Und dann hast du so ein Glück wie ich und bekommst so eine Krankheit!

PETER CORNISH, Gründer und Stifter von Dzogchen Beara, im Gespräch mit Marietta Schürholz über Visionen und Loslassen

© Marietta Schürholz

Ein Interview mit Peter Cornish geführt von Marietta Schürholz veröffentlicht in der Ausgabe 2015/1 unter der Rubrik Gespräche

Buddhismus Aktuell: Du kamst vor fast fünfzig Jahren mit deiner Frau an diesen Ort an der Westküste Irlands, um einen Platz für Gemeinschaft und Rückzug zu schaffen. Seine Lage, seine Architektur und die Landschaft berühren und transformieren. Woraus gewannt ihr die Kraft, euer Werk zu vollenden und anderen zu schenken?

 Peter Cornish: Wenn ich irgendetwas hatte, dann eine Vision. Seit meiner Schulzeit gab es die Vorstellung, eine Gemeinschaft zu gründen. Aufgrund meiner schlechten Augen und da ich die Tafel nicht sehen konnte, war ich ein schlechter Schüler, und als man mich fragte, welchen Beruf ich ergreifen wollte, da war meine Antwort nur: „Von euren blöden Berufen will ich gar keinen.“ Ich ging in die Bibliothek, ergriff mein Lieblingsbuch und las zum wiederholten Mal eine Stelle, die mich am meisten ergriff. Es war die Vision einer Gemeinschaft in van Goghs Lebensgeschichte. Er beschreibt dort die Idee einer Künstlergemeinschaft als einer Gemeinschaft von gleich gesinnten Menschen. Und so wurde mir meine Berufung klar: Ich würde eine Kolonie gründen. Zuerst sollte es eine Künstlerkolonie sein, denn ich liebte das Malen. Aber nach meiner ersten Ausstellung in London musste ich das Malen aufgeben, weil meine Augen immer schlechter wurden. Daraufhin ging ich nach Samye Ling, das erste tibetische Zentrum im Westen. Das war 1969. Chogyam Trungpa Rinpoche war dort, und durch ihn änderte sich mein Vorhaben. Aus einer Künstlergemeinschaft wurde ein spirituelles Zentrum. So kaufte ich drei kleine Hütten ganz in der Nähe von Samye Ling im Zentrum Schottlands. Es ist nass und kalt dort und das genaue Gegenteil von hier, wo der Himmel bei deinen Füßen anfängt.

 

 

Was passierte in dieser Zeit?

1972 traf ich meine spätere Frau Harriet. Als ich sie zum ersten Mal sah, da stand sie im Hof einer Farm, trug ein langes Kleid und einen großen Hut; und sie rührte mit einem großen Stock in einem Kessel über einem krachenden Feuer, um Wolle zu färben. Harriet wollte als Selbstversorgerin leben, und dafür hatten wir nicht genug Grund und Boden. So suchten wir nach einem größeren Stück Land, von dem ich ein sehr genaues Bild vor Augen hatte: Es würde auf einem Hügel liegen und davor eine große Ebene. Aber in ganz Schottland wurden wir nicht fündig.

 

 

Woher kam dieses Bild?

Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es da war. Es war schon immer da, solange ich mich erinnern kann. Es würde dort eine Gruppe von Gebäuden geben und einen Wasserfall.

 

Glaubst du, dass wir Orte aus anderen Leben kennen? Oder dass uns unser Karma mit bestimmten Orten verbindet?

Das habe ich für mich nicht beantwortet, und natürlich haben viele Menschen diese Vermutung geäußert. Aber als wir dann hier von der Straße kommend auf den Hügelkamm traten, waren wir vollkommen perplex. Es entsprach genau meinem Bild. Und was ich als eine große Ebene gesehen hatte, war das Meer. Zugleich entsprach der Platz exakt allen geomantischen Kriterien, die im Buddhismus für einen perfekten Meditationsoder Retreat-Platz beschrieben werden und die ich von Situ Rinpoche gehört hatte. Die Tibeter sagen, dass ein Retreat-Zentrum an der Seite eines Berges oder mit einem Berg im Rücken liegen soll, damit es von der Welt abgeschirmt ist. Es soll dem Süden zugewandt sein, wo man in der Ferne Hügel sehen kann. Hier gibt es diese Inselgruppe. Im Westen sollte der Ort geschlossen sein, denn der Westen repräsentiert den Tod. Richtung Osten soll er offen sein, denn dort gehen die Gestirne, der Mond, die Sonne und die Sterne, auf, hier kommt die Energie herein. Aus dem Osten kommt die Straße aus Cork, kommt die Welt herein. Es war fast so, als wäre jemand früher hier gewesen, hätte diesen Platz beschrieben und dann entsprechend die Kriterien für einen perfekten Meditationsplatz festgelegt. Aber vielleicht tragen wir alle diese Qualitäten in uns. Und wenn du die Augen schließt, dann erscheint ein Ort, der genauso aussieht wie dieser Platz.

