Fünf Achtsamkeitsübungen für die Fotografie

© Klaus H. Schick

Ein Beitrag von Klaus H. Schick veröffentlicht in der Ausgabe 2016/2 unter der Rubrik Praxis

Achtsamkeit ist bekanntlich nicht nur auf dem Kissen oder bei der Gehmeditation hilfreich; ihre ganze heilsame Kraft entfaltet sie erst, wenn wir sie in unseren gesamten Lebensalltag integrieren. In den letzten Jahren entwickelte sich Achtsamkeit für mich zu dem wichtigsten Werkzeug, in meiner Fotografie vom bloßen Abfotografieren einer äußeren Wirklichkeit zum tiefen Wahrnehmen meiner Umgebung zu gelangen.

In Verbindung mit der ethischen Grundhaltung des Buddhismus, dem tiefen Respekt vor allem Leben, mit dem Erleben der Welt als einem Kosmos von unendlicher Schönheit hilft mir das achtsame Fotografieren, eine Haltung innerer Klarheit und Freude zu entwickeln, aus der heraus ich auch den schwierigen Aspekten meines Seins mit Kraft und Zuversicht begegnen kann.

Ich danke Chögyam Trungpa Rinpoche, John Daido Loori, Minor White und vor allem Thich Nhat Hanh für ihre Erkenntnisse und ihre Führung. Auf ihren Lehren und Worten basieren die „Achtsamkeitsübungen für die Fotografie“, in denen ich meinen persönlichen Weg der Transformation beschreibe, den ich gerne mit anderen Fotografinnen und Fotografen teile.

1. Dankbarkeit und Ruhe entwickeln

Als FotografInnen begegnen wir der Welt mit Dankbarkeit. Wir sind dankbar für die unendliche Vielfalt und Schönheit des Kosmos. Wir erfreuen uns an der Gesundheit unseres Körpers und unserer Sinne, die es uns erlauben, dieses Geschenk der Welt wahrzunehmen und zu genießen.

Getragen von unserer Praxis vereinen wir Körper und Geist und entwickeln eine Haltung innerer Ruhe, um ganz im gegenwärtigen Moment zu leben und uns auf den künstlerischen Prozess des Fotografierens einlassen zu können. Um unsere Achtsamkeit aufrecht zu erhalten und unsere Aufmerksamkeit für eine längere Zeit zu fokussieren, arbeiten wir in Stille und allein.

2. Schauen und in Resonanz gehen

Wir gehen mit wachen Augen in die Welt, offen für das Licht, das sich in ihnen fängt. Wir üben, alle Farben, Formen und Texturen frei von vorgefertigten Konzepten und Begriffen wahrzunehmen und auf uns wirken zu lassen. So schauen wir in Ruhe und mit frischem Blick, bis ein Objekt unserer Wahrnehmung uns einlädt, mit ihm in Resonanz zu gehen. Wir konzentrieren uns mit unserer ganzen Aufmerksamkeit auf dieses Objekt, nähern uns ihm achtsam und spüren, ob sich die Resonanz verstärkt. Dann wissen wir intuitiv, dass uns das Fotoobjekt gefunden hat. Wir erforschen dieses Objekt mit allen unseren Sinnen. Wie befindet es sich in Raum und Zeit? Wir betrachten seine Farben (Farbtöne, Intensität, Schattierungen), seine Formen (Formqualitäten, Anordnung und Häufigkeit unterschiedlicher Formen) und seine Texturen (Beschaffenheit der Oberflächen, Strukturen). Welche Energie geht in diesem Moment von diesem Objekt aus? Wie ist die Verbindung zwischen uns und dem Objekt?

Auf diese Weise erschaffen wir in unserem Geist ein Abbild, das diejenigen Aspekte des Wesens des Fotografieobjektes, die uns in diesem Moment mit ihm verbinden, widerspiegelt.

3. Das Äquivalent finden

Erst jetzt greifen wir zu unserer Kamera und suchen auf dem Display oder im Sucher einen Bildausschnitt, der das Äquivalent zu dem in unserer vorangegangenen Kontemplation Geschauten bildet.

Wir schenken uns Zeit und Raum, den „richtigen“ Ausschnitt zu finden und die Kamera so einzustellen, dass die Aussage des Fotos ein Äquivalent zu dem, was wir in der Resonanz zu unserem Fotoobjekt wahrnehmen und empfinden, bildet.

Bei der Wahl unseres Bildausschnittes und seiner Komposition beachten wir die Wirkung des Fotos auf seine Betrachter. Welche Botschaft möchten wir vermitteln? Welche Energie soll unser Bild ausstrahlen?

4. Fotografieren

Nun fotografieren wir das Objekt, mit dem uns in diesem Moment eine tiefe Resonanz verbindet, die ihre Intensität in Raum und Zeit ständig verändert. Wir folgen mit der Kamera unserer intuitiven Wahrnehmung, die uns zum fotografischen Äquivalent des Fotoobjektes führt.

Während des Fotografierens nehmen wir die bereichernde Erfahrung des kreativen Flow wahr, der unsere Freude und unsere Spontaneität nährt. Dabei bleiben wir offen für mögliche Veränderungen. Häufig zeigen sich uns erst in dieser Phase zuvor ungeahnte Perspektiven und Motive, denen wir mit Offenheit, Freude und Interesse begegnen.

Die Möglichkeiten der Kameratechnik (Stativ, Kontrolle der Aufnahme auf dem Display, Serienaufnahmen mit variierten ISO-Werten, Blenden und Belichtungszeiten und anderes) nutzen wir dazu, um ein Bild zu erschaffen, das uns und seine späteren Betrachterinnen und Betrachter mit seiner Aussage und Strahlkraft innerlich berührt.

Wir bleiben so lange im „Aufnahmemodus“, bis die Energie der Resonanz zum Fotoobjekt deutlich nachlässt. In Abhängigkeit von der Tiefe unserer inneren Verbindung zum Fotoobjekt und den äußeren Rahmenbedingungen kann dieser Prozess von wenigen Minuten bis zu mehreren Stunden dauern.

4. Danken und sich verabschieden

Wenn die Resonanz zum Fotoobjekt nachlässt, sinkt zugleich auch das Niveau unserer inneren Energie. Wir nehmen unsere innere Freude war, mit der uns der soeben erlebte kreative Prozess beschenkt hat. Nun ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Mit einer persönlichen Geste danken wir dem Fotoobjekt, das sich uns frei und tief gezeigt hat, für die ganze Fülle seiner Existenz, aus der wir einen kleinen Ausschnitt fotografieren durften.

Wir lassen unsere Erfahrungen in einer bewussten Pause des Nichtstuns innerlich nachwirken, bevor wir uns einem weiteren Objekt zuwenden oder wieder Kontakt nach außen aufnehmen.

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Klaus H. Schick

Klaus H. Schick, Schüler von Thich Nhat Hanh, ist Diplompädagoge und Kommunikationstrainer. Zudem ist er Mitglied im Berufsverband deutscher Pressefotografen (BdP). Seit 2015 teilt er seine Passion „Achtsamkeit und Fotografie“ mit anderen fotobegeisterten Menschen.
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