Im Mund immer faules Wasser

In der absoluten Wirklichkeit mag es weder Gut noch Böse geben, aber ein Blick in die relative Welt zeigt, wie real diese Zuschreibungen sind. Wenn Menschen einander schreckliche Dinge antun, können wir dann an das Gute im Menschen glauben? Zen-Meister Zoketsu Norman Fischer untersucht das Spannungsverhältnis von Gut und Böse vor dem Hintergrund der Zen-Lehren.

© thezendiary.com

Ein Beitrag von Norman Fischer veröffentlicht in der Ausgabe 2016/4 unter der Rubrik SCHWERPUNKT: gut leben

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Enthauptungen. Drohnenangriffe. Selbstmordattentate. Massentötungen in Einkaufszentren, Kinos und Bürogebäuden. Religiöse Fanatiker, die Unschuldige abschlachten. Im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege, der Holocaust, verheerende Hungersnöte, Atomwaffen. Wie konnte unsere vernünftige, wissenschaftliche, aufgeklärte und fortschrittliche Kultur so viel Schrecken, Verwirrung und Verzweiflung verursachen? Wie vereinbaren wir unsere Hoffnung, Menschen seien im Grunde gut, mit all dem Schlechten in der Welt?

 

Der Zen-Buddhismus wird für gewöhnlich als nondualistische Tradition beschrieben. Im Reich des Absoluten – von Einssein und Buddhanatur – sind Gut und Böse Aspekte der einen Wirklichkeit. Gleichzeitig gibt es im Zen aber auch Gebote, die moralische Regeln beschreiben, ähnlich wie in anderen Religionen und humanistischen Programmen auch: nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen.

 

Das Sein als absoluter Grund der Ethik

 

In der Gebotspraxis des Zen stellt das Sein selbst den absoluten Grund der Ethik dar. Weil wir und die Welt existieren, gibt es Gebote. Dinge sind. Leben ist. Und darin ist auch Nichtsein eingeschlossen. Ein Moment, der auftritt, ist ein Moment, der vorübergeht. Geboren zu werden ist der Anfang des Sterbens. Das ist traurig und tragisch und es ist uns wahrscheinlich unmöglich, es vollständig zu akzeptieren. Dennoch können wir die Unermesslichkeit des Seins spüren – ebenso wie die Seltsamkeit des Nichtseins.

 

 

 

© David Gabriel Fischer

 

Dass wir unser Leben in dieser Grundwahrheit verankern, ist die Frucht unserer Praxis. Hiervon rührt die Lehre des „nicht vorhandenen Unterschieds von Gut und Böse“. Sie ist wesentlich. Aber sie kann nicht aus ihrem Kontext herausgelöst werden. Wenn Böses verübt wird, wird es zu einer Tatsache des Seins. Wenn IS-Kämpfer Menschen enthaupten oder Kinder als Selbstmordattentäter missbrauchen, wird Böses verübt. Es wird zu etwas, was ist. Auf irgendeine Weise müssen wir es annehmen, so schwer das auch sein mag, denn es ist nun Teil unserer Welt, Teil des menschlichen Lebens. Das bedeutet nicht, dass wir es im moralischen Sinne akzeptieren oder billigen müssten oder dass wir nicht alles in unserer Macht Stehende tun sollten, um zu verhindern, dass es wieder geschieht. Es bedeutet lediglich, dass wir es als etwas akzeptieren müssen, was geschehen ist. In dieser Weise verstehe ich die absolute Ebene: Wenn Böses existiert, akzeptieren wir es als existierend, ebenso wie wir einen Verlust akzeptieren, auch wenn wir über ihn traurig sind. Wenn wir die Wirklichkeit leugnen oder uns weigern, sie so, wie sie ist, anzunehmen, werden wir nicht in der Lage sein, mit ihr umzugehen. Wir werden vielmehr die gleichen Fehler ständig wiederholen. Verluste können, wenn wir sie nicht akzeptieren, unser Leben zerstören. Der Versuch, unseren Schmerz zu lindern, indem wir die Übeltäter ermitteln und schwören, sie auszuradieren, als wenn das den festen Griff des Schmerzes über den Verlust aufheben würde, wird scheitern. Er wird den Berg an Bösem nur noch höher machen.


ENDE DER LESEPROBE

 

 

 

© David Gabriel Fischer

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Norman Fischer

Zoketsu Norman Fischer ist Lyriker und Zen-Priester in der Soto-Tradition von Shunryu Suzuki. Im Jahr 2000 hat er die Everyday Zen Foundation, ein Netzwerk von Gemeinschaften in den USA, Kanada und Mexiko gegründet.
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