Achtsamkeit als ethische Praxis

Achtsamkeit beinhaltet immer auch eine ethische und eine soziale Dimension. Diese soziale Dimension erscheint in der Ethik des Mitgefühls.

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Ein Beitrag von Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck veröffentlicht in der Ausgabe 2016/1 unter der Rubrik Achtsamkeit

Im Harvard Business Manager vom 27.6.2014 war zu lesen: „Achtsamkeit ist derzeit in aller Munde. Doch was steckt eigentlich hinter diesem Begriff? Und was haben Manager davon?“ Bei der täglichen Börsensendung „Good Morning!“ forderte jüngst der Redakteur die Zuschauer vor dem Bildschirm auf, sich doch einfach mal beim nervösen Blick auf das hektische Auf und Ab der Kurse zurückzulehnen und auf die eigene Atmung zu achten. Die Achtsamkeitsübung ist im Business angekommen und wird dort als willkommene Entspannungstechnik begrüßt. Mit der zitierten Frage, was man denn von einer Achtsamkeitsübung „habe“, wie sie den erzielbaren Gewinn erhöhe, erreicht die Breitenwirkung eines ursprünglich buddhistischen Konzepts einen seltsamen Höhepunkt. Wer mit der buddhistischen Tradition vertraut ist, wird angesichts dieser Tatsache wohl eher gemischte Gefühle empfinden.

Ja, es war die zentrale Absicht der Lehren des Buddha, das Leiden der Menschen zu mindern. Auch Stress oder Verluste an den Börsen werden von den Beteiligten als leidhaft empfunden. Das sei gerne zugestanden. Die vielfach angebotenen Achtsamkeitstrainings sind auch durchaus differenziert und breit gefächert. Dennoch sind sowohl der Begriff als auch die Übung der Achtsamkeit zu wertvoll, um als bloße Wellness-Technik zur Massenware zu werden.

Zur Erinnerung: Achtsamkeit – sati in Pali oder smti in Sanskrit – ist ein zentraler Begriff im buddhistischen Dharma. Im frühen Buddhismus ist er als siebtes Glied im Edlen Achtfachen Pfad ein Kernelement der Meditationspraxis, die in der letzten Gruppe der drei Übungsformen erscheint: PrajñāŚīla – Dhyāna = Erkenntnis – Ethik – Meditation. Diese drei Aspekte des buddhistischen Weges sind hier untrennbar verbunden. Ohne Erkenntnis wird die Ethik zur bloß blind befolgten Moral, und ohne ethisches Handeln bleibt eine Meditation wirkungslos. Diese drei Elemente des Pfades sind nicht linear zu verstehen: Die Achtsamkeitsübung fördert die Erkenntnis ebenso wie ein ethisches Handeln. Ziel und Weg sind hier nicht zu trennen: Die Ethik ist praktizierte Erkenntnis.

Es gibt zwischen Achtsamkeit und Ethik also eine tiefe, innere Beziehung. Um das genauer zu sehen, ist ein kleiner Blick in die buddhistische Philosophie hilfreich. Die grundlegende Diagnose des Buddha für unser Dasein lautet: Wir erleiden die Welt. Das heißt zwar auch – traditionell gesagt – Vergänglichkeit, Alter, Krankheit und Tod. Der ursprüngliche Sinn des Satzes vom Leiden zielt aber tiefer. „Erleiden“ heißt abhängig sein. Wir sind abhängig von unserem Körper, in den wir hineingeboren sind. Und dieser Körper ist abhängig von der übrigen Welt, von der Natur und anderen Lebewesen. Das, was uns als Welt erscheint, haben wir je schon als dies oder das ergriffen. Das gilt im unmittelbaren Sinn, positiv wie negativ: Wir begehren bestimmte Dinge und wollen sie haben; andere lehnen wir ab – nichts ergreift man inniger als Feinde. Wie aber machen wir das genau? Wir er-greifen die Dinge durch Be-griffe, also durch das Denken. Das, was wir so ergreifen, beziehen wir auf ein fiktives Zentrum: Unser Ego, den Ich-Gedanken. Diese Haltungen bezeichnet man als die drei Geistesgifte (Ich-Wahn, Gier und Hass), in denen sich unser Alltag bewegt. Die Abhängigkeit von der erfahrenen Welt gründet im ergreifenden Denken…

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Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck

Karl-Heinz Brodbeck, Prof. Dr., ist Dharma-Praktizierender seit 35 Jahren; Mitglied des wissenschaftlichen Beirats im Tibethaus Frankfurt. Bis 2014 war er Professor für Volkswirtschaftslehre, Statistik und Kreativitätstechniken an der Fachhochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt und an der Hochschule für Politik an der Universität München. Er ist Autor zahlreicher Bücher.
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