Dharma – das universale Gesetz?

Die Buddha-Lehre gilt als eine Analyse des universalen Gesetzes der Natur, als „universaler Dharma“, der ähnlich wie Naturgesetze der Physik eine „grundlegende Gesetzmäßigkeit des Universums“ ausdrückt.

Ein Beitrag von Dr. Ursula Baatz veröffentlicht in der Ausgabe 2014/3 unter der Rubrik Ist Buddhismus eine Religion?

Oft unterscheiden Religionswissenschaftler, aber auch westliche Buddhisten zwischen dem Buddhismus als „Volksreligion“ und dem Buddhismus als „Elitereligion“. Buddhistische Volksreligion ist etwa, wenn in Myanmar Buddhastatuen mit Blattgold beklebt werden oder wenn um eine bessere Wiedergeburt gebetet wird. Als „Elitereligion“ gilt die monastische Praxis, d. h. Meditation, Einhalten ethischer Regeln, Studium etc. – der Achtfache Pfad. Sowohl westliche Religionswissenschaftler als auch Buddhistinnen und Buddhisten sprechen hier meist von „Dharma“ und grenzen diesen Begriff deutlich von „Religion“ ab, denn der Dharma sei keine Religion, sondern die Lehre des Buddha, heißt es.

Der europäische Begriff „Religion“ und der indische Begriff „Dharma“ sind tatsächlich nicht äquivalent. Zwar gibt es inzwischen mehrere Hundert verschiedene wissenschaftliche Definitionen von Religion, doch sie sind sich alle darin einig, dass Religion kein Naturphänomen ist und auch keine Naturgesetze bezeichnet, sondern der Sphäre des Sozialen im weitesten Sinne angehört. Diese Sichtweise hat ihren Ursprung im römischen Rechtsdenken.

Dies ist wichtig, denn „Dharma“ umfasst traditionell gesehen nicht nur Recht und Religion, sondern gilt auch als kosmisches Ordnungsprinzip, das die Entwicklung des Universums im Ganzen und zugleich auch jedes einzelnen Individuums umfasst. Nach hinduistischer Überlieferung ist es z. B. der Dharma einer Ziege, Gras zu fressen, und der Dharma eines Löwen, die Ziege zu fressen. Der Dharma einer Prostituierten ist es, Männer gegen Geld ohne Ansehen von Rang und Stand zu bedienen, der Dharma eines Königs ist es, über die Menschen zu herrschen, usw.

Dharma ist also eine umfassende Ordnung, die soziokulturelle Normen und Naturgesetzlichkeiten miteinander verknüpft und identifiziert. Das gilt auch für den Buddha-Dharma. Nyanatilokas „Buddhistisches Wörterbuch“ gibt als Bedeutungen für „dhamma“ an: „eig. das ‚Tragende‘, ‚Vertrag‘ (√ dhar tragen), Brauch; Gesetz, Naturgesetz (Lehre des Buddha), Recht (jus), Pflicht, Wahrheit, Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit; Eigenschaft, Ding, Denk-objekt, Daseinserscheinung. In allen diesen Bedeutungen kommt das Wort in den buddhistischen Texten vor.“ Der Pali-Kanon bestimmt den Dharma näher als Bedingtes Entstehen und das, was daraus folgt: die anatta-Lehre, die kandhas. Alles in der Welt folgt dem Gesetz des Entstehens in wechselseitiger Abhängigkeit, und wer paṭiccasamuppāda sieht, sieht den Dharma (Majjhimanikaya 1.190). Um den Dharma zu praktizieren, muss nach dem Pali-Kanon der Achtfache Pfad realisiert werden, zu dem u. a. auch die „rechte Sichtweise“ oder „rechte Einsicht“ zählt.

Der Buddha-Dharma wird in einer relativ abstrakten Sprache formuliert und scheint deswegen mit westlichen Vorstellungen leichter kompatibel als die bildhafteren Dharma-Konzepte der Hindu-Traditionen. Doch auch im Buddha-Dharma wird mit dem Bedingten Entstehen in wechselseitiger Abhängigkeit ein allgemeingültiges Gesetz postuliert, das für Natur wie Gesellschaft gleichermaßen gelten soll und normativ für die Qualität von persönlicher Erfahrung ist.

