Handeln und Nicht-Handeln auf dem Buddhaweg

Oft glauben wir, wir müssten alles selbst machen. Die Zen-Meisterin Doris Zölls stellt, nicht zuletzt mit Blick auf ihr eigenes Leben, fest: nicht unser ich lebt den Buddhaweg, sondern der Weg verwirklicht sich in uns.

Ein Beitrag von Doris Zölls veröffentlicht in der Ausgabe 2015/4 unter der Rubrik Handeln / Nicht-Handeln

Der Buddhaweg ist nichts anderes als das Erkennen, dass er unser ganz normales Leben ist. Wann hat er begonnen, wann wird er enden? Gibt es überhaupt einen Anfang des Lebens, ist die Geburt der Beginn, wird es beendet mit dem Tod? Kann ich überhaupt den Buddhaweg gehen? Im Rückblick auf mein bisheriges Leben habe ich den Eindruck, ich bin nie einen Weg gegangen, sondern der Weg selbst ist mit mir gegangen. Ich habe es nicht immer so gesehen, sondern glaubte, ich müsste mein Leben selber in die Hand nehmen und das Beste daraus machen, wobei ich immer erkennen musste, dass ich, obwohl ich mich anstrengte, nie zu dem Ziel kam, das ich mir gesteckt hatte.

Das Leben lebt mich, und ich erkenne heute, das Leben hat immer schon mit mir geübt, es geht mit mir einen Weg, es hat sich in und durch mich unentwegt gepflegt. Erst im Rückblick und auch jetzt, wenn ich ganz wach bin, fällt mir auf, wie das Leben mich immer wieder in Situationen führt oder mich vor Konstellationen stellt, wo es mich fordert, meine Vorstellungen und Konzepte loszulassen. Bin ich nicht wach, merke ich dies nicht und glaube, ich müsste alles selbst machen. Schaue ich jedoch bewusst auf den Augenblick, wie sich das Leben jetzt zeigt, erkenne ich, wie nie mein Ich das Leben lebt, sondern umgekehrt. Mein Ich plustert sich zwar auf und bildet sich ein, es pflegte den Buddhaweg. Doch es ist nicht mein Ich, sondern Buddha selbst, der sich in mir verwirklicht. Mich um den Buddhaweg sorgen, drängt sich mir auf, Buddha selbst will sich in mir im Hier und Jetzt seiner selbst bewusst werden. Er will in mir erwachen und erkennen, dass mein Ich gar nichts pflegen kann.

Wer ist dieses Ich, das auf der einen Seite glaubt, es könnte den Weg unabhängig und selbständig einschlagen und das, was es will, tun? Jedoch auf der anderen Seite ständig an seine Grenzen kommt und erfahren muss, dass es nichts kann? Dieses Ich erweist sich unentwegt als eine Chimäre, es gaukelt mir vor, alles beherrschen zu können, alles so einrichten zu können, wie es will. Doch warum macht es dann diese Umwege? Wenn es so klug und eigenständig ist, warum geht es nicht den direkten Weg des Erwachens? Das Ich weiß nichts vom Buddhaweg. Die scheinbaren Irrwege gehören nicht zum Ich, sie sind der Buddhaweg selbst. Sie gerade sind es, die zum Erwachen, zur Bewusstheit führen. Wie könnte ich erkennen, was bewusst ist, wenn ich nicht Unbewusstheit erlebte?

Kein Ich kann den Buddhaweg kennen, kein Ich weiß, wo der Weg hinführt, mein Ich würde nur wieder seinen eigenen Vorstellungen und Konzepten folgen. Nicht mein Ich geht den Buddhaweg. Der Buddhaweg geht mit mir, er eröffnet sich in mir in jedem Augenblick neu. Der Buddhaweg lebt sich in mir als einer, der gepflegt wird. Bin ich wach, erkenne ich, wie er sich in mir jetzt und jetzt und jetzt lebt. Er lebt sich als Geburt, als Heranwachsen, als Streben, als Üben, als Sterben. Der Augenblick ist der Buddhaweg.

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Doris Zölls

Doris Zölls Myôen-An, studierte evangelische Theologie und arbeitete als evangelische Pfarrerin. Sie ist Zen-Meisterin der Zen-Linie „Leere Wolke“, Zen-Lehrerin der Zen-Linie SanboZen und spirituelle Leiterin des Benediktushofes sowie Vorsitzende des Kuratoriums „Zen“ und Mitglied im Präsidium der „West-Östliche Weisheit – Willigis Jäger Stiftung“.
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