Auf dem Weg zu einer europäischen Buddhistischen Gemeinschaft

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Ein Beitrag von Gabriela Frey veröffentlicht in der Ausgabe 2015/1 unter der Rubrik Gemeinschaft

Nach längerem Auslandsaufenthalt wollte ich mich an meinem neuen Wohnort in Deutschland anmelden. In der Sparte Religionszugehörigkeit hätte ich gern „Buddhistin“ angegeben. Mir wurde aber mitgeteilt, dass man nur „katholisch“, „evangelisch“ oder „jüdisch“ eintragen könne. Alle anderen Religionen seien mit „anders denkend“ anzugeben. Diese und eine Reihe anderer Gründe motivierten mich zu überlegen, wie ich auf europäischer Ebene die DBU bei ihren Bemühungen um Anerkennung des Buddhismus unterstützen könnte. Seit Langem gibt es ein Bestreben der DBU, dem Buddhismus in Deutschland nicht nur eine Stimme zu verleihen, sondern ihm auch zum gleichen Status wie den anderer Religionen zu verhelfen (Körperschaft öffentlichen Rechts). Da ich seit 1989 im Europäischen Parlament in Straßburg tätig bin, wollte ich dazu auch meine Kontakte zu verschiedenen europäischen Institutionen, insbesondere zum Europarat, nutzen. Die Hauptaufgabe dieser ältesten paneuropäischen Institution ist die Wahrung der Menschenrechte, der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit. Sie bietet für Nichtregierungsorganisationen, die in mindestens fünf Ländern tätig sind, einen Teilnehmerstatus an, im Rahmen der Konferenz internationaler Nichtregierungsorganisationen (NRO).

Die EBU stellte einen entsprechenden Antrag und erhielt im Dezember 2008 den offiziellen Teilnehmerstatus. Daraufhin richtete sie ein Komitee für Europäische Angelegenheiten ein, zu dessen Vorsitzender ich gewählt wurde und im Rahmen dessen ich seither die EBU im Europarat und gegenüber anderen europäischen Institutionen repräsentiere. Die Erfahrung zeigte, dass diese Arbeit einer engen Abstimmung mit dem Rat der EBU bedarf, um auf Aktuelles rasch reagieren zu können. Aus diesem Grund wurde ich bei der letzten Mitgliederversammlung im September zum Mitglied des EBU-Rates und Koordinatorin für europäische Angelegenheiten bestimmt.

Im Sommer 2014 wurde Michel Aguilar (Vizevorsitzender der französischen Buddhistischen Union) zum Präsidenten des Komitees für Menschenrechte der Konferenz der NRO des Europarates gewählt. Damit wirkt zum ersten Mal ein Buddhist in einer verantwortungsvollen Position auf europäischer Ebene.

Die aktive Teilnahme der Religionen bei der politischen Mitgestaltung der EU ist gewollt, um die europäische Integration zu fördern und ein wertebasiertes Europa zu verwirklichen. So hält es Artikel 17 des Lissabonner EU-Vertrages von 2009 ausdrücklich fest. All dies hat die EBU zum Anlass genommen, gemeinsam mit ihren Delegierten aus über 16 europäischen Ländern nicht nur über die zukünftigen Aufgaben, Ziele und Visionen der BuddhistInnen in Europa nachzudenken, sondern auch einen klaren Auftrag für die zukünftige Arbeit der EBU zu formulieren.

Um einen intensiven, sachbezogenen und konstruktiven Dialog zu ermöglichen, waren alle Mitglieder gebeten worden, sich vor der Mitgliederversammlung 2012 in Churwalden (Schweiz) über die folgenden drei Themen Gedanken zu machen. (Der nachstehende Fragenkatalog wurde von Michael Vermeulen erarbeitet.)

 

1. Wahrnehmen – wo stehen wir heute als BuddhistInnen in Europa?

Wo stehen wir als BuddhistInnen in Europa, wo kommen wir her, wo wollen wir hin? Was hat sich in unserem sich immer schneller ändernden Lebens- und Arbeitsumfeld geändert? Wie sehen wir die EBU und was soll sie unserer Meinung nach leisten? Was brauchen die Mitgliedsorganisationen von der EBU und was können sie der EBU geben? Was sind die Stärken, was die Schwächen der EBU?

 2. Einschätzen – was können wir als europäische BuddhistInnen leisten?

Was können wir als europäische BuddhistInnen in diesem sich rasant ändernden globalen und europäischen Kontext tun, um den Problemen und Bedürfnissen unserer Gesellschaft zu begegnen. Wie können wir den Dialog zwischen BuddhistInnen unterschiedlicher Traditionen fördern? Wie kann die EBU diesen Dialog fördern? Was sollte die EBU dabei vermeiden? Wie sollte die EBU den BuddhistInnen auf europäischer und internationaler Ebene eine Stimme verleihen? Was kann die eigene Organisation in diesem Bereich beisteuern? Welche Hindernisse können dabei identifiziert werden?

 3. Handeln – was ist unsere Motivation, was ist unser langfristiges Ziel und welche Prioritäten sollen gesetzt werden?

Welche Werte leiten, inspirieren und motivieren uns, um unsere Ziele und Prioritäten zu erlangen, und welchen Fahrplan benötigen wir dazu? Wenn Europa und die Welt sich zum Besten verändern würde, wie würde das für Dich aussehen? Was kann die EBU dazu beitragen, um dieses Ziel zu erreichen? Was kannst Du oder deine Mitgliedsgemeinschaft tun, um dies zu unterstützen?

