„Das Wunderbare an der Kunst: Sie verbindet!“

Über Kreativität, Selbstvergessenheit und Konzentration im Schreiben und Leben überhaupt

Doris Dörrie, Beate Stolte

Ein Interview mit Beate Genko Stolte und Doris Dörrie geführt von Doris Harder veröffentlicht in der Ausgabe 2015/2 unter der Rubrik Gespräche

BA: „Hochkonzentriert und Selbstvergessen“ – so der Titel des Workshops – sind zwei Geis teszustände, die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich scheinen. Wie würdet ihr die beiden Begriffe charakterisieren?

Beate Stolte: Von der Meditation her sind es keine gegensätzlichen Attribute, es ist die Beschreibung eines Prozesses. „Selbstvergessen und hochkonzentriert“ bedingen einander. Man kann aus buddhistischer Sicht in der Meditation nicht hochkonzentriert sein, wenn man nicht auch selbstvergessen ist. Starke Konzentration bedingt, dass man aus der kleinen Schale des eigenen Selbst heraustritt, und dabei kann ein spontanes Glücksgefühl entstehen. Das ist eine der Qualitäten tiefer Konzentration in der Meditation: ein glückseliger Zustand.

Doris Dörrie: Ich leite inzwischen seit 17 Jahren den Lehrstuhl „Kreatives Schreiben“ an der Filmhochschule München und habe den Titel irgendwann für mich entdeckt, weil er Kreativität gut beschreibt – diesen Zustand des Hochkonzentriert-und-Selbstvergessenseins. Es ist ein Zustand des Spielerischen und des Sich-selbst aus-dem-Weg-Schaffens; wobei es darum geht, sich immer wieder von Erwartungen zu verabschieden, sich von diesem großen inneren Kritiker und all den Stimmen zu verabschieden, die einem sagen, dass man nicht gut ist; dass man es sowieso nicht schafft ... All diese Urteile muss man aus dem Weg räumen, um diesen Zustand des Hochkonzentriert-und-Selbstvergessenseins zu erreichen. Das schafft den Raum, in dem Dinge entstehen können. Ich habe eine Reihe von Erfahrungen, von ganz simplen Anweisungen und Übungen gesammelt, die sehr gut funktionieren. Inzwischen unterrichte ich das auf der ganzen Welt – gerade erst in China –, und es funktioniert – egal, wie viel Vorbildung die Leute bezüglich des Schreibens mitbringen, egal, wie professionell sie sich ausrichten wollen – es funktioniert. Und das kreative Schreiben trifft sich eben sehr gut mit der Meditation, und ich für mich weiß auch gar nicht mehr so recht, wie man überhaupt kreativ sein kann ohne Meditationserfahrung.

 

BA: Kannst du die beiden Begriffe in Bezug auf den kreativen Prozess des Schreibens etwas näher definieren? Was ist „selbstvergessen“, was ist „hochkonzentriert“?

DD: Beide existieren nur zusammen, das ist der Punkt! Hochkonzentriert zu sein ist nicht das Problem: Ich setze mich an den Schreibtisch und bin hochkonzentriert. Aber wenn ich nicht selbstvergessen bin, fange ich an, mich zu kontrollieren, mich ständig zu hinterfragen: „Ist dieser Satz ein guter Satz, ist er ein besonderer Satz? Ist er ein tiefer Satz?“ Die Kombination von Selbstvergessenheit und Hochkonzentriertsein – das ist genau der Punkt.

BS: Das Gleiche trifft auf die Meditation zu. Wenn man mit der Erwartung meditiert, dabei entspannt zu sein, oder wenn man sich ständig kontrolliert, ob man „richtig“ sitzt, ob man sich genügend auf den Atem konzentriert und so weiter, behindert man das Meditieren. Erst in dem Moment, in dem wir den Weg frei machen, entsteht auch in der Meditation der kreative Prozess; dann kommen die 10 000 Dinge, kommt die Welt, die reiche, kreative Welt zu uns.

DD: Und genau das verbinden wir hier ganz direkt mit dem Schreiben und üben es Tag für Tag: alles aus dem Weg schaffen, was Kontrolle bedeutet, und die Dinge kommen lassen. Unser Motto ist dabei auch der Satz aus dem Lodjong: „Gib alle Erwartung in Bezug auf Ergebnisse auf.“ Dazu gehört dann noch ein Begriff aus der Meditationspraxis, das „genaue Schauen“. Das ist die zweite große Aufgabe beim Schreiben: immer präziser werden und bildhafter beschreiben. Im Hinblick auf die Kreativität ist es der Zustand des Spielens, in dem man sich selbst als die Spielende vergisst und das Spiel das Entscheidende ist. Es kommen dabei Geschichten zu Papier, denen man sich nicht bewusst war. Man hätte sie analytisch nicht hervorrufen können, sondern eben nur durch diesen Zustand des Spielerischen.

