Miteinander leben und praktizieren mitten in der Großstadt - Das Buddhistische Zentrum Hamburg

© Buddhistisches Zentrum Hamburg

Ein Beitrag von Dominic Richard Levien veröffentlicht in der Ausgabe 2015/1 unter der Rubrik Gemeinschaft

Sechs Uhr morgens, der Wecker klingelt und draußen erwacht an diesem hellen Sommermorgen langsam die Stadt. Auf dem Weg aus dem dritten Stock in die Meditationshalle blicke ich von oben schräg durch die Fenster hinein und sehe, dass die Altarschalen mit Duftwasser gefüllt sind, eine Kerze vor dem Buddha brennt und ein paar Freunde schon ihr Ngöndro1 machen. Die Freude, sich zu ihnen zu setzen und mitzumeditieren, bevor der Alltag beginnt, steigt. Ich wohne im Buddhistischen Zentrum Hamburg, mitten in der Großstadt. Das Gebäude beherbergt tags - über und abends nicht nur zahlreiche Gäste und Praktizierende, sondern ist auch Wohnort für ca. 40 Erwachsene und sechs Kinder. Wer hier wohnt, hat entschieden, sich für einen begrenzten Lebensabschnitt aktiv für andere einzubringen. Studenten, Handwerkerinnen, Architekten, Ärztinnen, Hebammen. Menschen aus allen beruflichen Richtungen und mit den unterschiedlichsten Geschichten kommen hier zusammen und teilen ihr Leben, ihre Aufgaben im Zentrum und vor allem ihre buddhistische Praxis und helfen, den Zentrumsbetrieb am Laufen zu halten.

Das Buddhistische Zentrum Hamburg | © Buddh. Zentrum Hamburg
Das Buddhistische Zentrum Hamburg | © Buddh. Zentrum Hamburg

Das Buddhistische Zentrum Hamburg wurde 1978 von Lama Ole Nydahl gegründet. Es gehört der Buddhismus Stiftung Diamantweg, erhielt vom 16. Karmapa, dem Oberhaupt der Karma-Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus, seine Gründungsurkunde und steht unter der Schirmherrschaft des 17. Karmapa Trinle Thaye Dorje. Das Zentrum wird von den ca. 550 Hamburger Vereinsmitgliedern innerhalb des Vereins Buddhistische Zentren Norddeutschland e.V. getragen.

Hier ist eine lebendige Laiengemeinschaft entstanden. Wenn ich mich im Zentrum umschaue, sehe ich Menschen, die mitten im Leben stehen, ihren Alltag bewältigen müssen und dennoch Lust haben und die Zeit finden, nach Feierabend und am Wochenende gemeinsam zu meditieren und Praktisches zum Wohle anderer zu leisten. Dadurch gewinnt man einen Reichtum an Sinn und Freude, der jenseits eines normalen Alltags reicht. Das intensive Zentrumsleben ermöglicht rasche Entwicklungsschritte, persönliche Vorurteile können überwunden werden, weil es um etwas Bedeutenderes geht. In der Zentrumsgemeinschaft entstehen tiefe Freundschaften, in denen stets eine überpersönliche Ebene mitschwingt. Wir sind „gezwungen“, miteinander auszukommen; Ecken und Kanten werden hier sichtbarer als im normalen Alltag. Und so entstehen auch zu Menschen, mit denen wir am Anfang vielleicht Probleme haben, mit der Zeit Freundschaften, weil wir sehen, dass sie jenseits aller persönlichen Eigenheiten dieselbe Motivation haben wie wir. Wir wollen zum Besten anderer etwas tun und überwinden dabei, unterstützt durch die Meditation, alte Gewohnheiten und innere Schweinehunde.

Mein frühmorgendlicher Weg zur Meditationshalle führt durch einen Laubengang, um einen Innenhof herum und an diversen Mitbewohnerzimmern vorbei erst einmal zur Gemeinschaftsküche, wo ich mir einen Kaffee koche. Mitten in der geräumigen und hellen Küche mit Blick auf den Hof und die Gompa2 steht ein Frühstückstresen, an dem später, zwischen 7 und 10 Uhr – die Arbeitszeiten sind so divers wie die Berufe – mehrere Bewohner sitzen und bei Kaffee und Müsli vielleicht über das anstehende Vortragswochenende reden werden. Beim Betreten der Gompa halte ich kurz inne, denn ich liebe die Atmosphäre hier drinnen – wie ein tiefer, stiller See. Die Linienlamas, aufgereiht auf dem Altar, darüber ein großes Thangka3 mit dem goldenen Buddha, rechts eine große goldene Statue, links der imposante Mahakala4. Der Raum scheint von Ruhe und Kraft erfüllt. Eine andere Welt. Ich hole mir ein Kissen und setze mich zu den anderen. Danach geht es zurück in die „normale“ Welt. Ich nehme die guten Eindrücke aus dem Start mit in den Tag; sie tragen mich recht weit.

