Säkularer Buddhismus. Chancen und Grenzen

Seit ein paar Jahren gibt es eine zum Teil leidenschaftlich geführte innerbuddhistische Debatte um säkularen versus traditionellen Buddhismus, im Kern also darum, was eine angemessene Interpretation der buddhistischen Lehre für unsere Zeit sein kann. Sylvia Wetzel beschreibt in ihrem Beitrag die Notwendigkeit, den Buddhismus in die Sprache unserer Zeit zu übersetzen, und die Chancen und Grenzen säkular buddhistischer Ansätze.

Lebensrad

Ein Beitrag von Sylvia Wetzel veröffentlicht in der Ausgabe 2016/2 unter der Rubrik Aktuell

Der Begriff „säkular“ (von lateinisch saeculum, Jahrhundert) hat für mich zwei Hauptbedeutungen: 1. auf unsere Zeit bezogen, ohne die explizite Abwehr einer transzendenten Dimension, 2. nur weltlich-immanent, im Sinne der europäischen Aufklärung, als Abwehrbegriff gegen religiöse Ansätze. Wenn ich von „säkularem Buddhismus“ spreche, dann in der ersten Bedeutung, denn ein Buddhismus, der sich nur auf das bezieht, was wir mit den fünf Sinnen und dem Denken erfassen können, ist für mich eine Schrumpfversion des Weges zum Erwachen.

Es geht für mich darum, die Denkweisen und kulturellen Sprachen unserer Zeit zu berücksichtigen und den Buddhismus kulturell zu übersetzen, denn es gibt keine kulturneutrale Vermittlung. Wenn wir uns mit dem Buddhismus beschäftigen, tun wir das als EuropäerInnen, und unsere Kultur ist säkular und christlich, psychologisch und philosophisch, naturwissenschaftlich geprägt. Zu dieser kulturellen Übersetzung gehört für mich, die brennenden Fragen unserer Zeit aufzunehmen und buddhistisch zu reflektieren: überzogenes Leistungsdenken und Burn-out, Sinnkrisen, Ängste und Verzweiflung, soziale Gerechtigkeit und Ökologie, Finanzkapitalismus und so weiter.

Für mich ist der Buddhismus in Asien immer schon eine Mischung aus säkularen und religiösen Ansätzen gewesen, nicht in dem Sinn zweier unterschiedlicher inhaltlicher Bereiche, sondern als unterschiedliche Zugänge zum Leben: alltagspraktisch und damit weltlich-säkular und horizontal-immanent, der eine, über fassbare Anliegen hinausweisend und damit rituell-religiös und vertikal-transzendent der andere. Buddhistische Ethik und die lebenspraktischen Aspekte des Achtfachen Pfades geben eine gute Orientierung im Alltag und sie können leicht in eine säkulare Sprache übersetzt werden. Das dekonstruktive Hinterfragen aller Vorstellungen und die meditative Erforschung des Nichtbedingten und unserer essenziellen Verbundenheit mit allen Wesen führen uns an den Rand des Denkens und sprengen die Grenzen säkularer Ansätze.

Religiöse Rituale sind sinnvoll und notwendig, da sie die Bedürfnisse der Menschen nach einer Einbettung in das große Ganze berücksichtigten und Menschen soweit beruhigen, dass sie sich auch irgendwann dem Abenteuer der Selbsterkenntnis widmen können. Der Zugang zur Selbsterkenntnis kann säkular oder religiös sein, aber ihr Inhalt, in buddhistischer Sprache das große Erwachen, umfasst immer beide Dimensionen: die fassbare und die unfassbare. Die fassbare oder horizontale Dimension bezieht sich auf unsere Erfahrungen und unser Handeln mit Körper, Rede und Geist. Die unfassbare oder vertikale Dimension ist die Dimension, die wir mit dem Verstand und unseren Erfahrungen nicht fassen können. Sie hat viele Namen: das Nichtbedingte, Nirvana, Leerheit, Transzendenz, das Göttliche usw. Ein altes Bild für das Zusammenspiel beider Dimensionen ist das gleichschenklige Kreuz. Und wir Menschenleben im Schnittpunkt beider Dimensionen. Wir haben Anteil an und Zugang zu beiden, und unser Leben wird flach oder unwirklich, wenn man die eine Dimension auf die andere reduziert. Wenn Spielarten eines säkularen Buddhismus die horizontale Dimension ignorieren oder leugnen, verwässern und verfälschen sie den buddhistischen Weg zur Befreiung von Gier, Hass und Verblendung. Es folgen zwei Beispiele für eine kulturelle Übersetzung zentraler buddhistischer Lehren.

