite in Richtung Sekte zu tun hatte, sondern mit einer häufigen Form institutionalisierter Religiosität.


Varianten der Bedürftigkeit

Je länger ich mich in der buddhistischen Welt bewegte, umso deutlicher konnte ich auch sehen, dass – neben vielen selbstlosen Einstellungen, die Menschen auf dem Weg des Erwachens sicherlich motivieren – auch viele Bedürftigkeiten eine Rolle spielten. Seelische oder körperliche Not ist nur eine von etlichen Varianten. Nicht wenige Menschen wollen der Unübersichtlichkeit der Moderne durch einen klar vorgezeichneten Weg entgehen. Wieder andere möchten sich, weil sie ein schwaches Selbstbewusstsein haben, auf eine mächtige Seite schlagen und die Gewissheit haben, in ehrwürdigster Tradition und höchster Wahrheit zu wandeln. Manche möchten einem besonders ausgewählten Teil der Menschheit angehören. Viele brauchen die Meisterin als weise Mutter oder den Lehrer als gütigen Vater, weil sie sich nach elterlicher Zuwendung sehnen. Andere ziehen Selbstbestätigung aus dem Ansehen in den hohen Verantwortungspositionen ihrer Gemeinschaft. Wieder andere suchen eher das Gefühl, im Verborgenen viel zu geben, ohne dass es jemand sieht. Es gibt auch Menschen, die Gemeinschaft wie einen Punchingball brauchen, von Gruppe zu Gruppe wechseln, immer schnell im Konflikt mit anderen liegen und sie in die Knie zwingen möchten. Und schließlich lässt sich gerade der Buddhismus gut nutzen, um Härte gegenüber sich selbst zu zelebrieren: Askese, ständige Selbstüberwachung, die Schmerzen der Meditation werden zum bevorzugten Lebensstil, wenn Menschen Mühe haben, mit sich selbst freundlich zu sein. Wenn ich diese Aufzählung lese und ehrlich bin: So manchen Punkt kenne ich aus den vielen Jahren auch von mir selbst.

Selbstverständlich wirkt die psychologische Gemengelage in den Herzen der Schülerinnen und Schüler zurück auf die Lehrenden, die für fragwürdige Strukturen darum auch nicht allein verantwortlich zu machen sind. Sie werden in Rollen gedrängt, gegen deren Versuchungen man sich nur mit großer Mühe wappnen kann, und manche Meister kommen mit der um ihre Person entfesselten Dynamik nach einigen Jahren nicht mehr zurecht. In sich selbst ruhende Lehrer und Lehrerinnen mit einem sicheren inneren Kompass müssen sich nicht permanent überhöhen, um ihre Rolle auszufüllen. Sie machen aus sich kein Bühnenschauspiel und inszenieren ihre Schülerinnen und Schüler nicht als beflissene Bewunderer. Und natürlich – ist es wirklich nötig, das zu sagen? – müssen sie sich auch nicht jeden Abend betrinken, brauchen nicht ständig Sex mit jungen Gemeinschaftsmitgliedern, kennen andere Formen der Belehrung, als ihre Schülerinnen und Schüler vor versammeltem Publikum zu demütigen, rufen nicht zu Unfrieden und Feindschaft gegenüber missliebigen Personen oder ganzen Gruppen von Menschen auf, schlagen nicht, schreien niemanden an, übervorteilen nicht, bereichern sich nicht, degradieren andere nicht zu ihren Dienstboten.

Missbrauchende Verhaltensweisen nicht als Ausdruck tiefer Verwirrung zu erkennen, sondern selbst daraus noch Nektar für sich selbst saugen zu wollen – das allerdings gehört in den Verantwortungsbereich derjenigen, die fragwürdigen Lehrern folgen, ohne gegenzusteuern. In den vergangenen Jahrzehnten habe ich Schülerinnen und Schüler kennengelernt, die von ihren Vorbildern vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche verlangten, nie müde zu werden, nie hungrig, nie auch mal ausgebrannt oder auch nur erschöpft. Ich habe Schüler von todkranken, vom Krebs schwer gezeichneten Lehrern gesehen, die noch in dieser Situation nicht in der Lage waren, aus der Rolle der Empfangenden in die der Gebenden zu wechseln, und immer weiter nach Belehrung und Ermutigung für sich selbst verlangten.

Am Anfang steht immer ein unbeantworteter Wunsch

Die Überhöhung der Vorbilder mag als anfänglicher Impuls nachvollziehbar sein. Schließlich sehnen sich Menschen, die sich einer religiösen Gemeinschaft anschließen, oft genau danach: Verantwortung abzugeben, Geborgenheit zu erfahren, verlässliche spirituelle Anleitung zu erhalten. Wenn der Buddhadharma etwas ist, das im Leben von Menschen realisiert werden will, dann sollte es solche verwirklichten, von Weisheit, Mitgefühl und Erkenntnis durchleuchteten Menschen natürlich auch geben. Darum ist es mehr als verständlich, wenn Schülerinnen und Schüler die Nähe verwirklichter Menschen suchen, um vertrauensvoll von ihnen zu lernen – ebenso wie auch die vielen anderen Sehnsüchte und Bedürftigkeiten nicht verkehrt sind; keine ist ein falscher Grund, sich dem Buddhismus zuzuwenden, keine ist ehrenrühriger, besser oder schlechter als die anderen. Wenn man es sorgfältig bedenkt, steht am Anfang jeder Hinwendung zur Spiritualität ein unbeantworteter Wunsch – und der stammt immer aus einem Ich, dessen Überwindung der Buddhismus lehrt.