 

Ja, es gibt diese Orte, die etwas Universelles berühren. Mir ging das so, als ich nach Varanasi am Ganges kam. Da schaust du über den breiten Fluss. Die Stadt ist aber nur auf dieser Seite, auf der anderen liegt unbebautes Marschland. Gläubige Hindus wollen hier sterben, um aus allen Wiedergeburten auszusteigen. Denn schon im Leben kann das Auge hier in Ewigkeit und Nichts hinüberschauen. Und als ich in Dzogchen Beara ankam, erging es mir ähnlich, da auch hier die Linie des Horizontes ins Unendliche übergeht. Und weil wir von van Gogh gesprochen haben: In seinen späten, kurz vor seinem Tod entstandenen Landschaftsbildern passiert dasselbe. Der Übergang zwischen Erde und Himmel, zwischen Hier und Dort wird so unmerklich, als würdest du den Ozean sehen.

Wir haben unser Bestes getan, um diese Erfahrung durch die später entstandenen Gebäude nicht zu zerstören, denn es gibt nicht viele Orte auf der Welt, wo du sitzen und 25 Kilometer die Küste entlangschauen kannst, ohne dass dein Auge auf irgendeine menschliche Behausung trifft.

 

Ich glaube, dass solche Orte helfen, das Leben in einen Zusammenhang zu stellen und vielleicht auch das Sterben leichter und verständlicher zu machen.

Das Spiritual Care Center ist das einzige Gebäude, das hier nach Harriets Tod und inspiriert durch ihn entstanden ist. Es ist ein guter Ort zum Sterben. Den Blick, den du hier hast, könnte man als „the vast expanse“ (unermessliche Weite) bezeichnen, ein Begriff, der bei Longchenpa vorkommt. Für mich ist klar, dass ich mich beim Sterben einfach in diese große unendliche Ausdehnung hineinbegebe. Und dann nehme ich eben irgendeine weitere Wendung zum Wohle aller Wesen. Zugleich ist dieser Ort für alles unterstützend, auch für Samsara. Was du hier tust, vergrößert und vervielfältigt sich. Wenn du dich hier streitest, dann hast du einen wirklich guten Streit. Und wenn du hier praktizierst, dann hast du eine wirklich gute Praxis. Und wenn du hier stirbst, dann hast du einen wirklich guten Tod. Man ist hier wie unter einem Vergrößerungsglas, was wohl auch an der Kraft der Elemente liegt, die hier sehr extrem sind. Wir bekommen alles, auch unglaubliche Stürme.

© OlivIreland | www.dzogchenbeara.org

Warst du immer von der Vision bewegt, etwas für andere zu tun?

Es gab nur die Vorstellung, etwas für andere zu tun. Ein Konzept von „Etwas nur für uns tun“ hatten wir nie. Aber als wir hierher kamen, um ein Retreat-Zentrum zu gründen, fragten mich die Menschen: „Und wirst du der Lehrer sein?“ Da konnte ich nur lachen und antworten: „Meinst du, ich gründe ein Retreat-Zentrum, lasse mir einen langen Bart wachsen und spiele dann den Lehrer? Was wäre denn das für ein Betrug!“ Nein, es musste immer für andere Menschen sein. Ich habe mich stets im Hintergrund gehalten. Ich habe auch nie irgendetwas gelehrt, hätte auch nichts zu lehren. Und auch an der Organisation wollten wir uns nicht beteiligen. Wir haben 1992 alles in die Hände einer wohltätigen Stiftung gegeben. Das war eine große Übung im Loslassen. „Wie fühlt sich das an, wenn man das, was man Stein für Stein selber gebaut hat, anderen übergibt?“, habe ich mich gefragt. Und meine Antwort war: „Es ist so, wie wenn du dein Kind zur Adoption freigibst, dann mit den Adoptiveltern zusammenlebst und zuschaust, was sie mit deinem Kind machen.“ Du musst zuschauen, wie Menschen die gleichen Fehler machen wie du, und du musst dich raushalten, damit sie lernen können. Es war eine wunderbare Belehrung.

 

Ich höre eine große Dankbarkeit für diese Lehre.