Beate Stolte, Doris Dörrie und die Fotografin Katharina Vonow (v.l.)
Beate Stolte, Doris Dörrie und die Fotografin Katharina Vonow (v.l.)

BA: Die Schriftstellerin Sara Maitland schreibt in The Book of Silence über ihre eigenen Forschungen und Erfahrungen zum Thema „In die Stille gehen“. Nachdem sie eine Zeit intensiver Stille und Meditation durchlebt hat, stellt sie fest, dass das Leben in Stille sie zwar spirituell „weiterbringt“, sie aber nicht mehr schreiben kann; es fließt nicht mehr. Doris, kennst du das? Hast du auch solche Erfahrungen gemacht?

DD: Ja, die mache ich HIER (am Felsentor). Ich schleppe immer brav mein Heft mit und denke: „Ich schreibe ein bisschen“, um dann zu erleben: Nein, ich muss gar nicht mehr schreiben ... Vielleicht ist es das Ziel, dass man nichts mehr herstellen MUSS, nichts mehr ausspucken MUSS. Kann sein, dass das ein Ziel ist. Für mich (holt tief Luft) ist es ein schwieriges Thema: Inwieweit das Kreativ-sein-Müssen auch wieder ein Zwang ist, von dem man sich abhängig machen kann. Ein Leben ohne Schreiben kann ich mir allerdings nicht vorstellen – so wenig wie ein Leben ohne Meditation.

Thich Nhat Hanh wurde einmal gefragt – und ich war zufällig dabei: „Gibt es eine Tätigkeit, die man nicht achtsam ausführen kann?“ Und er hat geantwortet: „Ja, schreiben.“ Das kann ich bestätigen. In dem Moment des Schreibens ist man doch immer in der Vergangenheit oder Zukunft und nicht wirklich in der Gegenwart. Wenn Stille also bedeutet, in der Gegenwart zu sein – dann verbietet sie fast das Schreiben. Das erfahre ich an mir selbst: In einem Retreat kann auch ich nicht schreiben, weil diese Aufforderung, sich deutlich mehr als im Alltag in der Gegenwart aufzuhalten, nicht dazu führt zu schreiben. Die Frage ist aber dann: Warum überhaupt noch etwas ausdrücken? „Sitting quietly, doing nothing“: Das verbietet dann eigentlich jeglichen Ausdruck. Aber da bin ich nicht, und da will ich auch nicht unbedingt immer sein (lacht). Ich bin in der Welt, ich bin auf dem Marktplatz, um mit den zehn Ochsenbildern aus dem Zen zu sprechen, weil ich so einen Spaß daran habe, Dinge auszudrücken.

 

BA: Das Erlebte „ausdrücken“ passiert ja nicht nur in der Kunstproduktion. Meditierende drücken sich ja durch ihr Verhalten aus, durch ihr Mitgefühl, ihre Geduld, wie sie ihren Alltag leben und so weiter.

BS: Eine Teilnehmerin hat erzählt, wie sie in der Küche gearbeitet hat (während der einstündigen Arbeitsperiode am Felsentor) und sich an den vielfältigen Formen der Karotten erfreut hat. Um das zu erleben, muss man schon einen anderen Blick haben.

DD: Im Anschluss an das Erleben mit der Karotte schreiben wir darüber: Wohin führt mich die Karotte, kann ich Verbindungen finden? Kann ich Worte finden, nachdem ich meinen Schädel von Erwartungen leer geräumt habe? Und wie weit kann ich abtauchen in Erinnerungen, in autobiografisches Material, in denen andere Karotten auftauchen? Das systematisieren wir hier. Was ich noch konkret aus dem Buddhismus im Schreibprozess anwende, ist der Satz aus dem Lodjong-Training: „Betrachte alle Dharmas als Träume.“ Wenn man beim Schreiben begreift, dass alles nur Gedanken sind, die auftauchen und vergehen, müssen sie uns nicht überwältigen und gefangen nehmen. Dann können wir sie beschreiben. Für viele ist es zunächst schwierig, zu begreifen, dass etwas erzählenswert ist und dass wir in dem Moment, in dem wir detailliert beschreiben, lebendig werden. Das Leben ist so einzigartig und besonders.

