Meine stille Hoffnung ist die Evolution

Ein Gespräch mit dem weltbekannten Mönch, Philosophen, Wissenschaftler und Fotografen Matthieu Ricard über Glück, Mitgefühl und Altrusimus und darüber, dass wir nicht perfekt sein müssen, um sinnvoll handeln zu können. Ein Plädoyer für ein engagiertes Leben.

Matthieu Ricard mit Schulkindern aus Nepal

Ein Interview mit Matthieu Ricard geführt von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2015/4 unter der Rubrik Gespräche

Ursula Richard: Sie sind Philosoph, Wissenschaftler, Fotograf und Mönch, ein Mann mit vielen Talenten. Vor allem aber gelten Sie, wie manche Zeitschriften schreiben, als „glücklichster Mann der Welt“. Lassen Sie uns über das Thema Glück sprechen.

Matthieu Ricard: Es ist zunächst einmal von Vorteil, nicht als der unglücklichste Mann der Welt zu gelten. Es gibt bislang keine wissenschaftliche Erklärung für Glück und es ist auch kein Areal im Gehirn dafür zuständig. Deshalb kann es dort auch nicht gemessen werden. Im Gehirn können Areale ausgemacht werden, die für Aufmerksamkeit, Mitgefühl, Unausgeglichenheit, Angst oder Wut zuständig sind. Aber Glück ist nicht darunter. Jeder kann der glücklichste Mensch auf der Welt sein, wenn er am richtigen Ort danach sucht.

 

UR: Wie können wir angesichts des Leids in der Welt glücklich sein?

MR: Glücklichsein bedeutet nicht, angenehme Erfahrungen zu machen. Glücklichsein ist eine Art des Daseins, die auf innerer Freiheit, Weisheit, Mitgefühl, liebevoller Anteilnahme und Mut basiert. Dieses Glück ist vereinbar damit, das Leid in der Welt zu sehen und eine wachsende Bereitschaft dafür zu entwickeln, es durch zunehmendes Mitgefühl zu mindern. Das ist ein anderer Ansatz, Glücklichsein zu verstehen, als der hedonistische, griechische Ansatz. Es bedeutet: Solange auch nur ein einziges Wesen auf der Welt leidet, sich ihm zuzuwenden und sein Leid zu lindern. Das ist unser buddhistisches Verständnis von Glücklichsein. Es ist weit entfernt von der Vorstellung fortgesetzt angenehmer Empfindungen, was eher ein Rezept für Erschöpfung wäre.

 

UR: Versuchen wir Menschen nicht immer wieder, uns unsere eigene Insel des Glücks zu schaffen, und sind darauf bedacht, dass uns da niemand stört?

MR: Wenn Sie versuchen, sich Ihr eigenes Glück in der Seifenblase Ihrer eigenen Ichbezogenheit zu erschaffen, wird es nicht von Dauer sein. Erstens ist es nicht angenehm, sich immer in dieser Blase der Selbstbezüglichkeit zu befinden. Das ist ein Alptraum. In dieser kleinen Sphäre schwanken Sie ständig zwischen Hoffnungen und Ängsten. Zweitens wird es schwierig für andere, mit Ihnen umzugehen, weil Sie sich immer nur um sich selbst drehen. Beides widerspricht der Realität, denn sie besteht nicht aus getrennten Entitäten, alles ist aufeinander bezogen. Die Idee, Sie könnten Glück für sich auf Ihrer selbst fabrizierten, ichbezogenen Insel herstellen, muss scheitern. Wenn Sie bedenken, was Interdependenz bedeutet und wie alle Wesen danach streben, nicht zu leiden, verbinden Sie sich mit der Realität, praktizieren Mitgefühl und liebende Güte – und das wird sowohl Sie als auch andere glücklich machen. Ihr Glück entsteht als ein Bonus, ein Gewinn, ein Effekt dieses Tuns. Wenn Sie Korn, beispielsweise Weizen, anbauen, dann ernten Sie die Körner, um Ihre Familie zu ernähren und Ihrem Dorf ein Einkommen zu verschaffen, aber zusätzlich erhalten Sie dadurch Stroh. Sie haben zwar die Arbeit nicht wegen des Strohs geleistet, aber Sie erhalten es gratis.

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Matthieu Ricard

Matthieu Ricard, prom. Molekularbiologe, ist buddhistischer Mönch, Autor und Fotograf. Seit vielen Jahren engagiert er sich in der Zusammenarbeit von westlicher Wissenschaft und Buddhismus. Er gründete die Karuna-Shechen Stiftung und lebt im Kloster Shechen in Nepal.
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