Editorial

Ursula Richard, Chefredakteurin

Ein Beitrag von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2015/2 unter der Rubrik Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

noch vor wenigen Jahren wurde das Thema „Meditation“ von den großen Medien in eine esoterische Ecke gesteckt, eher belächelt und ansonsten nicht weiter beachtet. Wer sich als Hochschullehrer oder Managerin dazu „bekannte“, zu meditieren, tat damit nicht unbedingt etwas für die eigene Karriere oder den guten Ruf. Mittlerweile hat sich das sehr verändert. Inzwischen wird auch in Medien wie Spiegel, Focus, Stern oder Zeit über die positiven Wirkungen von Meditation auf die körperliche und seelische Verfassung des stressgeplagten Mitteleuropäers berichtet. Meditation ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – in einer weitgehend säkularisierten Form. Das heißt, Meditation wird aus dem buddhistischen Zusammenhang, in dem sie entwickelt und praktiziert wurde herausgenommen und als Technik zur Stressbewältigung, Entschleunigung, geistigen Ruhe und zu mehr innerem Frieden eingesetzt. Und das scheint auch zu funktionieren! Eine sehr begrüßenswerte Entwicklung sicherlich, denn unsere Gesellschaft braucht in ihrem Beschleunigungswahn als Korrektiv so viel Achsamkeit, Entschleunigung und Mitgefühl in allen Lebensbereichen, in Schule, Wirtschaft, Gesundheitssystem, wie nur möglich. Doch hat diese Entwicklung eine Kehrseite. Meditation als reine Technik, außerhalb eines buddhistischen oder spirituellen Zusammenhangs, bedeutet ja nicht, dass sie nun in einem luftleeren Raum existiert. Es bildet sich ein anderer Kontext heraus, in dem auch Sinn und Zweck von Meditation neu definiert werden. Dies geschieht nicht zuletzt vor dem Hintergrund wachsender Anforderungen an den Einzelnen, der für die neoliberale Gesellschaft besser gerüstet scheint, wenn er selbstoptimiert, achtsam und zu Impulsdistanz fähig ist. Einige Beiträge im vorliegenden Heft beschäftigen sich mit den Chancen und möglichen Problemen dieser Entwicklung.

Des Weiteren werden in dieser Ausgabe unterschiedliche Formen buddhistischer Meditation vorgestellt. Bei der Meditation geht es letztlich darum, mit dem eigenen Geist, mit uns selbst tiefer vertraut zu werden. Faszinierend ist, welch ein Reichtum und welche Vielfalt uns heute zur Verfügung stehen, aus denen wir schöpfen können, um unseren eigenen Weg zu finden! In den Beiträgen wird eine Brücke geschlagen zwischen den traditionellen Lehren und zeitgemäßen Praxisweisen. Solche Brücken er scheinen mir auch unabdingbar, wenn es darum geht, Meditation in das all tägliche Leben zu integrieren. Damit Meditation Teil einer umfassenderen Lebenspraxis werden kann, muss sie in einer Sprache und in Bildern vermittelt werden, die wir heute verstehen und die mit unserem Leben tat sächlich etwas zu tun haben.

Anfang des Jahres rückte durch die Ermordung von Redakteuren der Satirezeitschrift Charlie Hebdo und von Geiseln im Hypercacher Kosher Superette in Paris erneut die Dimension religiös begründeter Gewalt in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses und wurde seither vor allem durch die Gräueltaten des sogenannten Islamischen Staates wachgehalten. Auch diesem Thema sind einige Seiten der neuen Buddhismus aktuell gewidmet. Es ist so viel leichter, religiösen Extremismus allein bei den Anderen zu verorten, als den Balken im eigenen Auge zu sehen. Die beiden Beiträge im vorliegenden Heft widerstehen dieser Versuchung. Die singhalesische Schriftstellerin Nayomi Munaweera thematisiert religiösen Extremismus auch auf buddhistischer Seite und fragt, was es angesichts dessen für sie bedeutet, sich Buddhistin zu nennen. Die Religionswissenschaftlerin Ursula Baatz mahnt an, sich in der Kunst der Unterscheidung zu üben, die zwischen menschenfreundlichen und menschenfeindlichen Formen von Religion differenzieren kann. Diese Debatte gilt es, im Dialog mit allen religiösen, spirituellen wie gesellschaftlichen Bewegungen weiterzuführen, die an einem friedlichen Miteinander inmitten von Pluralität und Vielfalt der Lebensformen interessiert sind.

Ich wünsche Ihnen ein wunderbares Frühlingserwachen!

Ihre Ursula Richard,

Chefredakteurin

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Ursula Richard

Ursula Richard, Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell, ist seit mehr als zwanzig Jahren auf dem spirituellen Weg. Sie übt Zen und ist vertraut mit buddhistischer Psychologie und Praxis. Sie war langjährige Programmleiterin eines spirituellen Verlags, ist Gründerin der Literaturmanufaktur, einer Autoren- und Verlagsagentur für Spiritualität und Lebenskunst, ist Herausgeberin spiritueller Bücher und Übersetzerin u.a. von Thich Nhat Hanh sowie Verlegerin des Verlags edition steinrich.
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