Editorial

Ursula Richard, Chefredakteurin

Ein Beitrag von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2015/4 unter der Rubrik Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Beschäftigung mit dem Thema Handeln/Nicht-Handeln, dem Schwerpunkt des neuen Heftes von Buddhismus aktuell, mag manchen Leserinnen und Lesern angesichts der Ereignisse der letzten Monate fast schon unzulässig erscheinen. Wie kann man – wenn man sich die Situation der Tausenden von Menschen vergegenwärtigt, die zurzeit versuchen, oft unter Einsatz ihres Lebens, nach Europa zu gelangen, um Krieg, Verfolgung und bitterer Armut zu entgehen –, wie kann man da nicht in der einen oder anderen Weise aktiv werden? Diese Menschen willkommen heißen und ihnen die ersten Schritte in einer fremden Umgebung erleichtern? Erfreulicherweise ist die Bereitschaft, sich hier zu engagieren, enorm groß und sie ist ein bewegendes Zeichen gelebten Mitgefühls.

Im Buddhismus kennt man den Archetypus des Bodhisattva, eines erwachten Wesens, das so lange nicht ins Nirvana eingeht, wie noch nicht alle Wesen gerettet sind. Einer der bekanntesten ist Avalokitesvara, der Bodhisattva des tätigen Mitgefühls, verehrt in männlicher wie weiblicher Gestalt. Dieser (er)hört, so heißt es, die Schreie dieser Welt, und er hat bis zu tausend Arme (je nach Darstellung), um aktiv das Leiden zu lindern. Als Verkörperung von Liebe und Mitgefühl ist er mit dem Strom der Liebe und des Mitgefühls aller Buddhas verbunden; das ist seine Kraftquelle und das kann ihn auch für uns zu einer solchen machen. Bodhisattvas sind überaus inspirierende Vorbilder; ihnen nachzustreben mag aber manchmal auch persönliche Tendenzen zur Selbstüberforderung fördern. Wie können wir offen bleiben für all das Leid, das geschieht, ohne uns davon überwältigen zu lassen? Wie können wir tätig werden, ohne uns zu verausgaben oder auszubrennen? Und wann ist es besser, nicht zu handeln, und was lässt sich darunter überhaupt verstehen? Im Daoismus gibt es den Begriff des wu wei, der ein Nicht-Tun im Sinne eines von persönlichen Absichten und Vorstellungen freien Handelns, eines „selbstvergessenen“ Tuns bezeichnet. Zen-Bogenschützen kennen den Moment, in dem nicht sie den Pfeil abschießen, sondern in dem es schießt. Wie kann ein Handeln aussehen, das nicht primär von den eigenen gedanklichen Vorstellungen und Emotionen geleitet ist. Aus welchem „Raum“ kommt es dann aber und wie können wir vertrauen, dass es ein richtiges, angemessenes Handeln ist? Diesen Fragen geht der Arzt und buddhistische Lehrer Wilfried Reuter vor dem Hintergrund seiner klinischen Erfahrungen nach. In gewisser Weise handeln wir fortwährend, doch sind es wirklich wir, die handeln, oder vollzieht sich da etwas durch uns und geht es vielleicht eher darum, dem möglichst wenig im Weg zu stehen? Diesem Aspekt spürt die Zen-Lehrerin Doris Zölls in ihrem Beitrag nach. Auf die problematische Seite eines falsch verstandenen Selbstvergessens geht die Psychologin Christine Brähler ein. Um mitfühlend zu handeln, brauchen wir Selbstmitgefühl und Selbstfürsorge. Mitgefühl mit allen Wesen sollte auch uns mit einschließen, sonst wird es zum Strohfeuer. Wollen wir zum Wohle aller Wesen handeln, müssen wir lernen, auch unsere Grenzen zu akzeptieren. Das heißt aber nicht, dass wir erst dann tätig werden können, bis wir in dieser Hinsicht vollkommen geworden sind. Es gibt so viel zu tun, und gleichzeitig ist alles schon getan, alles ist bereits erwacht, es gibt kein Wesen, das zu retten wäre, und niemand, der etwas tut. So heißt es im Diamant-Sutra, einem klassischen buddhistischen Text. In diesem Paradoxon bewegen wir uns. Wie wir daraus Kraft und Energie beziehen können, dazu geben unter anderem der tibetische Mönch und Mitbegründer der Hilfsorganisation Karuna-Shechen Matthieu Ricard und die US-amerikanische Zen-Lehrerin Pat Enkyo O’Hara Auskunft.

Ich hoffe, Sie finden im neuen Heft Inspirierendes, nicht zuletzt für Ihre eigenen Fragen zum Thema. Über Leserinnen- und Leserbriefe oder andere Reaktionen freuen wir uns vom Team der Buddhismus aktuell immer.

Ihre Ursula Richard,

Chefredakteurin

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Ursula Richard

Ursula Richard, Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell, ist seit mehr als zwanzig Jahren auf dem spirituellen Weg. Sie übt Zen und ist vertraut mit buddhistischer Psychologie und Praxis. Sie war langjährige Programmleiterin eines spirituellen Verlags, ist Gründerin der Literaturmanufaktur, einer Autoren- und Verlagsagentur für Spiritualität und Lebenskunst, ist Herausgeberin spiritueller Bücher und Übersetzerin u.a. von Thich Nhat Hanh sowie Verlegerin des Verlags edition steinrich.
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