Um ins Zentrum einziehen zu können, muss man vor allem eines sein: Praktizierende/r Buddhist/in des Diamantweges. Man muss in der Sangha bekannt sein, sich schon eine gewisse Zeit im Zentrum engagiert haben, Menschen mögen und Lust haben, sich in der Zeit, die man hier leben wird, aktiv ein zubringen. Neben der gemeinsamen buddhistischen Ebene gibt es nämlich auch die ganz handfesten Aufgaben, die bewältigt werden müssen. Unsere Zentren werden alle ehrenamtlich betrieben; wir halten das Gebäude instand, betreiben vor und nach der täglichen Meditation das öffentliche Café, putzen die Toiletten und organisieren Kurse. Es gibt keine bezahlten Positionen. Das bietet vielen Menschen Raum, sich ein zubringen, und konkrete Begegnungsmöglichkeiten, um Freundschaften zu schließen. Dabei helfen nicht nur diejenigen, die im Zentrum wohnen. Wird ein Zimmer frei, kommt die „WG“ zusammen und entscheidet gemeinsam, wer von den „Bewerbern“ gerade am besten geeignet ist – werden zurzeit Handwerkerinnen gebraucht oder Buchhalter oder jemand, der sich international engagiert und mit seiner Erfahrung das Zentrum stärkt? Die Entscheidung fällt nach einer meist kurzen Diskussionsrunde durch Abstimmung, wobei die Meinung derjenigen, die schon länger dabei sind und viel Erfahrung haben, Vertrauen und Gehör findet. Die Mieten berechnen sich wie auch sonst üblich nach Quadratmetern. Es gibt auch eine Lama-Wohnung für „hohe“ Besuche. Zu Kurszeiten müssen die Bewohner oft enger zusammenrücken und ihre Zimmer für mitreisende Lamas und Mönche zur Verfügung stellen.

Vortrag mit S. H. dem 17. Karmapa Trinley Thaye Dorje und Lama Ole Nydahl | © Buddh. Zentrum Hamburg
Vortrag mit S. H. dem 17. Karmapa Trinley Thaye Dorje und Lama Ole Nydahl | © Buddh. Zentrum Hamburg
Während der Bauphase
Während der Bauphase

Die verschiedenen Bereiche des Zentrumsbetriebs haben wir auf Arbeitsgruppen aufgeteilt. Diese AGs handeln für sich recht autonom und treffen Entscheidungen, die ihren Bereich betreffen, meist eigenständig. Die wichtigsten AGs wie Finanzen, Instandhaltung, Programm oder Dharma-Inhalte haben je einen „ständigen Vertreter“, die sich alle zwei Wochen treffen, Aktuelles austauschen und übergeordnete Entscheidungen gemeinsam treffen. Die Ergebnisse dieser Sitzung werden in die darauffolgende allgemeine Zentrumssitzung getragen, die für alle Mitglieder offen ist. Dort werden die aktuellen Programmpunkte und Zentrumsangelegenheiten gemeinschaftlich besprochen und anschließend als Protokoll über unseren E-Mail-Verteiler an alle aktiven Mitglieder verschickt. Zusätzlich trifft sich auch die Wohngemeinschaft alle zwei bis drei Wochen, um die praktischen Aspekte des Zusammenlebens zu besprechen (die Sauberkeit in der Küche zum Beispiel ist ein Dauerbrenner Auf dem Weg zur Arbeit trete ich durch das Zentrumstor auf die Straße. Dort kommt mir eine Schulklasse entgegen, die einen Vortrag über Buddhismus hören will. Während der Schulzeit besuchen pro Woche durchschnittlich ein bis zwei Klassen das Zentrum, um etwas über die Lehren des Buddha zu erfahren. Während die Kinder über den Hof zur Gompa verschwinden, schweift mein Blick zur gegenüberliegenden Straßenseite. Dort steht ein weiteres Gebäude des Zentrums: unser „Familienhaus“. In den Anfangsjahren, als es vor allem darum ging, die Häuser in Eigenleistung teils zu sanieren, teils völlig neu zu errichten, lebten vor allem Menschen ohne Kinder im und um das Zentrum. Doch als im Laufe der Jahre der Baulärm leiser wurde, nahm der Kinderlärm zu, und irgendwann stellte sich die Frage, ob ein „Laienkloster“ der richtige Ort für Familien ist....). Die ehernen Grundpfeiler unserer Zusammenarbeit im Zentrum sind Freundschaft und Vertrauen. Kommen Konflikte auf, sehen wir es als Teil unserer Praxis an, damit möglichst überpersönlich und in gutem Stil umzugehen. Private Reibereien werden privat ausgetragen.

