„Ich habe nichts Falsches getan“ – Über den buddhistisch-burmesischen Künstler Htein Lin

Der buddhistisch-burmesische Künstler Htein Lin wurde von der Militärregierung verfolgt, verbrachte sieben Jahre im Gefängnis, musste hungern, wurde geschlagen, ging ins Exil. Um bedeutsame Kunst zu schaffen, musste er nach Myanmar zurückkehren.

Ein Beitrag von Cara Wuchold veröffentlicht in der Ausgabe 2017/3 unter der Rubrik Kunst und Kultur

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Eine Performance in einer Galerie in Yangon, früher Rangun, der Ex-Hauptstadt Myanmars. Der Künstler Htein Lin sitzt auf der hölzernen Empore. Ihm gegenüber eine Frau, eine ehemalige politische Gefangene wie Htein Lin selbst. Er nimmt einen Gipsabdruck ihrer rechten Hand und unterhält sich mit ihr: über den Tag ihrer Verhaftung, über die Zeit im Gefängnis, ihre Überlebensstrategien. Sie erzählt, wie sie und ihre Mithäftlinge jeden Abend Lieder sangen, um den Mut nicht zu verlieren. Fängt an zu singen, bis ihre Stimme bricht.

 

Das war im Jahr 2014. Da trägt die Militärregierung schon Zivil. Nach jahrzehntelanger Gewaltherrschaft hatte das diktatorische Regime einen Öffnungsprozess eingeleitet. Internationale Isolation und Sanktionen hatten das Land in eine fatale Abhängigkeit von China getrieben. Die Generäle sahen sich dadurch wohl gezwungen, Reformen einzuleiten. Die Galeriewände sind gepflastert mit Porträts der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Kurz zuvor wäre das noch unmöglich gewesen. Wie weit die Freiheit zum Zeitpunkt der Performance reicht, weiß niemand so genau.Künstler wie Htein Lin testen die Grenzen aus. Er lässt sich nicht einschüchtern, trotz seiner Vergangenheit.

 

Htein Lin ist ein „88er“, war als Student beteiligt an dem friedlichen Volksaufstand für Demokratie im Jahr 1988, der nur etwa einen Monat währte und vom Militär blutig niedergeschlagen wurde, und ging anschließend in den Untergrund. Zunächst in ein Flüchtlingscamp an der indischen Grenze, später in ein Rebellenlager nahe China. In dem zweiten wurden er und andere misshandelt: von ehemaligen Mitkämpfern, ebenfalls Studenten, die sie als Polizeispitzel verdächtigten. Htein Lin konnte fliehen, doch es sollte nicht seine einzige Gewalterfahrung bleiben.1998 verhaftete ihn die Militärregierung. Er wurde oppositioneller Aktivitäten bezichtigt und verbrachte fast sieben Jahre im Gefängnis, auch eine Weile im wohl berüchtigtsten, Insein, nahe Yangon. Er musste hungern, wurde geschlagen, kam in Einzelhaft, einmal sieben Monate am Stück. Und doch sagt der heute 50-Jährige: Die Jahre im Gefängnis seien die wichtigsten seines Lebens. Da habe er seine Verantwortung als Künstler gespürt: zu dokumentieren. Habe seine Kunst, das Konzept, die Techniken weiterentwickelt. Er war eingesperrt, trotzdem habe er nie wieder so frei arbeiten können. „Jetzt haben wir keinen Zensor mehr, aber sind wir frei?“, fragt er. Htein Lin trägt sein schwarzes Haar kurz geschoren und seine Augen funkeln wach, prüfen sein Gegenüber. Statt von der Regierung ließen die Künstler sich von der Öffentlichkeit beeinflussen.

 