Ja, ich bin dankbar für jede Lehre. Unser Leben und das, was uns begegnet, schenkt uns alle Belehrung, die wir brauchen. Nehmen wir sie an, haben wir ein perfektes Paket, um am Ende unseres Lebens erleuchtet zu sein. Das Problem ist nur, dass wir die Belehrungen verpassen, weil wir reagieren. Wenn du auf ein bestimmtes Ereignis reagierst, gehst du einen Schritt zurück und musst diese Lektion noch einmal lernen. Aber wenn du sie akzeptierst, gehst du um dieses Stück weiter auf deinem Weg. Ich bin für alle Belehrungen, auch die Schläge, welche in meine Richtung kamen, sehr dankbar. Letztere waren nicht viele. Aber egal, was war, ich bin für alles dankbar. Leider lernen wir vor allem durch das Leiden. Wenn alles zu leicht geht, lernen wir nicht. Wir lernen durch die schwierigen Stellen. Und wenn wir verstehen, dass diese zu unserem Vorteil sind, löst sich auch zu einem großen Teil das Leiden daran auf. Leiden möchte uns mitteilen, dass etwas nicht stimmt. Schneidest du dich in deinen Finger, dann muss es wehtun, sonst würdest du dich darum nicht kümmern. So ist das mit all unserem menschlichen Leiden. Es zeigt dir einfach: „Hey! Du leidest, weil du ein wenig falschliegst.“

 

Ich glaube, dass wir die Botschaft schon verstehen, weil wir ja das Leiden fühlen. Aber wenn es darum geht, die Verhaltensmuster zu verändern, die zu diesem Leiden geführt haben, ...

... dann sind wir keine großartigen Doktoren.


Wir wollen die Muster behalten und machen ein paar kosmetische Korrekturen. Apropos: Ich würde gern ein Bild machen. Hast du etwas dagegen?

Nein.

 

Ich kann eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dir und einem Portrait von van Gogh entdecken.

Aber schau, ich habe zwei Ohren. (Lachen) Van Gogh war mein Held. Ich habe stets die Außenseiter geliebt. Er war so ein unglaublich sensibler Charakter, der so vieles sehen und die Dinge wahrnehmen konnte, wie sie wirklich sind. Er sah, dass durch den Baumstamm Regenbogenlicht läuft, nahm die Substanzlosigkeit von allem wahr und begriff, dass es nichts Festes gibt. Wir machen alles fest, damit wir damit umgehen können. Aber so sind die Dinge nicht. Das ist ein Witz, ein Betrug. Das Feste ist eine Illusion.

 

Und er sah die Verbundenheit von allem.

Ja, es ist wie ein Tanz, ein verrückter Tanz.

 

Mein erster Kunstgeschichtslehrer lehrte mich, in seinen Bildern das Sichtbarwerden von Energieströmen wahrzunehmen.

Für mich war es immer leichter, die Welt so zu sehen, eben weil ich nicht so gut „sehen“ konnte.

 

Wurde dein Augenlicht im Laufe deines Lebens schlechter?

Meine Augen wurden schlechter, bis ich ungefähr 18 war. Dann stabilisierten sie sich, und ich trug für 50 Jahre die gleiche Brille. Aber in den letzten fünf Jahren habe ich Katarakte entwickelt. Dabei werden die Augen trüb. Katarakte bekommt man unter anderem, wenn die Augen zu heiß werden. Ich habe meine Nase beim Schreiben immer sehr nah an den Bildschirm gehalten. Trotzdem habe ich mich gegen eine Operation entschieden, denn dabei wird dir eine neue Linse eingesetzt. Und ich hatte Angst, dass meine Art des Sehens sich dadurch verändern würde. Meine Art des Wahrnehmens ist meine Praxis, und die ist für mich wichtiger, als mich in der normalen Welt zurechtzufinden.

© OlivIreland | www.dzogchenbeara.org

Kannst du dazu mehr sagen?

Meine Augen haben mir immer geholfen, die Substanzlosigkeit von allem zu sehen, wie alles im Grunde flüssig ist und aus Energie und den Farben des Spektrums besteht. Ich habe diese Welt ja mal gewöhnlich gesehen, ich weiß wie das ist. Aber diese andere Sicht ist kostbarer für mich. So bin ich zwar durchs Leben gehumpelt, konnte beim Mauern die Blase in der Wasserwaage nicht erkennen, aber hier war das kein Problem, denn den Horizont kannst du an diesem Ort fast überall sehen.

 

Deine Geschichte erinnert mich an den Roman „Herzen hören“. Er handelt von einem blinden Jungen, der die Fähigkeit entwickelte den Herzschlag und damit das Wesen von Menschen zu hören. Nach einer Operation verlor er diese für ihn kostbarste Fähigkeit.