Mittagspause im Garten
Mittagspause im Garten

Auf dem Weg zur Arbeit trete ich durch das Zentrumstor auf die Straße. Dort kommt mir eine Schulklasse entgegen, die einen Vortrag über Buddhismus hören will. Während der Schulzeit besuchen pro Woche durchschnittlich ein bis zwei Klassen das Zentrum, um etwas über die Lehren des Buddha zu erfahren. Während die Kinder über den Hof zur Gompa verschwinden, schweift mein Blick zur gegenüberliegenden Straßenseite. Dort steht ein weiteres Gebäude des Zentrums: unser „Familienhaus“. In den Anfangsjahren, als es vor allem darum ging, die Häuser in Eigenleistung teils zu sanieren, teils völlig neu zu errichten, lebten vor allem Menschen ohne Kinder im und um das Zentrum. Doch als im Laufe der Jahre der Baulärm leiser wurde, nahm der Kinderlärm zu, und irgendwann stellte sich die Frage, ob ein „Laienkloster“ der richtige Ort für Familien ist.

Besucher bei der abendlichen Meditation
Besucher bei der abendlichen Meditation

Die Antwort ergab sich durch die günstige Gelegenheit, das Wohnhaus direkt gegenüber dem Zentrum von der Stadt zu erwerben und darin ein kindergerechtes Wohnprojekt einzurichten. Die drei Familien, die dort wohnen, können ihre Kinder ohne allzu viele gut gemeinte Ratschläge der vielen „Onkel und Tanten“ erziehen, der Geräuschpegel in der Gemeinschaftsküche ist gesunken und ein gutes, gesundes Miteinander hat sich entwickelt. Das Haus hat einen kleinen Garten mit Spielplatz, einen Kinderhort und eine eigene Gemeinschaftsküche.

Die meisten Menschen verweilen nur für einen bestimmten Lebensabschnitt im Zentrum, und so haben viele aus unserer Gemeinschaft die Gelegenheit, hier zu wohnen und eine intensive Zeit zu verbringen. Nur ein paar wenige Bewohner leben schon von Anfang an im Zentrum, ich selbst seit 1999, andere wiederum ziehen schon nach zwei Jahren wieder aus, weil veränderte Lebensumstände – ein Jobwechsel, ein neuer Partner – das mit sich bringen. Das Durchschnittsalter der Bewohner liegt bei 37 Jahren (Kinder nicht eingerechnet), der Älteste ist knapp 60, die Jüngste 25 Jahre alt. Dazu kommen im Moment vier Kinder und drei Neugeborene die unser Zentrumsleben bereichern.

19 Uhr: Arbeitstag erledigt, geduscht, umgezogen, kurz ausgeruht, nun habe ich Hunger. Heute gibt es im Zentrumscafé Pellkartoffeln mit Kräuterquark und Beilagen, und das esse ich sehr gern. Das Zentrumscafé wird, wie alles andere, ehrenamtlich betrieben und dient als zentraler Begegnungsort für unsere Sangha sowie als Multifunktionsraum für Partys, Erzählabende und Kurse. Es öffnet jeden Tag kurz vor der öffentlichen Meditation und schließt erst, wenn der letzte Besucher gegangen ist. Unser Ziel ist es, hier jeden Abend gemeinsam essen zu können. Bisher klappt es an vier Tagen in der Woche, dazu kommt der öffentliche Brunch am Sonntag. Viele Sangha-Mitglieder helfen in der Küche und hinter dem Tresen.

