Zen-Gärten. Schönheit, die nicht still steht

Der Fotograf Thomas Kierok hatte die Gelegenheit, bei einem Japanaufenthalt den weltbekannten Zen-Priester und Zen-Garten-Designer Shunmyo Masuno zu treffen. Über die Faszination von alten und modernen Zen-Gärten und seine Begegnung mit Shunmyo Masuno sprach er mit Ursula Richard.

Shunmyo Masuno. © Thomas Kierok

Ein Interview mit Thomas Kierok geführt von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2016/2 unter der Rubrik Im Gespräch

UR: Ist die Beschäftigung mit Zen-Gärten Teil seiner Familientradition?

TK: Er fuhr als kleiner Junge oft mit seinem Vater nach Kyoto, um sich Gärten anzuschauen, und war früh davon fasziniert. Früh begann er auch zu zeichnen und ging schließlich in die Lehre bei einem der berühmtesten japanischen Zen-Garten-Architekten. Dieser blieb sein Vorbild. Gleichzeitig trat er in die Fußstapfen seines Vaters und wurde Priester. Seitdem arbeitet er vornehmlich an den Wochenenden als Priester und wochentags als Architekt. Auch wenn die Arbeit als Architekt den Großteil seiner Zeit beansprucht, ist er doch emotional vorrangig als Priester tätig. Er lebt im Tempel. In dessen Empfangshaus befindet sich sein Büro. Er hat um die zehn Angestellten, mit denen er an acht bis zwölf Projekten weltweit parallel arbeitet. Die Entwicklungszeit der Projekte differiert zwischen zwei und zehn Jahren. Zudem ist er Professor an einer japanischen Universität. Shunmyo Masuno hat als ältester Sohn die Tradition der Zen-Priesterschaft weitergeführt. Sein jüngerer Bruder Yoshi ist sein Manager im Projektentwicklungsbereich. Er organisiert seine Reisen und betrachtet ihn als einen wahrhaften Künstler. 

UR: Sie erzählten, dass Shunmyo Masuno sich als Letzter seiner Art weltweit betrachtet.

TK: Shunmyo Masuno betrachtet Zen-Philosophie, Zen-Praxis und die Gestaltung der Gärten als eins. Er sieht sich als den Letzten, der aus dieser religiösen Inspiration heraus Gärten gestaltet. Früher gehörte es zu den Aufgaben der Priesterschaft, die Gärten der Tempel zu entwerfen und zu pflegen. Heute ist er der letzte, der dies in Japan und damit auch weltweit tut. Unter seinen Angestellten befindet sich kein Zen-Priester. Es sind Studierende von der Universität, an der er unterrichtet. Er ist 63 Jahre alt und vermutlich wird diese Tradition mit ihm aussterben. 

UR: Shunmyo Masuno hat Angestellte, die seine Entwürfe umsetzen. Die Steine setzt er aber selbst?

TK: In Masunos Leben sind die spirituelle und die berufliche Seite miteinander verbunden. Er ist Priester, aber eben auch Architekt mit einem Büro, Angestellten und einem Manager. Seine Projekte haben mitunter ein Budget von mehreren Millionen Euro und treten in Wettbewerb mit anderen Architekturbüros. Seine Zen-Philosophie macht seine Entwürfe einzigartig und bedingt auch, dass er die wichtigsten Entscheidungen, zum Beispiel die Auswahl der Steine, selbst fällt. Diese Auswahl erfolgt nach dem Bau von Modellen intuitiv vor Ort. Das Setzen der Steine ist das Heiligste. Dabei ist er immer vor Ort. Die Steine können Tonnen wiegen und werden mit einem Kran bewegt. Shunmyo Masuno entscheidet dann in dem Moment, wie die Energie fließt, und lässt den Stein gegebenenfalls umsetzen. Dabei ist er aufgeregt wie ein Kind. 

UR: Hat er auch in Berlin die Steine selbst gesetzt?

TK: Ja. Für die „Gärten der Welt“ gilt ein ganzheitliches Konzept. Shunmyo Masuno integriert in Gärten die jeweiligen Pflanzen des Landes. Dabei muss er spezielle Lösungen finden. Für den japanischen Garten in Berlin wurde alles in Berlin hergestellt. Dafür kamen japanische Handwerker nach Berlin und leiteten ihre Berliner Kollegen an, zum Beispiel, wie sie die Häuser anfertigen sollten. Doch die Steine wählte er selbst aus. Auch bei der Eröffnung war er dabei. 

UR: Woher kommen die Steine?

TK: Sie kommen aus der ganzen Welt. Shunmyo Masuno richtet sich gerade seinen eigenen Tempelgarten ein und hat dafür Steine aus Kanada importiert. Sie sind so groß, dass sie zerkleinert werden mussten, um auf Zug und Schiff zu passen. Wo immer es geht, versucht er, Dinge lokal anfertigen zu lassen, aber die Materialien stammen aus der ganzen Welt. 