Ja, die Menschen glauben – und warum sollten sie das auch nicht glauben –, dass all dies hier so wahnsinnig wichtig ist. Und dann hast du so ein Glück wie ich und bekommst so eine Krankheit. Deshalb sage ich, dass wir alle den perfekten Weg bekommen, wir müssen ihn nur annehmen. Wenn du also das Glück hast, die Dinge aufgrund eines physischen Grundes anders zu sehen, dann mach was draus und versuche nicht, den Weg zu gehen, den andere Menschen gehen. Der Punkt ist einfach, dass man sich für alles offen halten sollte. Denn alles ist möglich. Und alles, was wir brauchen, ist schon hier. Aber mit unserem relativen Geist nehmen wir alles dualistisch wahr. Im absoluten Sinn, in einem zeitlosen, ist alles hier. Wenn du über den relativen Geist hinausgehst, dann gibt es in einem Leben einen maßgeschneiderten Weg zur Erleuchtung.

Ringu Tulku erzählte einmal davon, wie er einen kleinen Blutstropfen unterm Mikroskop betrachtete und dabei unzählige monsterartige Wesen sah, die sich verfolgten. Ich habe so etwas Ähnliches mal beobachtet, als mein Neffe zu Weihnachten ein sehr starkes Mikroskop bekam und wir darunter Blauschimmelkäse ansahen. Da konnten wir ebenfalls diese unglaublichen Monster mit Glupschaugen und großen Zangen sehen, die sich bekämpften. Es heißt doch, dass auf unseren Augenlidern so viele Wesenheiten leben, wie es zu jedem Zeitpunkt Sterne im All gibt. Allein auf dieser Ebene geht die ganze Zeit wahnsinnig viel vor sich! Würden wir die Dinge sehen, wie sie wirklich sind, kämen wir vielleicht nicht mehr mit ihnen zurecht. Darum machen wir sie fest. Dann können wir essen, uns ein Dach über dem Kopf schaffen und die nächste Generation zeugen.

 

Und deshalb versinken erweiterte Wahrnehmungen häufig wieder.

Ja, und wir sprechen hier nur von der mikroskopischen Ebene und sind noch lange nicht bei der atomaren und subatomaren. Unsere Sinne sind weniger Empfänger als Filter, denn sonst könnten wir mit den möglichen Informationen nicht umgehen. In einer Geschichte bittet Yeshe Sogyal Padmasambhava, ihr zu zeigen, wie die Dinge wirklich sind. Da entgegnet ihr Padmasambhava: „Du bist verrückt. Das würdest du nicht aushalten. Da würdest du sterben.“ Und dann besinnt er sich und sagt: „Ich will dir zumindest einen ganz kleinen Ausschnitt zeigen.“ Er zeigt ihr ein winziges Partikel Pollen vom Utpala Lotus oder etwas Ähnlichem. Daraufhin fällt sie in Ohnmacht und bleibt eine Woche bewusstlos. Wir müssen also einen weiten Weg gehen, bevor wir die Dinge so sehen können, wie sie wirklich sind. Wenn wir mit unserem konzeptuellen Geist schauen, sehen wir vielleicht verrückte Monster, die für manche beängstigend sind. Doch im Grunde ist alles absolut perfekt und wunderschön. Und wir sind das alles und sind nicht davon getrennt.

 

www.dzogchenbeara.org

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Peter Cornish

Der Engländer Peter Cornish und seine Frau Harriet (gest. 1993) hatten den Wunsch, ein Zentrum für Menschen unterschiedlicher spiritueller Richtungen zu gründen. Obgleich sie nur über sehr geringe finanzielle Mittel verfügten, gelang es ihnen, Land auf der Halbinsel Beara im Westen der irischen Grafschaft Cork zu kaufen und dort im Laufe von zwei Jahrzehnten das aufzubauen, was heute Dzogchen Beara ist. Als spirituellen Mentor sprachen sie 1987 Sogyal Rinpoche an, da er einer der ersten Englisch sprechenden Lamas im Westen war. 1992 übergaben sie das Land einer Stiftung. Dzogchen Beara, heute von Rigpa geführt, bietet auch Lehrenden verschiedener buddhistischer Traditionen sowie christlichen Geistlichen einen Ort der Praxis. Seit 2007 ist dort das Dechen Shying Spiritual Care Center beheimatet, ein Ort für Kranke und Sterbende. Peter Cornish hat seine Lebenserinnerungen in dem Buch Dazzled by Daylight niedergeschrieben, das bei Garranes Publications erschienen ist.
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