"Nenne mich bei meinem wahren Namen" – Zum 90. Geburtstag von Thich Nhat Hanh

Thich Nhat Hanh zählt zu den bekanntesten buddhistischen Lehrern unserer Zeit. Er ist Vertreter eines engagierten Buddhismus, Dichter und Kalligraph. Mittlerweile lehrt er ohne Worte. Im Oktober wurde er 90 Jahre alt.

© EIAB

Ein Beitrag von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2016/4 unter der Rubrik Porträt

Dies ist eine Leseprobe.

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Eine Würdigung von Ursula Richard

 

Kriegsjahre und engagierter Buddhismus

 

In der historischen Dimension wird Thich Nhat Hanh 1926 als Nguyen Xuan Bao in der alten Hauptstadt Hué geboren. Mit 16 Jahren wird er Novize in einem buddhistischen Kloster. Auch wenn seine Eltern diesen Schritt nicht befürworten, legt er mit 23 die vollen Mönchsgelübde ab. In Saigon beschäftigt er sich neben seinen buddhistischen Studien intensiv mit Literatur, Psychologie und Philosophie, und er wird schon bald zu einer führenden Stimme bei der Erneuerung des Buddhismus in Vietnam, der Ausgestaltung eines engagierten Buddhismus. Es ist eine Zeit des Aufbruchs und eine Zeit der Zerstörung.„Acht Jahre lang, von 1946 bis 1954“, erinnert sich Thich Nhat Hanh in „The Way In“, „war der Krieg mit den Franzosen – der ‚dreckige Krieg‘ wie Jean-Paul Sartre ihn nannte – allgegenwärtig. Die Wände unseres Tempels in Hué waren von Einschusslöchern durchsiebt. Die Geräusche der Gewehrfeuer und Explosionen waren aus allen Richtungen zu hören und die Kugeln flogen über unser Dach. Französische Soldaten durchkämmten unsere Tempel auf der Suche nach Widerstandskämpfern und Nahrung, und sie forderten von uns noch die letzten Reiskörner.“

 

1954, nach der Niederlage der Franzosen, wird Vietnam in einen kommunistisch regierten Norden und einen von den USA unterstützten kapitalistischen Süden geteilt und der „eigentliche“ Vietnamkrieg (1955–1975), ein Stellvertreterkrieg im Kalten Krieg der Großmächte, beginnt. 1964 gründen Thich Nhat Hanh und seine Weggefährten die „Schule der Jugend für Soziale Dienste“ (SYSS) und die Van-Hanh-Universität. „Unsere Vision für die Universität war“, so schreibt er, „den offenen Geist, wie er in den Bildungssystemen der alten vietnamesischen Dynastien geherrscht hatte, wiederzubeleben, den Geist der Jungen von dogmatischen Studien zu befreien und ihnen die Qualitäten von Verstehen, Liebe und Vertrauen zu vermitteln, die unser Land retten könnten.“ Die SYSS startet Ausbildungsprogramme und Projekte, um Kriegsopfer und Kriegswaisen zu unterstützen, hilft beim Wiederaufbau von zerstörten und zerbombten Dörfern und gründet lokal verwaltete Musterdörfer, um die Fähigkeit der Menschen zur Selbstorganisation zu demonstrieren.

 

Im Februar 1966 ordiniert Thich Nhat Hanh die ersten sechs Mitglieder des Intersein-Ordens, drei Frauen und drei Männer. Heute, 50 Jahre später, hat der Orden weltweit über 1 000 Mitglieder. Unter den sechs ersten ist eine junge Biologin namens Cao Ngoc Phuong, die als Schwester Chan Khong auch heute noch an seiner Seite ist. Thich Nhat Hanh stellt den Ordensmitgliedern frei, als Nonnen, Mönche oder Laien zu praktizieren. Die drei Männer entscheiden sich zu heiraten und ein Familienleben zu führen; die drei Frauen entscheiden sich für ein zölibatäres Leben. Eine von ihnen ist Nhat Chi Mai, die sich 1967 als Weckruf für den Frieden selbst verbrennt.