Weitermalen – unter schwersten Bedingungen

Während der Haftzeit malte er weiter, unter schwierigen Bedingungen: ohne Pinsel, auf Laken oder den weißen Longyis, traditionellen Wickelröcken, die ihm Mithäftlinge schenkten oder gegen Zigaretten tauschten. Ein Gefängniswärter unterstützte ihn heimlich. „Er brachte mir Farbe. Ich hatte nur wenig Zeit zu malen, so zwei Stunden von Mitternacht an. Ich arbeitete trotzdem viel, schuf an die 300 Werke auf Stoff und mehr als 1 000 Zeichnungen. Nur der Wärter sah es, vielleicht noch die Zellengenossen. Sonst konnte ich meine Arbeit keinem zeigen, war abgeschnitten vom Kunstmarkt, von den Kritikern und dem Publikum. Da ging es allein um den Wunsch, kreativ zu sein.“ Etwa 200 Werke konnte er retten, darunter Six Fingers. Das Bild zeigt einen liegenden Mann mit offenem Mund und geweiteten Augen zwischen Gittern, drei Finger an jeder Hand. Die ehemalige britische Botschafterin in Myanmar, Vicky Bowman, schmuggelte seine Gefängnis-Bilder als Diplomatengepäck aus dem Land. Die beiden trafen sich auf einem Kunstevent nach seiner Freilassung. „Als Erstes fielen mir die Narben auf seinem Kopf auf. Ich vermutete, dass sie aus dem Gefängnis stammten, was tatsächlich stimmte“, sagt Bowman. Die beiden heirateten und Htein Lin verbrachte einige Jahre im Londoner Exil. Erst 2013 gingen er und seine Frau mit den gemeinsamen Töchtern zurück in sein Heimatland. Ein wichtiger Schritt. Auch wenn er in London viel gelernt habe über zeitgenössische Kunst. „Das Level an Wissen ist wirklich hoch, und es ist ein fantastischer Ort für Künstler, um ihre Arbeiten zu zeigen. Aber es war schwierig für mich, konzeptuell zu arbeiten, an geeignete Materialien zu kommen und auch aufgrund der kulturellen Unterschiede. Um wirklich bedeutsame, stark verankerte Kunst zu schaffen, musste ich hierher zurückkehren.“

 

 

© Alex Bescoby / Grammar Productions

 

Gips als Symbol für Verletzung und Heilung

Dabei hat er die Gesellschaft im Blick. Der soziale Gedanke ist ihm wichtig. Das zeigt nicht zuletzt sein Gips-Projekt „A Show of Hands“. In einer ersten Ausstellung 2016 wurde es im wiedereröffneten Goethe-Institut in Yangon gezeigt. Etwa 500 politische Ex-Häftlinge hat er dafür bisher getroffen, erklärt Htein Lin heute. Er hat Abdrücke genommen und ihre Geschichten aufgezeichnet. Eine beeindruckende Wandinstallation ergab das. Mehr als 3 000 politische Gefangene habe es gegeben, schätzt Htein Lin – also arbeitet er weiter. Warum eigentlich Gips? „Wenn du einen Unfall hast, dir etwas gebrochen hast, dann unterstützt der Gips die Heilung. Dieses Land war kaputt während des Militärregimes – es gab viel Leid. Aber die politischen Gefangenen wirkten wie ein Gipsverband, opferten sich auf. Es ist auch eine Art Seelsorge. Manchmal sagen sie mir: Ich bin sehr froh, dass du dich an uns erinnerst.“

 

Die Gräuel zu Zeiten der Militärdiktatur nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, darum geht es bei diesen Aufzeichnungen – und um noch mehr. Das zeigte sein Besuch in einem Städtchen nördlich von Yangon. „In Bago habe ich zum Beispiel über 40 politische Gefangene getroffen – sie waren stolz darauf, es war wie eine kleine öffentliche Performance. Da habe ich realisiert, dass es bei der Arbeit auch um die menschliche Würde geht. Man lernt, wie Menschen in schwierigen Situationen Überlebensstrategien entwickeln.“ Er selbst schaffte das mithilfe der Kunst – und seiner politischen Überzeugungen. „Ich wollte den Autoritäten beweisen, dass ich nichts Falsches gemacht hatte. Sie sollten eines Tages sehen, dass wir im Recht waren, nicht sie – so wie heute.“Noch etwas anderes hat der Künstler im Laufe seines Lebens gelernt: dass sich Demokratie nicht durch bewaffneten Kampf herstellen lässt. Htein Lin ist Buddhist. Bei unserem Interview 2014 führt er mich in ein Straßencafé im muslimischen Viertel in Yangon, unweit der großen Bengali-Sunni-Jamas-Moschee und der Biryani-Restaurants mit ihren dampfenden Reistöpfen. Wir sitzen auf den kleinen Höckerchen, die überall in Yangon zu finden sind, essen Samosas, gefüllte Teigtaschen, und trinken Tee. Er macht mich darauf aufmerksam, dass er wahrscheinlich der einzige Buddhist hier sei, der einzige Birmane. Aber er trägt einen indischen Kaftan, um uns herum sitzen Männer aus der indisch-islamischen Community. „Du musst zeigen, wie es sich zusammenleben lässt“, sagt Htein Lin. Für ihn ist das ein Akt der Solidarität, ein Zeichen des Respekts gegenüber der muslimischen Minderheit.

 

ENDE DER LESEPROBE

 

 

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Cara Wuchold

Cara Wuchold ist freie Journalistin mit einem Schwerpunkt auf soziokulturellen Themen und Redakteurin bei Deutschlandfunk Kultur. Sie ist Mitgründerin und Redakteurin beim Onlinemagazin neukoellner.net (Grimme Online Award) sowie Journalismusdozentin an der Universität der Künste Berlin. Sie interessiert sich sehr für Vipassana- Meditation.
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