20 Uhr: Menschen strömen in die Gompa, holen sich ein Sitzkissen und machen es sich auf dem Teppich bequem. Bis zu 150 Besucher kommen täglich, um gemeinsam eine Meditation zu praktizieren, die der 16. Karmapa5 speziell für uns Menschen aus dem Westen entwickelt hat. Die abendliche Stimmung ist für mich eine ganz besondere. Die Menschen lassen ihren Alltag vor der Tür. Die Handys werden abgeschaltet, und für eine Dreiviertelstunde teilen wir Anwesenden diesen gemeinsamen, geschützten Raum. Der Meditationsleiter begrüßt alle, das Summen der vielen Gespräche verebbt, und er oder sie erklärt kurz den Ablauf der Meditation, denn meistens sind ein paar zum ersten Mal dabei. Es wird still. Nur die Stimme des oder der Anleitenden ist zu hören: „Wir spüren, wie der formlose Luftstrom unseres Atems an der Nasenspitze kommt und geht...“

Zum Schluss widmen wir den durch die Meditation entstandenen Verdienst allen Wesen, und die Halle schwingt bis in die letzte Ecke mit der kurzen, kräftigen Mahakala-Anrufung, die auf Tibetisch gesungen wird. Es folgen Hinweise auf das Programm der kommenden zwei Wochen, fast immer ein Aufruf zum Mithelfen beim Kochen oder Bauen oder das Angebot, zu einem Kurs irgendwo in Deutschland oder einem Vortrag in einem der 27 norddeutschen Nachbarzentren unseres „Nordvereins“ mitzufahren. Es gibt viel Austausch zwischen den Zentren, zum Beispiel veranstalten wir ein gemeinsames norddeutsches Ngöndro-Wochenende, bei dem in den unterschiedlichen Zentren jeweils eine der vier Grundübungen gemeinsam praktiziert wird.

21 Uhr: In Gruppen an den Tischen sitzend oder am Tresen stehend, treffen sich viele nach der Meditation noch im Café und unterhalten sich über Alltägliches, über Dharma-Inhalte oder über anstehende Aufgaben im Zentrum. Ich erzähle einigen, wie wir vor nun 15 Jahren damit begannen, dieses kleine reine Land mit eigenen Händen und mithilfe vieler Freunde aus Hamburg, dem Norden und der ganzen Welt aufzubauen. Inspiriert von der Kraft des gemeinsamen Schaffens, die Welle reitend, die uns alle trug, hatten wir eine gemeinsame Vision: Begegnungsstelle für Großstadtmenschen zu sein, die etwas über ihren Geist lernen wollen. Nach unserem Pilotprojekt entstehen weltweit viele weitere Stadtzentren; die Verantwortlichen beispielsweise aus Budapest, London oder Unna kommen hierher und schauen sich an, wie es bei uns funktioniert, um anschließend, um ein paar Ideen reicher, eigene Zentren mit Wohnbereich aufzubauen. Jetzt, wo in Hamburg die intensive Bauphase vorbei ist, bleibt es eine spannende Herausforderung, das, was wir gemeinsam aufgebaut haben, zu festigen, zu vertiefen, und lebendig zu erhalten.

Schlafenszeit, morgen ist auch noch ein Tag, und ich freue mich schon darauf, in der Früh mit meinen Freunden in der Halle zu sitzen und zu meditieren.

ANMERKUNGEN:

  1. Ngöndro: Auch Grundübungen genannt. Vier aufeinanderfolgende Meditationsübungen, die den Geist und den Körper auf weiterführende Meditationen vorbereiten sollen.
  2. Gompa: Tibetisch für eine Tempelanlage mit Meditationshalle und Wohnräumen; im Westen wird damit meist die Meditationshalle bezeichnet.
  3. Thangka: Tibetisches Rollbild.
  4. Mahakala: Ein Buddha-Aspekt, der die kraftvoll-schützende Aktivität des erleuchteten Geistes ausdrückt.
  5. Karmapa ist das Oberhaupt der Karma-Kagyü-Linie. Sinngemäß übersetzt bedeutet Karmapa „Tatkraft aller Buddhas“. In der Meditation identifizieren wir uns mit seinen erleuchteten Qualitäten von Körper, Rede und Geist.

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Dominic Richard Levien

Dominic Richard Levien, geb. 1974 in England, mit 17 Jahren Begegnung mit dem Buddhismus, lebte zwei Jahre lang in der Zurückziehungsstelle Karma Guen in der Nähe von Malaga in Spanien. In Hamburg Ausbildung zum Zimmermann. Seit 1999 lebt er im Buddhistischen Zentrum Hamburg, dessen Aufbau er viele Jahre lang begleitet hat. Er ist Vater eines 19-jährigen Sohnes und leitet eine Zimmerei.
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