Worte des Herzens

Inspiration, vorgetragen von Lama Yeshe Sangmo, auf der Abschlussveranstaltung des Kongresses der Deutschen Buddhistischen Union „Leben und Sterben“ im September 2016 in Potsdam.

Ein Beitrag von Lama Yeshe Sangmo veröffentlicht in der Ausgabe 2017/1 unter der Rubrik Inspirationen

Denke ich an den Tod, so erinnere ich mich daran, dass ich, wenn ich sterbe, alles, was ich in den Jahren meines Lebens angehäuft habe, sei es Wissen, Freunde, Anerkennung, Familie, Bestätigung, vielleicht auch Besitz, mein Körper oder der Körper der Welt – alles, womit ich mich identifiziere –, loslassen muss.


Alle Spiegel, die mir das Gefühl geben, dass es mich gibt, lösen sich im Tod auf.


Alle meine vertrauten Bezugspunkte, an denen ich mich jetzt orientiere, lösen sich dann auf.


Und mir ist klar, das wird nicht leicht sein.


Deshalb übe ich mich jetzt darin, in diesem Moment, in dem ich mich im Bardo des Lebens befinde und die freie Wahl der Entscheidung habe, mein Leben auf Liebe und Mitgefühl und Achtsamkeit auszurichten.


Deshalb übe ich mich jetzt darin, meine destruktiven Verhaltensmuster und Emotionen und die damit verbundenen schädlichen Handlungen zu unterlassen.


Deshalb arbeite ich jetzt daran, meinen karmischen Koffer, der mich im Sterbeprozess und in alle Bardos begleiten wird, so gut zu packen, wie es mir möglich ist.


Ich arbeite jetzt daran, meine tiefe Gewohnheit, auf alles spontan mit Anhaftung oder Ablehnung zu reagieren, zu lockern.


Ich arbeite jetzt daran, meinen festen Glauben, dass da ein festes ICH sei, wieder und wieder infrage zu stellen.


Wenn ich an den Tod denke, erinnere ich mich daran, dass der Buddha und meine Meister sagen, dass alles, was lebt, die Buddhanatur hat: Grundsätzliche Weisheit, geistige Gesundheit und reines, nacktes Gewahrsein sind unser wahres Zuhause.


Deshalb darf ich meine Ängste loslassen, ich darf tief entspannen und in tiefes Vertrauen gehen.


Ich darf mich dem Raum anvertrauen.


Das ist Meditation.


Deshalb ist es wichtig, dass ich an den Tod denke.


Ich öffne mich wieder und wieder und freue mich, dass ich lebe.

 


Vorgetragen auf der Abschlussveranstaltung des
Kongresses der Deutschen Buddhistischen Union „Leben und Sterben“
im September 2016 in Potsdam.

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Lama Yeshe Sangmo

Lama Yeshe Sangmo (Ilse Pohlan) leitet das buddhistische Studien- und Meditationszentrum Dharmazentrum-Möhra in Thüringen. Sie ist Vorsitzende des Vereins Karma Kündrol Püntsok Ling e.V. und der Karmapa Stiftung Möhra.
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