Die ewige Frage: „Ist der Buddhismus eine Religion?“

Um das „Religiöse“ klarer abzugrenzen, kommen Wissenschaftler ergänzend meist wieder auf den Bezug zu einer transzendenten Wirklichkeit zurück.

© Bruno Baumann

Ein Beitrag von Karsten Schmidt veröffentlicht in der Ausgabe 2014/3 unter der Rubrik Ist Buddhismus eine Religion?

Die Geschichte des Begriffs Religion

Obwohl die Etymologie nicht eindeutig ist, wird der lateinische Ausdruck religio meist entweder mit Cicero (106–43 v. Chr.) auf relegere („wieder lesen“, „sorgfältig beachten“) oder mit Lactantius (250 bis ca. 320 n.Chr.) auf religare („verbinden“, „zurückbinden“) zurückgeführt. Im tatsächlichen Sprachgebrauch der Antike dominierte aber die Bedeutung „sorgfältig beachten“ im Hinblick auf die korrekte Durchführung öffentlicher Rituale gegenüber den Göttern. Es ging also nicht darum, ob oder was man glaubt, sondern um das, was man öffentlich tut, nämlich z. B. im römischen Staatskult den Göttern Respekt erweisen. Auch christlich gewendet macht dieser Aspekt im Mittelalter bis noch weit in das 17. Jahrhundert hinein die Hauptbedeutung aus. Religio war noch kein Sammelbegriff für die Gesamtheit einer Traditioner meinte vor allem die rituelle Form, während Begriffe wie doctrina („Lehre“), secta („Gefolgschaft“, „Partei“) oder lex („Gesetz“) andere Aspekte bezeichneten, wie Gesellschaften die Welt deuten und ihr Leben gestalten.

Im Zuge der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts richtete sich die Aufmerksamkeit auf das Subjekt und seine rationalen Fähigkeiten. Man sprach von einer „natürlichen Religion“ (religio naturalis), verstanden als eine allen Menschen angeborene Gottesbeziehung auf der Basis von Vernunft. Durch die immer größere Dominanz eines naturwissenschaftlichen Weltbildes geriet religio/Religion jedoch zugleich auch immer mehr in Konflikt mit der Vernunft. Innerhalb einer Gegenbewegung zum säkularen Rationalismus der Moderne verschob sich der Bedeutungskern von Religion in die Innerlichkeit eines privaten Gefühls, in dem sich die Begegnung mit der transzendenten göttlichen Wirklichkeit manifestiert.

Ein weiterer wichtiger Einfluss war – bedingt durch den Kolonialismus – die intensivierte Wahrnehmung der außereuropäischen Welt. In diesem Zusammenhang erhielt der Religionsbegriff die Funktion einer Ausgrenzungskategorie. Die sich selbst als aufgeklärt-säkular verstehende europäische Moderne fasste mit dem Oberbegriff Religion die Vielfalt aller vormodernen und nicht säkularen Lebensformen zu übergeordneten Einheiten der „Religionen“ zusammen: Das betraf zunächst den eigenen jüdisch-christlichen Hintergrund, zugleich galt „religiös“ zu sein aber auch als bestimmendes Merkmal aller Gesellschaften jenseits des Abendlandes. Im Kontext von Kolonialismus, europäischer Säkularisierung und Moderne entstand also erst das, was wir heute mit „Religion“ bezeichnen, nämlich die traditionsspezifische Gesamtheit von Vorstellungen, Handlungen und Institutionen, die auf eine überweltliche Realität bezogen sind. Es ist nicht übertrieben zu sagen: „Religion“ in diesem Sinne ist eine moderne Erfindung des christlichen Europa. Im Wissen um die spezifische Bedeutungsgeschichte ist es daher strenggenommen immer problematisch, außereuropäische Traditionen unreflektiert ebenfalls als „Religionen“ anzusprechen, weil diese eigene und andere Begriffe herausgebildet haben, die meist nicht zu „Religion“ passen.

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Karsten Schmidt

Karsten Schmidt, Studium der Religionswissenschaft, Philosophie und Soziologie. Seit 2007 lehrt er im Studiengang Vergleichende Religionswissenschaft an der Goethe-Uni Frankfurt mit Schwerpunkt Indien/Asien. Seminare, Vorträge und Veröffentlichungen zu Themen u.a. im Bereich Buddhismus, Problemem westlicher Buddhismusinterpretation, interreligiösem Dialog und interkulturellem Verstehen.
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