Gutes Leben gut leben

Jede Epoche, Kultur und Religion hat ihre eigene Vorstellung vom Guten Leben. Die Religionsphilosophin Ursula Baatz gibt im Folgenden einen kurzen Überblick über die verschiedenen Konzepte eines Guten oder Besseren Lebens.

© evrenkalinbacak, 123rf.com

Ein Beitrag von Dr. Ursula Baatz veröffentlicht in der Ausgabe 2016/4 unter der Rubrik SCHWERPUNKT: gut leben

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Wer hätte es nicht gerne, das „Gute Leben“. Man könnte die Suche danach als anthropologische Konstante bezeichnen – denn hinter Mythen und Legenden, ökonomischen Theorien, städteplanerischen Initiativen, philosophischen Fragen, theologischen Überlegungen, kritischen feministischen Projekten, rechtlichen Gutachten, aber auch in Überlegungen zum Finanzwesen oder Anweisungen zur Gesundheitsvorsorge stehen Bilder vom Guten Leben. Die kollektiven Überlieferungen lassen sich bis in die Bronzezeit zurückverfolgen – der Traum vom Land, „wo Milch und Honig fließen“, der „Garten Eden“, die Mythen vom „Goldenen Zeitalter“ bei den griechischen Dichtern wie Hesiod und dem Römer Vergil, die „Reinen Länder“ des Buddhismus, das Märchen vom Schlaraffenland sind Geschichten, die bis heute bekannt sind und sich als Typus in den allermeisten Kulturen finden. Die Sehnsucht nach Genuss, Überfluss und Rausch als Überschreitung des Alltäglichen, aber auch nach Frieden und Unversehrtheit des Lebens, nach langem Leben finden sich in diesen überlieferten Geschichten. Gesellschaftliche und religiöse Regeln und Normen sollen einerseits die Bedingungen für Gutes Leben in einer Gemeinschaft garantieren. Andererseits stehen sie auch immer wieder diesem Wunsch im Wege. Alle religiösen, politischen, philosophischen, psychotherapeutischen oder anderen Konzepte des Guten Lebens sind daher immer ambivalent.* Die Sehnsucht nach einem imaginierten Ort des Guten Lebens und der Wunsch, wenn schon kein Gutes, dann wenigstens ein Besseres Leben zu haben, sind beides wichtige, historisch wirksame Impulse für Veränderung. Aufstände und Revolutionen, aber auch viele Erfindungen waren Ergebnisse dieses Wunsches.

Mythischer Ort des ungebrochenen Guten Lebens


Was genau das Gute Leben ausmacht, darüber gehen die Ansichten jedoch auseinander, sowohl unter Individuen als auch unter Epochen und Kulturen. Ganz sicher aber gehören frisches Wasser, ausreichende, gute Nahrung und die Sicherheit des eigenen Lebens und der eigenen (Groß-)Familie zu den grundlegenden Bedürfnissen. Im Alten Orient war es die Aufgabe der Könige, für Fruchtbarkeit und Wohlergehen der Menschen unter ihrer Herrschaft zu sorgen. Die von Wasserkanälen durchzogenen Gartenanlagen, von denen schon das bronzezeitliche Gilgamesch-Epos berichtet, dienten zunächst nicht dem Vergnügen der Elite, sondern der Samenzucht für die Anfänge der Landwirtschaft. „Paradeisos“ nannten die Perser diese Gärten später, daher kommt das Wort „Paradies“ – ein mythischer Ort des ungebrochenen Guten Lebens. Der Aufenthalt und Zugang zum Paradies ist allerdings an ethische Bedingungen geknüpft – so nennt zum Beispiel der biblische Mythos ein allgemeines Tötungsverbot, weswegen sich Tiere und Menschen im Paradies vegetarisch ernähren.


Das Goldene Zeitalter, Gemälde von Lucas Cranach, dem Älteren, um 1530

 

 

In dem antiken Mythos vom „Goldenen Zeitalter“, dem Ovid einen ganzen Abschnitt in seinen Metamorphosen widmet, gibt es nicht nur kein Privateigentum, sondern auch keine Rechtsprechung – weil in dieser Rückwärtsphantasie die Menschen in Einklang mit der Natur und in Frieden untereinander leben. Auch das macht deutlich, dass die Sicherung des Überlebens, Wohlergehen und ein selbstbestimmtes Leben zu den Ingredienzien der Entwürfe eines Guten Lebens gehören. Bei Konfuzius (551–479 v. u. Z.) steht die Selbstbestimmung allerdings nicht hoch im Kurs. In seiner Ethik nennt er als Bedingung für ein gelingendes Leben, dass die Mitglieder einer Gesellschaft tugendhaft und unter Absehung von Eigeninteressen ihre sozialen Rollen ausfüllen und sich dabei von den Riten und Sitten leiten lassen. Sein Zeitgenosse Laozi hält dagegen: In einer von Kriegen und politischen Intrigen gezeichneten Zeit plädiert er für den Rückzug aus der Gesellschaft als Vorbedingung für ein gelingendes Leben im Einklang mit dem Dao. Auch in den Felsedikten des indischen Kaisers Ashoka (circa 290–232 v. u. Z.), in denen er nach seiner Annahme des Buddhismus Regeln für ein Gutes Leben seiner Untertanen festhielt, fehlt die Selbstbestimmung. Im Buddhismus, der in einer feudalen Kastengesellschaft entstand, war das Bemühen um Gutes Leben Nebensache, da die asketische Anstrengung dem befreienden Erwachen galt. Erst im 20. Jahrhundert, als Folge sowohl der westlichen Kolonialherrschaft als auch der Begegnung mit dem Christentum, wurde die gesellschaftliche Dimension relevant.

 

ENDE DER LESEPROBE

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Dr. Ursula Baatz

Ursula Baatz ist prom. Philosophin, Wissenschafts- und Religionsjournalistin sowie Mitherausgeberin der poly - log-Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren. Sie ist langjährige Zen-Praktizierende und Autorin u. a. von „Erleuchtung trifft Auferstehung. Zen-Buddhismus und Christentum. Eine Orientierung“.
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