Wer ist es, der achtsam ist?

Achtsamkeit ist eine Erfolgsgeschichte. Laufend gibt es neue Gebiete, auf denen man mit Achtsamkeit erfolgreich sein kann. Doch wie fühlt sich, jenseits der Begriffe, die Erfahrung des Achtsamseins an? Und wer ist es, der achtsam ist? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Schriftstellerin und Meditationslehrerin Margrit Irgang im folgenden Beitrag.

© Eutah Mizushima | stocksnap.io

Ein Beitrag von Margrit Irgang veröffentlicht in der Ausgabe 2016/1 unter der Rubrik Achtsamkeit

Im November 2013 bringt die New York Times einen langen Artikel mit der Überschrift „Mindfulness getting its share of attention“. Der Autor David Hochman berichtet, dass fast alle großen Firmen in den USA für ihre Mitarbeiter Achtsamkeitskurse einrichten. Er zitiert Chade-Meng Tan, der für Google-Mitarbeiter einen internen Online-Kurs über Achtsamkeit anbietet (der jeweils innerhalb von 30 Sekunden ausgebucht ist), mit den Worten: „Ein einziger Atemzug am Tag kann zu innerem Frieden führen.“ Es gibt eine meditation app namens „Get Some Headspace“, die der französische Geschäftsmann Loic Le Meur bei einer Wisdom 2.0 Konferenz mit den Worten empfahl: „Du musst dich nicht in die Lotosposition setzen, du drückst einfach den Knopf und entspannst.“ Und Arianna Huffington, Mitgründerin der Huffington Post und laut Time Magazine eine der hundert einflussreichsten Personen der Welt, propagiert „Mindfulness“ mit den Worten: „Achtsamkeit, Yoga, Gebet, Meditation und Kontemplation sind nicht mehr nur etwas für Wochenend-Retreats, sondern die perfekten Leistungssteigerungsmethoden für den Alltag.“

Jede Woche entdecke ich im Internet oder in Buchhandlungen neue Anwendungsgebiete für Achtsamkeit: Mit Achtsamkeit kann man schlank werden, das Rauchen aufgeben, den richtigen Partner finden, den Krebs besiegen. Die gute Nachricht hinter dieser verblüffenden Entwicklung: Achtsamkeit hat eine tiefe Wirkung, sonst würden Top-Firmen nicht in sie investieren. Aus spiritueller Sicht jedoch liegt hier ein großes Missverständnis vor. Das kollektive Ego hat sich der altehrwürdigen Praxis der Achtsamkeit bemächtigt, weil es daraus für sich einen Gewinn ziehen kann: mehr Leistung, mehr Anerkennung, mehr Glücksgefühle, mehr Profit.

Aber wird nicht auch in buddhistischen Kreisen Achtsamkeit eingeübt, um ruhiger und gelassener zu werden, Stress abzubauen, konzentrierter zu sein? Auch das ist ja ein Gewinn und verspricht ein glücklicheres Leben. Ich will diese Auffassung von Achtsamkeit nicht kritisieren; sie hat ihre Berechtigung, und ich würde mir wünschen, dass die Menschen kollektiv gesehen glücklicher und gelassener wären. In meiner Zen-Praxis habe ich allerdings gesehen, wie sehr unsere Erwartungen unsere Erfahrungen begrenzen. Wenn ich also mithilfe von Achtsamkeit ruhiger und gelassener werden will, wird mir das zweifellos gelingen. Aber da ich von Achtsamkeit gar nicht mehr erwarte, wird mir ihr wahres Potenzial entgehen.

© Greg Rakozy | unsplash.com
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Margrit Irgang

Margrit Irgang, Autorin zahlreicher Romane, Erzählungen und Bücher über Zen; ihre Arbeit wurde u. a. mit dem Rom-Preis Villa Massimo ausgezeichnet. Seit 1984 praktiziert sie Zen bei asiatischen und westlichen Lehrern, seit 1992 bei Thich Nhat Hanh, in dessen Intersein-Orden sie Mitglied ist. Sie gibt Meditationsseminare und macht Features zu Spiritualität, Achtsamkeit und Literatur. Ihr Blog: www.margrit-irgang.blogspot.de
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