 

Während der Mitgliederversammlung wurde an diesen Themen mithilfe der bewährten „Kaskaden-Arbeitsweise“ im Wechsel von kleinen Arbeitsgruppen und Vollversammlungen mit großem Enthusiasmus gearbeitet. Es sind viele konkrete und gute Vorschläge zusammengekommen. Es ist das Papier „Werte – Visionen – Werte – Ziele“ entstanden, das schließlich bei der Mitgliederversammlung 2013 in Arvillard, Frankreich mit großer Mehrheit angenommen wurde. Als Leitlinie für die zukünftigen Aufgaben und Projekte der EBU gedacht, steht es auch den Mitgliedsgemeinschaften, so auch der DBU, für ihre eigene Zukunftsplanung zur Verfügung.

 

 

Im Folgenden ein Auszug:

Wer sind wir?

Die Europäische Buddhistische Union (EBU) ist ein Verband Buddhistischer Organisationen und Nationaler Buddhistischer Unionen in Europa. Wir sind offen für alle buddhistischen Schulen und Traditionen in Europa, die auf der Grundlage der Lehren des Buddhas in Freundschaft und mit Respekt für die Vielfalt gemeinsam arbeiten wollen.

 Unsere Vision

Wir streben eine Europäische Buddhistische Gemeinschaft an, die die Grundsätze und Ansichten des Buddhismus der europäischen Gesellschaft näher bringt. Wir wünschen uns, dass der Buddhismus dazu beiträgt, eine Welt zu entwickeln, die geleitet wird durch Weisheit und Mitempfinden zum Wohle und Glück aller Wesen.

 Unsere Aufgabe

Unsere Aufgabe ist der internationale Austausch, die Förderung spiritueller Freundschaft von BuddhistInnen in Europa, die Unterstützung sozialen Handelns und buddhistisch motivierte Werte sowie die Stärkung der Stimmen des Buddhismus in Europa und weltweit.

 Unsere Werte

Wir glauben an das grenzenlose Potenzial an Weisheit und Mitempfinden aller Lebewesen. Uns motivieren Werte wie Gewaltfreiheit, Mitgefühl, Güte und Verantwortung, die die Essenz der buddhistischen Lehre ausmachen. Wir stehen für Offenheit, Klarheit und Transparenz in der EBU sowie in der Gesellschaft, in der wir leben und arbeiten.

Wir unterstützen die Umsetzung von Menschenrechten, Gleichheit und die Verantwortung des Einzelnen für alle, ungeachtet von Volkszugehörigkeit, Geschlecht, sexueller Orientierung, Sprache, Religion, Nationalität, sozialer Herkunft oder anderer Unterschiede.

Wir teilen die Werte der Gründer des Europarats und der Europäischen Union, die sie nach jahrelangen Kriegen und Diskriminierung inspiriert haben, Frieden zu stiften und zu bewahren, Solidarität und Vielfalt in Europa zu schaffen, durch Demokratie sowie gerechte Staaten.

Die Ursache vieler Probleme der heutigen Zeit sind Gier, Zorn und Ungerechtigkeit. Obwohl diese im Einzelnen und im Kleinen entstehen, sind ihre Auswirkungen meist global und in der ganzen Gesellschaft zu spüren.

Wir glauben, dass Unterdrückung, Diskriminierung, Ausbeutung und jede Form sozialer und wirtschaftlicher Ungerechtigkeit in Offenheit, Freiheit, Zusammenarbeit und Frieden umgewandelt werden müssen.

Wir glauben, dass die buddhistische Praxis, basierend auf einem tiefen Verständnis wechselseitiger Verbundenheit, das eigene Verhalten verändern kann. Mit Weisheit und Mitgefühl können unheilsamer Konsum und die Ausbeutung von Ressourcen verwandelt werden in Fürsorge für alle Lebewesen sowie tiefen Respekt für unseren Planeten.

 

Unsere Ziele

  • Das führende europäische Netzwerk zu sein, um BuddhistInnen in Europa eine Stimme zu geben durch Information, Vernetzung und gemeinsames Handeln.
  • Die Kompetenzen buddhistischer Gemeinschaften in Europa zu entwickeln, z. B. für LehrerInnen, MediatorInnen, HospizarbeiterInnen, Gefängnisgeistliche.
  • Förderung des Dialogs zwischen den buddhistischen Traditionen sowie mit anderen Religionen, Philosophien und Glaubensrichtungen.
  • Buddhistische Kultur, Ethik, Philosophie, Politik, soziales Handeln & Aktionen in Europa voranzubringen.
  • Eine Diskussionsplattform über Buddhismus an europäischen Universitäten und Schulen zu bieten sowie die wissenschaftliche Erforschung und die Übersetzung buddhistischer Schriften zu fördern.
  • Konstruktive, informelle und aufklärende Kommunikation zwischen BuddhistInnen, dem Europarat, der EU und internationalen Organisationen zu schaffen.
  • Ermittlung von relevanten Themen der europäischen Politik und Kultur, zu denen der Buddhismus einen positiven Beitrag leisten kann.

Informationen : www.e-b-u.org; www.coe.int.

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Gabriela Frey

Gabriela Frey, Delegierte von Sakya Kalden Ling in der DBU, Delegierte und Gründerin von Sakyadhita France in der EBU, Repräsentantin der EBU im Europarat und bei der EU. Seit 1989 parlamentarische Assistentin deutscher Abgeordneter im Europäischen Parlament in Straßburg.
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