30 Jahre: Lotusblätter und BUDDHISMUS aktuell. Wie alles anfing ...

Im Herbst 1987 erschien die erste Ausgabe der Lotusblätter, Vorläuferin der heutigen BUDDHISMUS aktuell. Sylvia Wetzel, eine der maßgeblichen InitiatorInnen der Zeitschrift, erinnert sich.

Die "Lotusblätter": So fingen sie an

Ein Beitrag von Sylvia Wetzel veröffentlicht in der Ausgabe 2017/4 unter der Rubrik Bericht

 

Es war einmal, vor über dreißig Jahren... Da sprachen zwei inspirierte Leute, auf einer Autofahrt von Italien nach Freiburg, über die Idee einer buddhistischen Zeitschrift. Das waren Karl Schmied und ich. Bald waren wir zu dritt und dann zu viert, mit Tom Geist und Dieter Bünker, und plötzlich gab es eine Redaktion, die ab 1987 dreimal im Jahr telefonisch oder in Realpräsenz die nächste Nummer plante. Vor der ersten Nummer gab es viel Gegenwind seitens des Dachverbandes DBU für unsere Idee, zum einen wegen der Vielfalt der Meinungen über das, was Buddhismus wirklich sei, in Asien und auch im Westen, und – weil die Finanzierung natürlich nicht auf Jahre hinaus sicher war. Als bodenständige Geschäftsleute hatten Karl und ich aber eine gute Idee. Die neuen Lotusblätter finanzierten mit dem regulären Beitrag von 25 DM für drei Ausgaben und vor allem mit dem neu erfundenen Förderabonnement von 100 DM aufwärts (!!!) nicht nur alle Kosten für Herstellung, Layout und Druck der neuen Zeitschrift, sondern auch das erste kleine DBU-Büro in der Münchner Kaiserstraße. Es gab noch weitere Faktoren, die auf dem Weg zur Realisierung der neuen Zeitschrift wichtig waren: Neben der guten Idee waren das einige wesentliche Menschen, die evangelische Kirche (!) und – einige Hindernisse.

In der Vorbereitung der Mitgliederversammlung Ende April 1984 hatten sich die rund dreißig Delegierten der Mitgliedsgemeinschaften auf einen Generationswechsel in der Leitung des Dachverbandes verständigt. Max Glashoff und Karl Stort, die die DBU 24 Jahre zusammen mit ihren Gattinnen zusammengehalten und zuverlässig in ihrem Wachsen begleitet hatten, legten ihre Ämter nieder, und Karl Schmied und ich wurden zu neuen Vorsitzenden gewählt. Fünf Monate später, im September 1984, fuhren Karl Schmied und ich zusammen im Auto zum Kongress der EBU, der Europäischen Buddhistischen Union, nach Turin und hatten viele Stunden Zeit, unsere Ideen über neue Elemente im Dachverband auszutauschen. Eine „überkonfessionelle“ buddhistische Zeitschrift war die eine und eine mögliche Anerkennung der DBU als Körperschaft des Öffentlichen Rechts die andere. Um das zweite Ziel zu erreichen, veränderten wir 1985 die Struktur der DBU, erweiterten den Vorstand auf einen Rat mit zunächst 15 und später elf Räten, die aus ihrer Mitte den satzungsgemäßen Vorstand wählten. Und wir gründeten die Buddhistische Religionsgemeinschaft, die als überkonfessionelle Religionsgemeinschaft Buddhistinnen und Buddhisten aller Traditionen und Schulen offen stand und Ausdruck unserer gemeinsamen Orientierung sein wollte und hoffentlich immer noch will.

Reise nach Wien

Im selben Jahr fuhren wir mit unserem Schriftführer, dem Soziologen Professor Detlev Kantowsky aus Konstanz, nach Wien, denn die Österreicher hatten unter ihrem Präsidenten Walter Karwath gerade ihre Anerkennung des Buddhismus als Körperschaft öffentlichen Rechts erhalten, und dort gab es seit vielen Jahren die Zeitschrift Bodhibaum, die wir beide gerne lasen. Wir überlegten zusammen mit dem Vorstand des österreichischen Dachverbandes und der Redaktion – darunter Jesse Lyon, Genro Koudela, Erich Skrleta und Claudia Braun –, wie eine gemeinsame Herausgabe des Bodhibaum aussehen könnte. Sie boten uns an, dass wir Beiträge für den Bodhibaum schreiben könnten, aber das war uns zu wenig. So entstand in vielen Gesprächen mit Thomas (Tom) Geist die konkrete Idee einer eigenen Zeitschrift, die wir Lotusblätter nennen wollten. Erst nach einigen Ausgaben fiel uns auf, dass wir die englische Schreibweise, Lotus, gewählt hatten, statt des korrekten deutschen Begriffs Lotos. Der Dachverband sollte sie zwar herausgeben, doch in ihrer redaktionellen Arbeit sollte die Zeitschrift frei sein für ihre drei Aufgaben: die Vielfalt des Buddhismus in Deutschland und im Westen zu zeigen und ihn zugleich kritisch zu begleiten sowie das Gespräch zwischen den Traditionen und Schulen im schriftlichen Ausdruck zu fördern.

