Die Zukunft des Buddhismus liegt im Dialog

Jampa Tsedroen (Carola Roloff) äußert sich im Gespräch mit Ursula Richard zu den Chancen, Herausforderungen und Risiken, wenn sich der Buddhismus bei uns im Westen auch als Religion etablieren will.

© Werner Steiner

Ein Interview mit Jampa Tsedroen geführt von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2014/3 unter der Rubrik Im Gespräch

Buddhismus aktuell: Der Dalai Lama fordert seine westlichen Anhänger immer wieder auf, sie sollten nicht zum Buddhismus konvertieren oder das Ziel buddhistischer Zentren solle nicht sein, für den Buddhismus als Religion zu werben. Wie würden Sie seine Position interpretieren?

Jampa Tsedroen: Es steht mir nicht an, die Position S. H. des Dalai Lama zu interpretieren. Aber ich mache mir als buddhistische Nonne natürlich meine eigenen Gedanken, wenn ich das höre. Ich verstehe das so: Wenn berühmte Buddhismuslehrer wie Seine Heiligkeit in westliche Länder reisen und Einladungen zu buddhistischen Großveranstaltungen annehmen, müssen sie sich manchmal fragen lassen, ob sie missionarische Absichten haben. In Deutschland sind rund 60 Prozent der Bevölkerung katholisch oder protestantisch, die drittgrößte Religion ist der Islam. Die Zahlen der Buddhisten, der jüdischen Gemeinde und der Hinduisten sind daran gemessen relativ klein. Andererseits ist auch in Europa seit über 100 Jahren ein ständig wachsendes Interesses am Buddhismus zu beobachten. Nicht alle aber empfinden den Buddhismus als Bereicherung, sondern mitunter wird er auch als Irrlehre und Bedrohung einheimischer Kultur und Religion gesehen. Der Dalai Lama nimmt solche Sorgen und Ängste ernst und verheimlicht nicht, aus jahrzehntelangen zahlreichen Begegnungen mit Konvertiten zu wissen, dass ihr Übertritt zum Buddhismus sie nicht immer glücklich gemacht, sondern zum Teil auch in tiefe innere Krisen gestürzt hat. Deshalb spricht es für seine Integrität, dass er vor einem solchen Schritt warnt oder darauf hinweist, ein solcher müsse wohl überlegt sein. Um sich mit dem Buddhismus zu beschäftigen, muss man ja nicht unbedingt bekennender Buddhist sein.

Hier im Westen, auch innerhalb der DBU, wird seit Jahrzehnten betont, Missionierung sei dem Buddhismus fremd. Aber ist das wirklich so? Historisch gibt es durchaus Gründe, das zu betonen, aber ich denke, es ist mehr ein buddhistisches Ideal als soziale Realität. De facto können wir doch nicht leugnen, dass es global einen zunehmend regen Wettbewerb unter den Traditionen und Zentren gibt. Sogar innerhalb derselben Tradition gibt es nicht selten in einer Stadt mehrere Zentren. Einige haben sogar PR-Beauftragte und Pressesprecher. Solange alle freundschaftlich miteinander verbunden sind und sich an die ethischen Grundsätze des Buddhismus halten, ist daran nichts auszusetzen. Doch ist das wirklich immer der Fall? Nicht selten sind die Gruppen untereinander zerstritten und konkurrieren miteinander. Alex Berzin weist darauf hin, dass inzwischen fast jeder Lehrer seine eigene Tradition hat. Ist das noch buddhistisch? Ich denke, nein. Die Zukunft des Buddhismus liegt vielmehr im Zusammenschluss, im intrabuddhistischen Dialog, der buddhistischen „Ökumene“, und darüber hinaus, aufgrund der zunehmenden Pluralisierung moderner Gesellschaften, in der Beteiligung am interreligiösen Dialog und im Dialog mit der säkularen Welt. Es gibt viele Probleme, die sich nur gemeinsam lösen lassen – als eine große Menschheitsfamilie. Der Buddhismus hat hier viel zu geben und gleichzeitig viel zu lernen.

Seine Heiligkeit sagt auch, wir sollten an den Buddhismus „wissenschaftlicher“ herangehen. Damit meint er meines Erachtens nicht nur den Dialog mit den Naturwissenschaften, sondern auch, dass wir eine kritische Haltung beibehalten, wenn wir uns dem Buddhismus zuwenden. Auf Errungenschaften wie Aufklärung, Demokratie und Gleichberechtigung der Frau können wir stolz sein. Sie sollten nicht einem falsch verstandenen Vertrauen in den Buddhismus geopfert werden. Vertrauen, Mitgefühl und liebevolle Zuneigung wollen mit Weisheit vereint sein.

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Jampa Tsedroen

Jampa Tsedroen (Carola Roloff) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte der Universität Hamburg. Als Nonne erhielt sie eine Ausbildung von Geshe Thubten Ngawang im Tibetischen Zentrum HH. Sie studierte Tibetologie und Indologie mit dem Schwerpunkt Buddhismuskunde und schloss mit einer Promotion ab. Seit 2013 forscht sie in der Akademie der Weltreligionen zu Religion und Dialog in modernen Gesellschaften.
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