UR: In Masunos Äußerungen klingt mitunter das Nationale stark an. So sagt er, dass in der Zen-Meisterschaft der japanische Sinn für Schönheit steckt. Aber dann stammen die Steine für seinen eigenen Garten aus Kanada. Ist das nicht seltsam?

TK: Das Zeitalter der Globalisierung ist auch bei ihm angekommen. Seine Gärten finden sich an vielen Orten der Welt. Sie sind teuer, transportieren aber auch etwas jenseits des Geldes.  Seine Mission ist es auch, mit seinen Gärten Zen-Philosophie und japanische Kultur in die Welt hinauszutragen. Er betrachtet sich selbst als Künstlerpersönlichkeit, deren Entwürfe umgesetzt werden. Mich hat seine menschliche und herzliche Art sehr bewegt. Er kann gut zuhören, spricht mit persönlicher Wärme, Aufmerksamkeit und Humor. Auch die Japaner in seinem Umfeld schätzen seine Freundlichkeit und Höflichkeit. Mich hat berührt, wie er persönlich den Zen-Buddhismus lebt. Mir ist aufgefallen, wie die Beschäftigung mit dieser Philosophie einen Menschen verändert. Im Zusammensein mit seinem Bruder spürt man die verwandtschaftliche Verbindung und gleichzeitig, dass Shunmyo Masuno in einer anderen Welt lebt, ohne abgehoben zu sein.

Zen-Garten im Tenryu-ji. © Thomas Kierok
Zen-Garten im Tenryu-ji | © Thomas Kierok

UR: Sie selbst haben alte und neue Zen-Gärten fotografiert?

TK: Während meiner ersten Reise fotografierte ich vorrangig traditionelle Gärten in und um Kyoto sowie im Eihei-ji. Mich haben dabei die Eigenheiten der alten, traditionellen Zen-Gärten in Kyoto besonders fasziniert. Mit der Zeit spezialisierte ich mich auf die Architektur der Gärten. Nachdem ich Shunmyo Masuno kennengelernt hatte, fotografierte ich seine Gärten, die sich in Tokio und Kyoto befinden. Ich bin an diese Gärten ganz unvoreingenommen herangegangen und habe zunächst beobachtet, ob sie mich berühren. Während des Fotografierens wurde mir bewusst, dass mich die alten Gärten tiefer berühren. Das mag daran liegen, dass sie immer Teil von Tempeln sind, während seine Gärten sich im städtischen, zubetonierten Raum befinden. So zum Beispiel der circa 100 mal 100 Meter große Garten auf dem Dach der kanadischen Botschaft in Tokio oder ein anderer an einem bekannten Tokioter Hotel im Zentrum der Stadt, zu dem ein interessanter Weg von der Straße führt. Ich spürte, dass diese neuzeitlichen, urbanen Gärten nicht die Kraft und Energie der alten Gärten besitzen. Andererseits strahlen sie etwas Besonderes aus, das ich nur schwer in Worte fassen kann. Ein Garten hat immer auch etwas Mystisches und Emotionales. Diese Gärten sind nicht immer im klassischen Sinne schön oder ruhig, sondern einfach besonders. Dies gilt allerdings für alle japanischen Gärten.

 

UR: Sie sprechen im Zusammenhang mit Zen-Gärten von Natur. Aber Zen-Gärten bestehen größtenteils aus Steinen, was nicht unbedingt unserem klassischen Naturverständnis entspricht. In Zen-Gärten hat man zwar das Gefühl, Natur vor sich zu haben, doch es ist eine vollkommen kultivierte Natur.

TK: Zen-Gärten sind eine Visualisierung der Zen-Philosophie. In Zen-Gärten findet man tatsächlich keine Natur. Sie sind eine Art Paradiesgarten, erschaffen aus dem Geist und mit der Hand des Menschen. Ein Zen-Garten ist so perfekt natürlich inszeniert, dass man die Inszenierung nicht ahnt. Sowohl das Erschaffen als auch die Pflege eines solchen Gartens erfordert Achtsamkeit, erfordert, im Hier und Jetzt zu sein. Für mich als Fotografen bedeutet das, langsamer, weniger und bewusster zu fotografieren. Darin liegt das Glück. Irgendwann brauchte ich die Fotografie gar nicht mehr und musste nichts mehr schaffen.

 

UR: Was lösen traditionelle Zen-Gärten in Ihnen aus?

TK: Es ist etwas Magisches. Ich fühle mich davon angezogen wie von einem Magneten. Ich begegne in ihnen der Ruhe und Schönheit. Ich habe sie zwar fotografiert, doch die Fotografien wurden mir mit der Zeit immer unwichtiger. Mein Lieblingsgarten ist der berühmte Ryoan-ji, ungefähr so groß wie ein Tennisplatz und bestückt mit einer Anzahl von Steinen, von denen man nie alle gleichzeitig sehen kann. Ich übernachtete in der Nähe in einem Tempelhotel und besuchte den Garten regelmäßig frühmorgens. Nach dem zweiten Mal ging ich nur noch dorthin, um dort zu sein, und nicht mehr, um zu fotografieren. Ich setzte mich hin, fühlte und guckte. Ein unaufgeregtes Glücksgefühl machte sich in mir breit. Ganz unspektakulär und trotzdem besonders empfand ich Gelassenheit, Ruhe und ein Bei-mir-Sein.

