Mindful Co-Working Day

Einen Tag gemeinsam mit anderen in Achtsamkeit arbeiten

Ein Beitrag von Dr. Kai Romhardt veröffentlicht in der Ausgabe 2014/2 unter der Rubrik Praxis

Es ist für viele von uns nicht leicht, unsere Achtsamkeit während des Arbeitstages aufrechtzuerhalten. Dies gilt insbesondere dann, wenn ...

  • ... wir alleine arbeiten,
  • ... wir in unserem Umfeld keine Erinnerung oder Unterstützung für die Praxis finden,
  • ... ein Großteil unser Arbeit am Bildschirm oder im Internet stattfindet,
  • ... wir mehrere Projekte parallel bearbeiten,
  • ... unsere Aufgaben aus einer Vielzahl kleiner Tätigkeiten bestehen,
  • ... wir regelmäßig durch Anrufe, E-Mails oder persönliche Ansprache in unserem Arbeitsfluss unterbrochen werden.

Sinkt unsere Achtsamkeit und Konzentration, siegt das Leichte, vordergründig Interessante oder Aktuelle häufig über das Unangenehme, Schwierige, aber Wichtige, und wir kommen nicht voran. Wir geraten in den Sog des Internets. Wir verhaken uns in eine Aufgabe und verlieren den Blick fürs Wesentliche. Wir lassen uns von Ablenkungen aller Art davontragen. Wir verlieren unsere Impulsdistanz und werden reaktiv. Wir fallen in alte Gewohnheiten zurück.

In Retreats und auf Achtsamkeitstagen können wir ein gutes Fundament legen, doch im Arbeitsalltag werden wir leicht überwältigt. Achtsamkeit fällt nicht vom Himmel, sondern will geübt werden. Dies fällt uns gemeinsam mit anderen leichter als alleine. Wir brauchen Arbeitsmeditationen mitten im Alltag, um unsere Achtsamkeit zu stabilisieren.

Um unser Training in achtsamer Arbeit zu unterstützen hat das Netzwerk Achtsame Wirtschaft vor zwei Jahren begonnen, „Mindful Co-Working Days“ zu organisieren. Dies sind Trainingstage in achtsamer Arbeit unter Realbedingungen. Unsere Arbeitsmeditationen betreffen hierbei unsere aktuellen professionellen Projekte und nicht – wie in klassischen Retreats – Tätigkeiten wie Putzen, Kochen oder Gärtnern. Wir arbeiten an unseren aktuellen Themen und Projekten, schreiben E-Mails und Angebote. Nur zum Telefonieren verlassen wir den Co-Working-Bereich, um die anderen nicht zu stören. Inzwischen haben im Netzwerk über 40 Mindful Co-Working Days in Berlin, Wien, München und im Kölner Raum stattgefunden, und immer mehr Regionalgruppen nehmen diese Praxisform auf.

Das Format des Mindful Co-Working scheint besonders gut für Selbstständige geeignet, die sich ihre Arbeitszeiten frei einteilen können. Doch auch in anderen Arbeitszusammenhängen ist diese Form der Achtsamkeitsschulung möglich. Es gilt, kreativ zu werden und – wie gesagt: Es reicht eine weitere Person um zu starten, zu unserem Wohl und dem Wohl aller Wesen. Um mit dem Mindful Co-Working zu starten, braucht es nicht viel: ein Büro mit W-LAN, einen Tisch und Stühle ... Die Teilnehmenden bringen ein Meditationskissen sowie einen Beitrag für das gemeinsame vegetarische Mittagessen mit. Ab zwei Personen kann man starten. Während der Arbeitsphasen kann jede/r eine Achtsamkeitsglocke einladen und die gesamte Gruppe zum kollektiven Innehalten einladen: Atmen – Lächeln – Innehalten, kurz A-L-I. Oder wir nutzen eine digitale Achtsamkeitsglocke. So nähren wir die kollektive Achtsamkeit während des Tages.

PS. Im Netzwerk Achtsame Wirtschaft sammeln wir die Erfahrungen mit dieser wunderbaren Praxisform. Über Erfahrungsberichte mit Mindful Co-Working freuen wir uns: Bitte eine E-Mail an: romhardt(at)achtsame-wirtschaft(dot)de.

 

Ein typischer Mindful Co-Working Day läuft wie folgt ab:

8:20 – 8:30 Eintreffen

8:30 – 8:40 Erzählen, woran man heute arbeitet

8:40 – 9:00 gemeinsame stille Meditation

9:00 – 12:30 gemeinsames Arbeiten – jede/r für sich in Stille

12:30 – 13:00 Mittagessen (erste 15 Minuten Essmeditation in Stille)

13:00 – 13:30 Pause

13:30 – 14:00 achtsamer Spaziergang draußen

14:00 – 15:15 gemeinsames Arbeiten – jede/r für sich (bei Bedarf Sprechen/Kooperieren)

15:15 – 16:45 gemeinsames Arbeiten an Themen/Projekten und/oder Austausch zu den Erfahrungen der Arbeitsmeditation

16:45 – 17:00 Stilles Sitzen und Abschied

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Dr. Kai Romhardt

Kai Romhardt, Jahrgang 1967 und zur Zeit in Berlin lebend, zählt derzeit zu den bekanntesten deutschen Wissenschaftlern auf dem Gebiet des Wissensmanagements. Er ist als Wissenschaftler, Unternehmensberater, Trainer und nicht zuletzt auch als Autor tätig. Seine Vielseitigkeit kommt auch in seinem zweijährigen Aufenthalt in einem buddhistischen Kloster zum Ausdruck.
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