Aus westlicher Sicht sind Natur und Gesellschaft jedoch zwei deutlich unterschiedene Dimensionen, die zwar miteinander zu tun haben, aber unterschiedlichen Prinzipien folgen. Wenn soziale Gegebenheiten wie natürliche Erscheinungen behandelt werden, spricht man in der Philosophie von einem „naturalistischen Fehlschluss“. Beispiele dafür sind z. B. Gender-Stereotype: Ein Mädchen sollte mit Puppen spielen, weil sie ein Mädchen ist; oder auch sozialdarwinistische Annahmen: Da die Stärkeren sich von Natur aus durchsetzen, sind sie im Recht bzw. müssen sie unterstützt werden, usw. Man kann aus dem Sein (Mädchen, stark oder schwach sein) nicht auf ein Sollen schließen, das hatte schon David Hume im 18. Jahrhundert angemerkt.

Hume war ein skeptischer Philosoph, der die Vorstellung einer „Seele“ kritisch sah und das Ich als ein bloßes Bündel von Perzeptionen bestimmte. Deswegen wird er öfter zitiert, wenn es um westliche Parallelen zum Buddhismus geht. Doch seine Kritik an traditionalistischen Vorstellungen, nach denen es eine naturgegebene Ordnung gibt, die auch die Gesellschaft umfasst (Sein = Sollen), wird dabei übersehen. Der Buddha-Dharma erklärt, dass aus der Tatsache des bedingten Entstehens ein „Sollen“ folgt, eine zwar abstrakte, aber normative Ordnung der Welt. Dieser naturalistische Fehlschluss hat einen starken Inklusivismus zur Folge, eine Art Besitzanspruch auf die letzte Wahrheit des Universums. Die Buddha-Lehre gilt als eine Analyse des universalen Gesetzes der Natur, als „universaler Dharma“, der ähnlich wie Naturgesetze der Physik eine „grundlegende Gesetzmäßigkeit des Universums“ ausdrückt. Dieser universale Dharma sei, so ein häufig vorgebrachtes Argument, deswegen auch nicht buddhistisch, jedoch gebe es keinen Unterschied zwischen dem Buddha-Dharma und dem universalen Dharma. Diese Sichtweise scheint nicht nur unter westlichen Buddhisten verbreitet. Sie erlaubt aber einen umfassenden Anspruch auf Wahrheit, der nicht hinterfragt werden kann: Wenn alles durch den universalen Dharma bestimmt wird, dieser aber mit dem Buddha-Dharma identisch ist, dann gibt es außer dem Buddha- Dharma keine anderen Möglichkeiten, die Welt richtig zu verstehen.

Das würde bedeuten und aus diesem Anspruch folgen, dass Atem, Körper, Gedanken, Gefühle etc. sowie der achtsame Umgang damit von vornherein nur aus buddhistischer Perspektive angemessen wahrgenommen werden können. Ein anderes Beispiel: Für die deutsche Barocklyrik ist die christlich motivierte Einsicht in Vergänglichkeit ein wichtiges Thema – aber sind die deutschen Barockdichter deshalb Buddhisten? Wie damit umgehen, wenn bei indigenen Völkern ein sehr klares Verständnis von bedingtem Entstehen zu finden ist, das sich in mythologischer Form artikuliert – etwa dass alles wie in einem Gewebe verbunden ist –, wie das in Tagalog, der Sprache der Philipino/as ausgedrückt wird?

Eine kritische Betrachtung dieses Dharma-Naturalismus wäre meines Erachtens sehr angebracht. Vor allem dann, wenn man beansprucht, dass der Buddhismus eine aufgeklärte, und moderne Religion sei, sollte man das kritische Denken der Aufklärung nicht außen vor lassen. Das hierarchische Modell, das den eigenen Weg gerne zum besten oder letztlich doch einzig wahren Weg zum Heil erklärt, müsste dann aufgegeben werden. Das ist der buddhistischen Tradition aber gar nicht ganz fremd. Nāgārjuna schreibt dazu (in der Übersetzung von Frauwallner): „Alle Wahrnehmung hört auf, die Vielfalt kommt zur Ruhe und es herrscht Frieden. Nirgends ist irgendwem irgendeine Lehre von Buddha verkündet worden.“ (Mūlamadhyamakakārikā XXV.24)

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Dr. Ursula Baatz

Ursula Baatz ist prom. Philosophin, Wissenschafts- und Religionsjournalistin sowie Mitherausgeberin der poly - log-Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren. Sie ist langjährige Zen-Praktizierende und Autorin u. a. von „Erleuchtung trifft Auferstehung. Zen-Buddhismus und Christentum. Eine Orientierung“.
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