Ich interpretiere aktuelle Sinnkrisen als Ausdruck der drei Geistesgifte: Gier, Hass und Verblendung. Moderne Varianten von Gier sind Konsumdenken, Unruhe und Zerstreuung, Mangelgefühle, Suchtverhalten. Varianten von Hass sind Verachtung, Abwerten, Krieg und alle Varianten von Gewalt. Varianten der Verblendung sind Festhalten an einer stabilen fassbaren Identität und vor allem der Glaube, man könnte alles, uns und die Welt rational erklären und das Leben völlig in den Griff bekommen, sei es materiell-technisch oder geistig spirituell. Sinnkrisen sind für mich auch eine Abwehrform der Einsicht in die Drei Daseinsmerkmale: dukkha, anicca und anatta, traditionell als Leiden, Wandel und Nicht-Ich wiedergegeben, aber damit noch nicht kulturell übersetzt. Wir wollen nicht wahrhaben und akzeptieren, dass zum Leben auch unangenehme Erfahrungen gehören (Dukkha), weil sich alles immer wieder verändert (Anicca) und es keine Instanz in uns oder im Außen gibt, der unsere Erfahrungen gehören und die sie daher kontrollieren und beherrschen könnte (Anatta). Wir sehnen uns stattdessen nach Dauer-Wellness, träumen von Beständigkeit und arbeiten uns tot, weil wir alles in den Griff bekommen wollen. Da das nie klappt, suchen wir nach Schuldigen im Außen, geben uns selbst die Schuld oder versinken in politischem oder kulturellem Weltschmerz.

Säkulare Zeiten erfordern eine nicht traditionelle und nicht religiöse Interpretation der buddhistischen Lehren und Übungen. Die große Gefahr dabei ist ihre Anpassung an den Zeitgeist und damit ihre Verwässerung und Verflachung. Dann bewegen wir uns nur in der horizontalen Dimension und reduzierenden Buddhismus auf Entspannungstechniken zur Optimierung unserer Leistungsfähigkeit und zum Erreichen weltlicher Anliegen: Status und Besitz, Anerkennung und Zuwendung und angenehme Gefühle. Ohne eine Ahnung der vertikalen Dimension verkümmert ein säkularer Buddhismus zu einer Wellness- oder Vernunft-Religion zur Manipulation unserer Erfahrungen.

Zwei Gedanken zum Schluss über die Grenzen des Säkularen und die Notwendigkeit religiöser Formen. Säkularismus als „ismus“ ist eine intolerante Ersatzreligion für Menschen, die nur an das Fassbare glauben, und alles, was sie nicht verstehen, für Aberglauben oder Fantasie halten. Ihre heftige Wut gegen religiöse Ansätze scheint Ausdruck einer unbewussten Religiosität zu sein, die ohne Form destruktiv wird. Auch moderne Menschen brauchen einen Schutz gegen die transpersonalen Mächte des Unbewussten, die traditionell durch Mythen und Rituale zivilisiert wurden ... 

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Sylvia Wetzel

Sylvia Wetzel befasst sich seit 1968 mit psychologischen und politischen Wegen zur Befreiung und seit 1977 mit dem Buddhismus. Sie unterrichtet seit 1986 Entspannung, Meditation und Buddhismus im deutschsprachigen Raum und in Spanien. Ihr besonderes Interesse gilt der Reflexion von kulturellen Bedingungen und Geschlechterrollen. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher. Sylvia Wetzel ist auch Ehrenrätin der Deutschen Buddhistischen Union, in deren Rat sie 15 Jahre aktiv mitgearbeitet hat, davon 9 Jahre im Vorstand. Sie ist Mitbegründerin und war zwölf Jahre Redakteurin der Zeitschrift "Lotusblätter", die später in BUDDHISMUS aktuell umbenannt wurde. Weitere Informationen: www.sylvia-wetzel.de
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