 

UR: Vor welche Herausforderungen stellen Zen-Gärten Sie als Fotograf?

TK: Zen-Gärten fordern von mir, einen ganz individuellen Blick zu entwickeln. Perspektiven zu entwickeln ist etwas Intuitives und ein Prozess. Meine beiden Reisen fanden während unterschiedlicher Jahreszeiten statt. Das ermöglichte mir verschiedene Blickwinkel. Auf meiner zweiten Reise waren die Gärten in natura viel kleiner als auf meinen Bildern und in meiner Erinnerung. Das überraschte mich sehr. Ich hatte ein Lieblingsbild vom Garten im Tenryu-ji, einem der berühmtesten Gärten. Das Bild ist durch einen Gang hindurch fotografiert. Ich ging bei meinem zweiten Besuch den gleichen Weg wie ein halbes Jahr zuvor und hätte schwören können, dass der Baum darauf den Umfang von einem Meter hat. Doch sein Umfang beträgt nur 30 Zentimeter. Nachdem ich auf meinen bisherigen Reisen Sommer und Herbst eingefangen habe, möchte ich noch zwei Mal, während des Winters und besonders zur Kirschblüte im Frühling dort sein. In meinen Bildern habe ich eine eigene Farbigkeit entwickelt. Meine Arbeit an den Fotografien kann ich erst beenden, wenn ich alle vier Jahreszeiten erlebt habe. Das Kennenlernen der modernen Gärten war für mich berührend und inspirierend, doch ich werde sie nicht weiter fotografieren.

 

UR: Warum, meinen Sie, hat sich die Wahrnehmung von Proportionen und Größe in der Erinnerung so verschoben?

TK: Einerseits verändert sich unsere Wahrnehmung, aber auch unsere Erinnerung permanent. Andererseits habe ich beim ersten Mal vielleicht auch noch gar nicht richtig hingesehen. Beim zweiten Mal hatte ich Hintergrundwissen und habe präziser geguckt. Der Garten im Tenryu-ji ist zum Beispiel richtig in die Landschaft eingebettet. Ich bin gespannt, wie ich ihn auf der nächsten Reise wahrnehme. Einige Gärten besuche ich immer wieder, andere nur ein Mal. Ich nehme einen Garten nicht aus der gleichen Perspektive zu unterschiedlichen Jahreszeiten auf, sondern wechsle auch die Perspektive.

 

UR: Man denkt, man sieht die Dinge, wie sie sind, aber es ist nicht so. Haben die Erfahrungen Sie verändert?

TK: Ich habe mich gefragt, wo mein Interesse dafür herkommt und was in mir berührt wird. Ich habe bemerkt, dass ich im Alleinsein ein großes Glück gespürt habe. Durch das Alleinreisen habe ich die Verbundenheit mit der Natur stark gespürt. Ich komme ursprünglich aus der Hamburger Gartenstadt in Wandsbek und fand jüngst ein Foto, auf dem der kleine Schrebergarten unserer Familie abgebildet ist. Ich kann mich kaum erinnern, kann mir aber vorstellen, dass dadurch für mich ein Garten schon früh mit Glücksgefühlen verbunden war. Eigentlich bin ich der totale Stadtneurotiker, habe in Hamburg und Berlin gelebt und mich auf Reisen durch Asien die meiste Zeit in Großstädten bewegt. Ich war einige Wochen lang in Indien und in Mumbai. Meine Eltern hingegen kommen vom Land. Ich war selbst überrascht, was diese Gärten in mir auslösen.

 

UR: Was fotografieren Sie außer Zen-Gärten?

TK: Ich bin eigentlich ein Menschen-Fotograf. Ich mache Porträts von Geschäftsleuten, Künstlern, Musikern oder Kindern für Magazine, Unternehmen und Werbeagenturen. Sicher ist auch das Fotografieren von Zen-Gärten Arbeit und Anspannung und erfordert eine gewisse ergebnisorientierte Konzentration. Gleichzeitig ermöglicht es mir, eine ganz andere Seite auszuleben und zum Beispiel ganz allein unterwegs zu sein. Das Fotografieren der Gärten macht etwas mit mir – an einem Sonntag war einmal mein Foto des Tages einfach nur ein Stein.

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Thomas Kierok

Thomas Kierok arbeitet als freischaffender Portrait-, People- und Architektur-Fotograf in Berlin. Er fotografiert für Magazine, Werbeagenturen und Unternehmen. Sein erstes Portrait- Fotobuch „Einsichten“ erschien 2008 im Knesebeck Verlag und sein zweites Portrait-Fotobuch “Mauergeschichten” 2009 bei Braun Publishing. Thomas Kierok wird durch den Repräsentanten Bernd Molzahn, die Bildagentur laif vertreten und ist als Dozent für Fotografie tätig.
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