Über Shikantaza, nur sitzen

SHIKANTAZA bedeutet, mit Körper und Geist zu erkunden; und zwar dem Rat des Buddhas entsprechend, selbst zu prüfen, zu erforschen. Was zu erkunden? Was es bedeutet, hier in der Welt zu leben, mit Körper und Geist. Die Erkundung setzt konkret am Nächstliegenden an: bei uns selbst.

© David Gabriel Fischer

Ein Beitrag von Bertrand Schütz veröffentlicht in der Ausgabe 2015/2 unter der Rubrik Meditation Porträt

SHIKANTAZA – za bedeutet sitzen und steht für Zazen. Zen ist die japanische Aussprache des Schriftzeichens für das chinesische Wort chan, für sanskrit dhyana und bedeutet Sammlung, Meditation. Shikantaza: Nur sitzen, nur Zazen. Das „nur“ ist nicht einschränkend, es bedeutet, nicht auszuweichen und so die Isolierung der Ich-Bezogenheit zu überwinden. Und tätig zu werden, in unmittelbarer Berührung mit dem, was ist, also mit der ganzen Welt.

Wie? Indem man Zazen übt. Seit urdenklichen Zeiten bis zum heutigen Tag wird Zazen so geübt, wie es Meister Dogen im 13. Jahrhundert im Fukanzazengi beschrieben hat: die Aufrichtung im Lot, die eine ungehinderte Atmung erlaubt, die Haltung der Beine als Fundament, die Haltung der Hände, die die Sammlung fördert. Besondere persönliche Fähigkeiten wie Kraft, Intelligenz etc. sind unerheblich, notwendig ist lediglich völlige Hingabe. Und das ist nicht so leicht. Es erfordert Mut, wie es in einem Kommentar von Philippe Coupey Reiryu zu Dogens Text heißt. Mut verlangt diese Übung, weil man sich auf nichts stützt, weder innen noch außen, auf keine Vorstellung, keinen Gedanken. Aufrichtung im Lot setzt allumfassende Gegenwärtigkeit voraus und äußert sich auch in der Haltung des Geistes. Das Gleichgewicht ist kein Zustand, den man einmal er langt, es entspringt einem beständigen Abgleich mit der je gegebenen Situation. So kehrt man zu seiner ursprünglichen Beweglichkeit zurück, zur Wurzel, zu dem, was wirklich ist, wie in traditionellen Texten auf vielfältige Weise erörtert wird, so zum Beispiel im Herz-Sutra.

Mit Körper und Geist innewerden, was uns lebendig macht, heißt auch, zur Quelle aller Werte, die ein Leben als Mensch ausmachen, vor aller Begrifflichkeit, zurückzukehren. Die Ausübung von Zazen ist dann Ausgangspunkt und zugleich Prüfstein für unser Tun, Sprechen und Denken. Diese Praxis ist von universeller Tragweite, für alle bestimmt, von unabsehbarer Wirkung und deshalb „ohne Verdienst“, nicht greifbar; sie beinhaltet keine Vorstellung eines Ziels oder Gewinns. Wirkungen, Erfahrungen lassen sich zwar beobachten, doch wenn man sie aus dem Zusammenhang des lebendigen Stroms der von Mensch zu Mensch weitergegebenen Übung herauslöst und zu Zielen macht, mag das in wissenschaftlicher oder therapeutischer Hinsicht von Interesse sein, doch mit der Einengung auf einen Zweck wird die Verbindung zur Quelle, zu shikantaza, abgetrennt. Zazen wird dann zum Gegenstand, der zwangsläufig beschränkten Vorstellungen unterworfen wird. Was dabei verloren geht, ist die universelle Dimension, die Freiheit in der Zuwendung zur Welt und zu allen, die mit uns auf der Welt sind, der Impuls des Bodhisattva.

Als ich Meister Deshimaru traf, der diese Praxis nach Europa gebracht hat, war es vielleicht diese ungehinderte Lebendigkeit, die in mir den Eindruck wachrief, zum ersten Mal einem richtigen Menschen begegnet zu sein.

THE ZEN DIARY von David Gabriel Fischer

THE ZEN DIARY von David Gabriel Fischer
© David Gabriel Fischer

Seit August 2013 lebt der Fotograf David Gabriel Fischer im Zen Kloster Ryumon-Ji im Elsass in Frankreich. Tag um Tag belichtet er mit seiner Kamera die Welt, die ihn hier umgibt. Es entsteht das Fototagebuch The Zen Diary, in welchem er seinen Blick auf die Gegenwart der Dinge richtet. Der Prozess des Fotografierens entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer Art Meditation, um so mit der Umwelt in Verbindung zu treten. Ab April 2015 wird seine visuelle Reise außerhalb des Klosters weitergehen.

Hier finden Sie David's Fototagebuch: www.thezendiary.com

Das Zen Kloster Ryumon-Ji: www.meditation-zen.org

Twitter Off Image Facebook Off Image0 Google Plus Off Image

Bertrand Schütz

Bertrand Schütz, Schüler von Philippe Coupey Reiryu, begann 1978, mit Meister Deshimaru Zazen zu üben. Er arbeitete an der Übertragung von Deshimarus Unterweisung ins Deutsche, war Leiter des Zen Dojo Hamburg und gründete das Dojo in Flensburg. Inzwischen lebt er in Ludwigslust (Mecklenburg) und ist verantwortlich für das dortige Dojo.
Weitere Artikel in dieser Ausgabe