Immer wieder betonen Thich Nhat Hanh und seine Weggefährtinnen und -gefährten von der SYSS, dass sie sich für die Notleidenden in diesem Krieg einsetzen und nicht gegen eine der beiden Kriegsparteien kämpfen. Dennoch wird ihnen eine Parteinahme vorgeworfen. Als Thich Nhat Hanh 1966 eine Einladung der Cornell University in den USA zu einer Vortragsreise annimmt, gibt ihm das die Gelegenheit, sich direkt an das USamerikanische Volk zu wenden, vom Leid der vietnamesischen Bevölkerung zu berichten und zum Frieden aufzurufen. Danach wird ihm von der südvietnamesischen Regierung die Rückkehr nach Vietnam verweigert – 40 Jahre lang wird er sein Heimatland nicht mehr betreten können. Thich Nhat Hanh setzt seine Friedensbemühungen vom Ausland aus fort. Von Martin Luther King wird er für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

 

 

 

 

Martin Luther King jr. und Thich Nhat Hanh 1966 | © Parallax press

 

"Sweet Potatoes"


Der Krieg endet 1975 mit dem Sieg der Nordvietnamesen. Er hat Millionen Menschen das Leben gekostet, das Land zudem durch Napalmbomben und das Besprühen mit Agent Orange, einem chemischen Entlaubungsmittel, von Flugzeugen aus verwüstet und vergiftet. Noch heute leiden Menschen gesundheitlich unter den Folgen dieser Kriegsführung, bei der die Amerikaner mehr als doppelt so viele Tonnen Bomben abwerfen wie im Zweiten Weltkrieg. Im Exil in Frankreich engagiert Thich Nhat Hanh sich dann gemeinsam mit Schwester Chan Khong jahrelang für die Vietnamesen, die als Folge des Siegs des kommunistischen Regimes als sogenannte Boat People aus Vietnam fliehen. Gleichzeitig gründen sie das erste Praxiszentrum im Westen: Sie erwerben im Südwesten von Paris ein Stück Land mit einem winzigen Haus darauf und nennen es „Sweet Potatoes“. Zu Beginn leben dort elf Menschen und schon bald wird es zu klein. 1982 kauft die Gemeinschaft in Südfrankreich ein größeres Gelände, auf dem „Plum Village“ entsteht, das sich aus mehreren Weilern zusammensetzt und bis heute das Zentrum seiner weltweiten Gemeinschaft bildet. Gegenwärtig leben dort rund 200 Mönche, Nonnen und Laien, von Tausenden von Menschen wird es jährlich aufgesucht. Daneben gibt es mittlerweile etliche weitere Praxiszentren in den USA, Hongkong, Taiwan, Thailand, Australien und – seit 2007 – im Bergischen Land in Waldbröl. Längst ist Thich Nhat Hanh zu der neben dem Dalai Lama weltweit einflussreichsten buddhistischen Persönlichkeit geworden.


„Ich kann jetzt sehr deutlich sehen“, schreibt er in „The Way In“, „dass alles, was entstanden ist, eine Fortführung, eine neue Manifestation des Vorherigen war. Das Bambuswaldkloster in Saigon, unsere Zuflucht und unsere Basis in unseren sehr aktiven Zeiten während der 1960er-Jahre, war die Fortführung des Bambuswaldklosters in Hué, wo wir als Novizen in den 1940er-Jahren studiert und praktiziert hatten. Heute wird unsere Arbeit, werden wir von der jüngeren Generation der Nonnen und Mönche überall in der Welt fortgesetzt. Auch in unseren Gedichten existieren wir weiter.“

ENDE DER LESEPROBE

 

 

Thich Nhat Hanh, 1980 | © Plum Village

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Ursula Richard

Ursula Richard, Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell, ist seit mehr als zwanzig Jahren auf dem spirituellen Weg. Sie übt Zen und ist vertraut mit buddhistischer Psychologie und Praxis. Sie war langjährige Programmleiterin eines spirituellen Verlags, ist Gründerin der Literaturmanufaktur, einer Autoren- und Verlagsagentur für Spiritualität und Lebenskunst, ist Herausgeberin spiritueller Bücher und Übersetzerin u.a. von Thich Nhat Hanh sowie Verlegerin des Verlags edition steinrich.
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