Die Wunden der Vergangenheit heilen, damit die Gegenwart lebendig werden kann

Ein gemeinsames Fünf-Tage-Retreat von Deutschen und Israelis im KZ Sachsenhausen

© János Balázas

Ein Beitrag von Renate Seifarth veröffentlicht in der Ausgabe 2014/2 unter der Rubrik Heilung & Transformation
© Renate Seifarth

Wir stehen vor den Toren der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen, eine Gruppe von sieben Israelis und dreizehn Deutschen. Die Teilnehmenden bilden einen Kreis und fassen sich an den Händen, während ich den Schlüssel für den Gruppenraum auf dem Gelände der Gedenkstätte beim Pförtner hole. Yoram berichtet später, wie in den folgenden fünfzehn Minuten ein Damm voller Vorbehalte und Berührungsängste, Wut und Schmerz in ihm bricht und sich in tiefe Ergriffenheit über die Tatsache verwandelt, hier jetzt zu stehen mit anderen Israelis und mit Deutschen, vereint in Schmerz und Trauer und dem tiefen Wunsch nach Frieden.

Wir befinden uns mitten in einem Retreat, in dem die jüngere deutsche Geschichte, die Nazizeit, der Zweite Weltkrieg, die Judenverfolgung und deren Auswirkungen auf unser aller Leben und Selbstverständnis thematisiert werden. Das unsägliche Leid jener Zeit prägt bis heute beide Gesellschaften und uns als Individuen. Wir haben alle viel über die Ereignisse jener Zeit gehört, wir haben Gedenkstätten und Ausstellungen besucht und doch sind die Wunden jener Vergangenheit längst nicht verheilt. Viele wuchsen auf mit traumatisierten Eltern oder solchen, die hinter den damaligen Ideologien standen. Wir sind gefangen in den Geschichten und Identifikationen, die daraus wachsen, die wiederum unser Erleben der Gegenwart prägen. Wir sehen uns als Täter oder Opfer, fühlen uns schuldig oder verletzt, sind misstrauisch gegenüber den anderen, selbst wenn wir lange nach jener Zeit geboren wurden.

All dies ist mir bewusst geworden, seit ich Menschen in Deutschland in ihrer Meditationspraxis begleite. Nicht selten steht das Leid, dem sie in ihrer Meditation begegnen, in Zusammenhang mit den Ereignissen jener Zeit. Der tiefe Wunsch drängte sich mir auf, die Wunden jener Zeit mit in die Praxis einzuschließen, ein Retreat anzubieten, das explizit das Thema Holocaust miteinbezieht, und so einen weiteren Zugang zu diesem Leid zu ermöglichen. Er spiegelt sich wider in der Motivation der Teilnehmenden am Retreat. Eine Person beschreibt sie so: „Information und Analyse hatte ich genug gehabt. Ich wollte dem Schmerz und der Trauer anders begegnen als auf dem üblichen Weg.“

In den vier Wahrheiten des Buddha werden wir aufgefordert, Leiden zu verstehen, die Ursachen zu erkennen und loszulassen und einen Weg zu beschreiten, der zu innerem und äußerem Frieden führt. Dazu gehört die ehrliche Begegnung mit Leid, eine umfassende Analyse seiner Ursachen wie die Überwindung unserer Identifikation damit. Gewalt und Krieg rufen die Illusion von Tätern und Opfern hervor. Eine tiefe Betrachtung aus der Sicht des Dharma offenbart, dass Gewalt und Hass nur Opfer auf beiden Seiten kennt. Statt gefangen zu sein in der Trennung, die Gewalt hervorbringt, bringt die Erkenntnis unserer Verbundenheit im Leiden Mitgefühl und Versöhnung hervor. Eine Teilnehmerin des Retreat schreibt: „... mein ‚Erwachen‘ eines morgens in unserem deutsch-israelischen Vier-Bett-Zimmer mit der Einsicht ‚Leiden ist‘, und da wich etwas von der Traurigkeit auf meiner Seele über die Katastrophe der Inhumanität, deren Ausläufer man bewusst oder unbewusst spürt.“

Ich leite diesen Retreat gemeinsam mit meinem israelischen Kollegen Stephen Fulder, allein wäre mir dieses Projekt zu ungeheuerlich erschienen. Wir kombinieren stilles Sitzen und Gehen mit Austausch in Klein- und Großgruppen. Erzählen und einfühlsames tiefes Zuhören frei von Anklagen und Schuldzuweisungen werden wesentliche Elemente der nächsten Tage sein. Wie geht es uns als Israelis, als Deutsche, die zusammen ein ehemaliges KZ besuchen wollen? Welche Geschichten bringen wir mit, welche Vorbehalte, welche Gefühle steigen in uns auf? Was haben wir erlebt? Wie sehen wir die anderen? Argwohn, Ärger, Trauer, Scham und Schuldgefühle tauchen auf, wie auch Ressentiments hierüber.

Schritt für Schritt entsteht ein offener Raum, in dem unser aller Leid Platz hat, von allen getragen wird und es möglich wird, die isolierenden Positionen von Täter und Opfer zu überwinden. Vergebung scheint plötzlich möglich. Doch wenn ich ehrlich bin, fällt es mir nicht so leicht, am Abend nach unserem Besuch im KZ Sachsenhausen als Deutsche vor Israelis von Vergebung zu sprechen. Ein Teil von mir empfindet es als anmaßend, deplatziert, und dennoch ist es die selbstverständliche Folgerung aus unserer gemeinsamen Arbeit. Ich bin unendlich dankbar über den Rückhalt, den mir mein israelischer Kollege Stephen gibt.

Die nächsten Tage sind geprägt von einem intensiven Bedürfnis nach Austausch und Integration der inneren Erfahrungen, für den wir neben der Meditation Methoden aus Joanna Macys „Work“ hinzunehmen. Am Ende des Retreat betrachten wir staunend die kleinen Pflänzchen gegenseitigen Vertrauens. Noch heute bin ich zutiefst berührt von der intensiven Begegnung, ehrlichen Auseinandersetzung und dem Mut aller Teilnehmenden und möchte ihnen allen dafür danken.

Allen ist bewusst, dass solche tiefen Prozesse Zeit und weiter heilsame Impulse brauchen. Daraus wächst der Wunsch auf der Seite der israelischen Teilnehmenden, uns Deutsche zu einem gemeinsamen Retreat nach Israel einzuladen, das dieses Jahr im Juni stattfinden wird. Ich schaue dieser Begegnung mit einer Mischung aus Aufregung, Beklemmung und Begeisterung entgegen.

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Renate Seifarth

Renate Seifarth widmet sich seit 1989 intensiv der buddhistischen Praxis und Lehre. Sie leitet seit 1999 Vipassana- und Metta-Meditationskurse im deutschsprachigen Raum und wirkt als Übersetzerin, Lektorin und Autorin.
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