Sollten vor diesem Hintergrund Dharmalehrerinnen und -lehrer über die schwachen Seiten ihrer eigenen Person und ihrer Schülerinnen und Schüler genauer Bescheid wissen? Sollten sie sich der gefährlichen Dynamiken bewusster sein, die Traditionshingabe, kollektive Begeisterung und Guruverehrung lostreten können? Sollten sie stärker immer wieder reflektieren, nachjustieren, vorbeugen und aufklären? Sollten sie ernster nehmen, dass eine zentrale Aufforderung des Buddha darin besteht, die Realität zu fühlen und sich ihr zu stellen, anstatt sie mit Wunschdenken zu übertünchen? Sollten sie sich mehr darüber im Klaren sein, dass die institutionalisierte Religion eine fragwürdige Quelle individueller wie sozialer Fantasiekonstrukte darstellen kann, wenn man nicht ständig den frischen Wind der Hierarchieauflösung und geistigen Öffnung hindurchwehen lässt? All das wäre wunderbar. Aber möglicherweise ist es auch sehr viel verlangt, und an der Selbstverantwortung der Lernenden führt kein Weg vorbei.

© Nicole Stephanie

Selbstverantwortung beschützt

Selbstverantwortung hat ihre Schönheit und ihre Würde. Wir beschützen uns selbst und einander, wenn wir uns so weit wie möglich auch im spirituellen Kontext selbst tragen und unsere Schwestern und Brüder daran erinnern, dass die Verantwortung für die eigene Person nicht suspendierbar und nicht übertragbar ist, anstatt sie in ihren schwachen Momenten in einen Korpsgeist und eine übermäßige Aufopferungsbereitschaft hinein zu verführen. Wir beschützen auch unsere Lehrerinnen und Lehrer, wenn wir von ihnen lernen, ohne in die Rolle kleiner Soldaten oder kleiner Kinder zu gleiten. Es ist für uns wie für sie gut, wenn wir uns im Hintergrund unseres Gewahrseins einen Beobachter unserer buddhistischen Schritte bewahren, eine erwachsene, nüchterne Stimme, die bereit ist, die letzte Entscheidung über das, was wir lassen und tun, nicht aus der Hand zu geben.

Selbstverantwortung heißt nicht, sich von jeder Bedürftigkeit und Schwäche freizusprechen, sondern, ganz im Gegenteil, sich der eigenen Beweggründe und Motivationen immer wieder neu klar zu werden, sie immer wieder neu anzuschauen, ihnen nicht auszuweichen und sie bewusst in die buddhistische Praxis zu legen. Denn diese Praxis hat die Kraft, Schwächen in Wachstum und Nöte in Heilung zu transformieren, wenn man diese Themen denn in die Praxis hineinträgt. Spiritualität ist das große Bemühen, unser Menschsein zu überschreiten – aber doch nicht zu unterschreiten. Zuvor müssen wir das Menschsein darum ganz erfüllen und erwachsen werden, also auch fundamental allein, auch ohne letzten festen Grund auf die eigenen reflektierten Entscheidungen und Beurteilungen geworfen und selbstverständlich auch ein Kind beherbergend, das die erwachsene Vernunft immer wieder torpediert und dem Erwachsenen seine wilde Kinderlogik und seine Kinderschmerzen vor die Füße wirft und mit dem wir leben lernen müssen.

Alles, was wir fühlen und sind, gehört mit in den Dharma. Genau das bringt der Achtfache Pfad zum Ausdruck, indem er alle Lebensbereiche – Psychologie, Philosophie, Lebenspraxis – von der buddhistischen Ausübung umfasst sehen will. Unsere Begeisterungsfähigkeit gehört ebenso zum buddhistischen Weg wie unser Verstand, unsere Liebe ebenso wie unser Differenzierungsvermögen, unsere Kindlichkeit ebenso wie unsere kluge Zurückhaltung, unsere Sehnsucht nach sozialer Geborgenheit ebenso wie unsere Bereitschaft, uns – gemeinsam mit anderen, lernend von Weiseren – in letzter Konsequenz selbst durch unser Leben zu führen.

Weiterführende Informationen

Interview mit dem Dalai Lama
Heilsame und unheilsame Strukturen in Gruppen. Eine Orientierungshilfe der DBU, PDF-Download

Lisa Freund: Der Weg zur inneren Weisheit, Gedanken zum Lehrer-Schüler-Verhältnis im Dharma

Mingyur Rinpoche: Behandle jeden wie den Buddha


© Helen K, CC

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Susanne Billig

Susanne Billig , Diplom-Biologin, Buch- und Drehbuchautorin sowie Journalistin in Berlin mit dem Schwerpunkt Hörfunk. Seit 1988 am Buddhismus orientiert, gründete sie 2011 die traditionsübergreifende Meditationsgruppe „Die Kraniche“ (www.diekraniche-buddhismus.de). Susanne Billig ist Mitglied im Kuratorium der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und betreut als Online Redakteurin die Webseiten der DBU und von BUDDHISMUS aktuell.
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