 

BA: Welche zusätzlichen Faktoren siehst du als kreativitätsfördernd an?

DD: Regelmäßigkeit – das Üben! Und das „Nicht flüchten, standhalten“ wie die Sumo-Ringer es nennen. Wie auch in der Meditation gilt: Sich das Üben zur Angewohnheit machen, damit andere Gewohnheiten – wie das Flüchten: „Ach, heute schreibe ich nicht, morgen dann wieder“ – sich nicht durchsetzen können. Wenn man es geschafft hat, seinen Hintern auf das Meditationskissen oder an den Schreibtisch zu setzen, ist schon sehr viel geschafft. Und wenn man dann auch noch sitzen bleibt ... ist noch mehr geschafft. (lacht)

Meditationshalle (Zendo) am Felsentor
Meditationshalle (Zendo) am Felsentor | © Katharina Vonow

BA: Doris, du hast gestern zu den TeilnehmerInnen gesagt: „Struktur ist Kontrolle!“ Dabei arbeiten wir doch in der Kunst wie im Zen viel mit Formen und Struktur. Ich nehme an, du meintest diese Aussage nur zum Einstieg in den kreativen Prozess, um sich nicht zu blockieren?

DD: Ja. Zu einem späteren Zeitpunkt ist Struktur in der Arbeit natürlich ganz wichtig. Zur Struktur gehören ja auch mein Schreibtisch, das Blatt Papier, mein Stift, die Uhrzeit ...wobei, es auch wichtig ist, nicht zickig zu werden: Ich kann nur auf DIESEM Stuhl, in DIESEM Zimmer, mit DIESEM Stift schreiben. Das ist in der Meditation auch manchmal ein Thema: Ich kann nur auf DIESEM Kissen sitzen, ich BRAUCHE die absolute Stille, BRAUCHE den und den Ort, um meditieren zu können. Dieses Ausflippen, das man kennt, wenn sich jemand auf MEIN Kissen setzt. (Gelächter) Mit meinen Studenten übe ich, dass sie überall schreiben können müssen, überall.

BS: Große Meditationsmeister haben für ihre Schülerinnen und Schüler die Struktur auch immer wieder gern verwirrend verändert, damit sie nicht anhaften. Auch das ist eine wichtige Funktion.

 

BA: Was ist auf dem Weg des Schreibens hilfreich, Doris?

DD: Wenn man sich tatsächlich hinsetzt und die Übung täglich macht, täglich schreibt, glaube ich, dass man die Einzigartigkeit der eigenen Existenz ganz anders begreift. Wenn man etwas detailliert beschreibt, z. B. ein Essen, das es einmal zu Hause gab, und man bemerkt: „Nur ich habe diese Töne, Gerüche, Bilder in meinem Kopf! Auf meiner Festplatte!“, kann man die eigene Existenz – ja, feiern!

BS: Und man verbindet sich mit den anderen in der Gruppe, wenn wir die Geschichten vorlesen und teilen. Da wird es dann hilfreich: Geteilte Freude verbindet.

 

BA: Ja, ihr habt viel gelacht!

DD: Stopp! Gelacht ja; aber auch unangenehme Dinge beschreiben gehört dazu. Denn auch das verbindet. Das finde ich, ist die Aufgabe und das Wunderbare an der Kunst: dass sie Verbundenheit schafft!

 

BA: Magst du noch etwas zum Thema Kreativität hinzufügen?

DD: Just do it!

Nächster Workshop

11. bis 16. August: Dieses schöne Scheißleben, Der Weg zur Kreativität ist, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Kreatives Schreiben & Meditation. www.felsentor.ch

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Beate Genko Stolte

Beate Genko Stolte ist Zen-Lehrerin und erste Dharma-Nachfolgerin von Roshi Joan Halifax. Als Gründungsmitglied des Buddhistischen Studienzentrums in Deutschland leitete sie es zehn Jahre als Geschäftsführerin und Direktorin. Mehrere Jahre war sie Koäbtissin und Lehrerin im Upaya Zen Center in den USA. Ende 2012 kehrte sie nach Europa zurück und lehrt jetzt in den USA und Europa.

Doris Dörrie

Doris Dörrie, Professorin für Angewandte Dramaturgie und Stoffentwicklung an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, drehte bisher 32 Filme, schrieb 23 Bücher, inszenierte sieben Theater/Opernaufführungen und wurde mit zahlreichen Preisen geehrt.
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