 

 

Sylvia Wetzel zur Zeit der Gründung der Lotusblätter

Einladung zum Kirchentag

Die Einladung zum Evangelischen Kirchentag in Frankfurt am Main im Mai 1987 gab unseren Ideen Schwung und befeuerte unsere Inspiration, denn bis dahin wollten wir gerne eine Nullnummer in den Händen halten. Der evangelische Theologe Professor Edmund Weber aus Darmstadt war so angetan von seiner Begegnung mit dem tibetischen Geshe Thubten Ngawang aus Hamburg gewesen, dass er gleich den ganzen Dachverband eingeladen hatte, als Gast seiner freikirchlichen Gemeinde am Kirchentag teilzunehmen. Seine Gemeinde sah und sieht den Dialog mit anderen Religionen, vor allem mit dem Hinduismus und Buddhismus als wichtigen Teil ihrer Arbeit. Die gemeinsame Gestaltung von Vorträgen, Meditationen und Gesprächsgruppen sowie ein gemeinsamer Stand auf dem Kirchentagsgelände ließen unter den dabei mitwirkenden DBU-Gemeinschaften ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und viel Vertrauen entstehen. Das inspirierte die weitere Arbeit des neuen Vorstandes und der Redaktion nachhaltig.

Kurz nach dem Kirchentag beschloss der Vorstand der DBU und das Aryatara Institut (dessen Erste Vorsitzende ich bis Ende 1988 war), sich in den Räumen des Zen-Dojo der Deshimaru-Linie (geleitet von Dieter Bünker) einzumieten. Die räumliche Nähe machte auch die Herausgabe der Lotusblätter leicht. Auf einer geliehenen (!) Speicherschreibmaschine verfassten Tom Geist und Dieter Bünker die ersten Ausgaben.

Viele tatkräftige Menschen trugen dazu bei, dass die Lotusblätter schnell zu einem anerkannten und beliebten Medium des Austauschs und zum Ausdruck unserer gemeinsamen Bemühungen um eine kulturelle Reflexion des Buddhismus im deutschsprachigen Raum wurden. Ich könnte viele Namen nennen, aber ich will vermeiden, vielleicht wichtige zu vergessen, und bedanke mich hier bei allen, die mitgearbeitet haben, ohne Nennung ihrer Namen. Zwölf Jahre, von 1987 bis 1999, war ich Teil der Redaktion, nach dem Rückzug von Karl Schmied 1988 dann mit Alfred Weil in Vorstand und Redaktion, und ich habe (fast) jede Stunde dieser Arbeit genossen. Es war nie leicht, die vielen Stimmen, die sich mit sehr unterschiedlichen Ansichten zum Buddhismus im Allgemeinen und Speziellen äußern wollten, zu einem inhaltlich und stilistisch stimmigen „Blumenstrauß“ zusammenzubinden.

Uns ging es immer darum, bewährten und neuen Schulen und Traditionen, aber auch unkonventionellen Ansätzen im Bereich buddhistischer Kunst Raum zu geben. Eines meiner großen Anliegen war und ist die sozialpolitische Reflexion des Buddhismus im Hinblick auf seine sehr unterschiedlichen und manchmal eher altmodischen beziehungsweise vormodernen Frauen- und Gesellschaftsbilder. Meine Toleranz für vormoderne Ansichten ist bei Lehrern aus Asien allerdings sehr viel größer als bei westlichen Übenden und Lehrenden. Es gibt immer noch Menschen im modernen Westen, die scheinbar nicht in unserer Epoche leben und leben wollen, sondern sich mithilfe des Buddhismus in die Vormoderne zurücksehnen und dort einrichten wollen. Auch diese Menschen brauchen ihren Raum, ich gestehe aber, dass ich froh bin, dass sie die innerbuddhistische Diskussion hier bei uns nicht dominieren. Ich wünsche der 2004 in BUDDHISMUS aktuell umbenannten Zeitschrift weiterhin wertschätzende und kritische Leserinnen und Leser, mutige, inspirierte Redaktionsmitglieder und Autorinnen und Autoren mit einem weiten Horizont, die die Verwurzelung und Inkulturierung des Buddhismus im Westen kritisch und mit Wertschätzung und heiterer Gelassenheit begleiten.

 

 

Tom Geist

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Sylvia Wetzel

Sylvia Wetzel befasst sich seit 1968 mit psychologischen und politischen Wegen zur Befreiung und seit 1977 mit dem Buddhismus. Sie unterrichtet seit 1986 Entspannung, Meditation und Buddhismus im deutschsprachigen Raum und in Spanien. Ihr besonderes Interesse gilt der Reflexion von kulturellen Bedingungen und Geschlechterrollen. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher. Sylvia Wetzel ist auch Ehrenrätin der Deutschen Buddhistischen Union, in deren Rat sie 15 Jahre aktiv mitgearbeitet hat, davon 9 Jahre im Vorstand. Sie ist Mitbegründerin und war zwölf Jahre Redakteurin der Zeitschrift "Lotusblätter", die später in BUDDHISMUS aktuell umbenannt wurde. Weitere Informationen: www.sylvia-wetzel.de
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