Editorial

Ein Beitrag von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2014/2 unter der Rubrik Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

in den letzten Jahren haben eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien belegt, dass Meditation, Gebete, das Vertrauen in eine transzendente Dimension des Lebens, religiöse Verwurzelung usw. heilsame Wirkungen haben. Diese Wirkungen können eine körperliche Gesundung einschließen, gehen aber weit darüber hinaus. Uns wohnt, so scheint es, ein grundlegendes Gesundsein inne, das durch Krankheit letztlich nicht beschädigt werden kann. In diesen Worten könnte man auch die hoffnungsfrohe Botschaft des Buddhismus ausdrücken. Dieser stellt, wie wohl alle großen Religionen, eine Vielzahl von Methoden zur Verfügung, mit diesem grundlegenden Gesundsein in Kontakt zu kommen und es zu nutzen. Nicht zuletzt hat das zur wachsenden PopuIarität des Buddhismus im Westen beigetragen. Achtsamkeit und (neuerdings auch) Mitgefühl sind im Buddhismus entwickelte Konzepte, die in unserer Kultur mittlerweile auch ohne diesen Kontext gelehrt und unter anderem zur Behandlung und Prophylaxe von Stresserkrankungen erfolgreich eingesetzt werden.

Achtsamkeit und Mitgefühl mit buddhistischem Kontext zielen auf eine Heilung, die vielleicht mit dem Begriff Transformation angemessener zu beschreiben ist: auf ein Erwachen aus der Unwissenheit, die uns immer wieder zu falschen Auffassungen über uns und die Welt verleitet; die Trennung sieht, wo keine ist; nach Beständigkeit sucht, wo keine zu finden ist; uns an einem Selbst festhalten lässt, das letztlich nur Fiktion ist. Der Weg zu diesem Erwachen beinhaltet auch eine zunehmende Verwurzelung in dem oben erwähnten grundlegenden Gesundsein, jenseits von Krankheit und Gesundheit. Oft ist dieser Weg steinig und kurvenreich, doch er bietet auch immer wieder berührende Begegnungen, überraschende Ausblicke, Konfrontationen mit längst verheilt geglaubten Wunden (biografischen und gesellschaftlichen), Abstürze in tiefste Tiefen und Aufstiege in luftige Höhen. Von alldem handeln die Beiträge im vorliegenden Heft von Buddhismus aktuell: Sei es das Porträt der amerikanischen Künstlerin Dorothy Iannone, die im tibetischen Buddhismus ihre Heimat gefunden hat und deren Sehnsucht nach Einheit Leben und Werk der mittlerweile 81-Jährigen durchdringt. Seien es die Berichte darüber, wie lebendig die leidvollen Aspekten unserer (deutschen) Vergangenheit noch sind und wie wichtig von daher die Beschäftigung mit ihnen. Sei es das Gespräch mit Lama Tilmann Lhündrup darüber, wie wir Vertrauen in unseren individuellen spirituellen Pfad, in unsere Herzenspraxis gewinnen und den Mut entwickeln können, ihm treu zu bleiben, selbst wenn er manchmal etwas abseits der ausgetretenen Pfade verläuft. Oder seien es die Äußerungen Professor Samdhong Rinpoches, des angesehenen buddhistischen Gelehrten und ehemaligen Ministerpräsidenten der tibetischen Exilregierung, über die großen Herausforderungen unserer Zeit, die Angebote des Buddhismus, ihnen zu begegnen, und darüber, was es heute bedeuten kann, gegen den Strom zu schwimmen.

Ich wünsche Ihnen inspirierende Lesemomente und freue mich auch diesmal wieder über Ihre Kommentare, Anmerkungen und Anregungen

Ihre Ursula Richard,

Chefredakteurin

Twitter Off Image Facebook Off Image0 Google Plus Off Image

Ursula Richard

Ursula Richard, Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell, ist seit mehr als zwanzig Jahren auf dem spirituellen Weg. Sie übt Zen und ist vertraut mit buddhistischer Psychologie und Praxis. Sie war langjährige Programmleiterin eines spirituellen Verlags, ist Gründerin der Literaturmanufaktur, einer Autoren- und Verlagsagentur für Spiritualität und Lebenskunst, ist Herausgeberin spiritueller Bücher und Übersetzerin u.a. von Thich Nhat Hanh sowie Verlegerin des Verlags edition steinrich.
Weitere Artikel in dieser Ausgabe