Editorial

Ein Beitrag von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2014/3 unter der Rubrik Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

den Religionsstiftern Buddha oder Christus ist es sicherlich nicht darum gegangen, Religionen zu gründen. Weder war der eine Buddhist noch der andere Christ. Doch ihre auf Erfahrungen beruhenden Befreiungswege sind im Laufe der Geschichte zu (Welt-)Religionen mit Millionen von Gläubigen geworden. Mit Heilszielen, Wertesystemen, Ritualen, Mythen, Legenden, hierarchischen Machtstrukturen und all den Problemen, die solch riesigen Institutionen innezuwohnen scheinen und denen sich religiöse Traditionen heute, im Zeitalter der Globalisierung und Säkularisierung, gegenübersehen.

Während wohl niemand auf die Idee käme, zu fragen, ob das Christentum eine Religion sei, taucht diese Frage in Bezug auf den Buddhismus immer wieder auf. Und zwar nicht nur vonseiten derer, die den Begriff „Religion“ auf die monotheistischen Religionen eingrenzen. Auch von buddhistischer Seite selbst wird diese Frage gestellt. „Buddha-Dharma“ sei die viel angemessenere Bezeichnung für das, was bei uns als Buddhismus fungiert. Doch halt, sagt die Religionsphilosophin Ursula Baatz, so einfach sei das nicht, denn auch der Begriff „Dharma“ habe es in sich.

Vor allem unter westlichen Buddhisten gibt es viele, die den Buddhismus lieber als Philosophie oder Lebenshilfe verstehen und praktizieren denn als eine Religion. Und es gibt eine zunehmende Zahl von Menschen, die buddhistische Methoden und Praktiken anwenden, sich aber damit noch lange nicht als Buddhisten verstehen. Diese Position wird auch von großen Lehrern, wie dem Dalai Lama oder Thich Nhat Hanh, unterstützt. Sie raten dazu, in der eigenen Tradition zu bleiben, statt zum Buddhismus zu konvertieren, empfehlen aber durchaus, sich in buddhistischen Übungen und Methoden zu schulen. Diese undogmatisch „freigiebige“ Haltung ist sicher ein Grund dafür, dass der Buddhismus eine der erfolgreichsten Religionen der Gegenwart ist. Noch mehr wächst in den industrialisierten Ländern anscheinend nur die Zahl der Menschen, die sich als spirituell verstehen, ohne sich noch einer einzigen religiösen Tradition zugehörig zu fühlen. Vielleicht ist das die Religion der Zukunft? S. H. der 17. Karmapa Ogyen Trinley Dorje sagte bei seinem ersten Besuch in Deutschland kürzlich, glaubensbasierte Religionen, zu denen er auch den Buddhismus zählt, bärgen immer die Gefahr in sich, dass die Menschen nur den vorgegebenen Pfaden und Glaubenssätzen folgten. Wichtig seien aber eigene spirituelle Erfahrungen. Buddha und Christus waren keine Mitläufer. Sie haben experimentiert, selbstständig gedacht, haben sich gegen die herrschenden religiösen Strömungen ihrer Zeit gewandt und sind ihren eigenen Weg gegangen.

Die Frage „Ist der Buddhismus eine Religion?“ wird vor allem dann zu einer lebendigen, wenn sie zu einer persönlichen Frage wird: Was ist der Buddhismus für mich? Wie unterstützt er mich in meinem Leben? Welche Wahrheit bringt er für mich zum Ausdruck? Welche Bedeutung hat Religion in meinem Leben? Habe ich Gefühle, die ich religiös nennen würde? Die Beiträge in diesem Heft möchten dazu Inspirationen anbieten. Ich empfinde sie als eine Art Gespräch, in dem unterschiedliche Sichtweisen deutlich werden, als eine Einladung an Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Fäden aufzunehmen und weiterzuspinnen.

Dabei mag Ihnen Rainer Maria Rilkes Ratschlag in „Über die Geduld“ hilfreich sein: „… Man muss Geduld haben / mit dem Ungelösten im Herzen / und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben / wie verschlossene Stuben / und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. / Es handelt sich darum, alles zu leben. / Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich / ohne es zu merken / eines fremden Tages / in die Antworten hinein.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine inspirierende Lektüre und einen schönen Sommer.

Ihre Ursula Richard,

Chefredakteurin

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Ursula Richard

Ursula Richard, Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell, ist seit mehr als zwanzig Jahren auf dem spirituellen Weg. Sie übt Zen und ist vertraut mit buddhistischer Psychologie und Praxis. Sie war langjährige Programmleiterin eines spirituellen Verlags, ist Gründerin der Literaturmanufaktur, einer Autoren- und Verlagsagentur für Spiritualität und Lebenskunst, ist Herausgeberin spiritueller Bücher und Übersetzerin u.a. von Thich Nhat Hanh sowie Verlegerin des Verlags edition steinrich.
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