In Harmonie mit sich und der Welt leben

In Erinnerung an Akong Rinpoche, der in Chengdu, auf dem Weg ins tibetische Hochland Opfer einer Gewalttat wurde.

© Gerry McCulloch | Kagyu Samye Dzong London

Ein Beitrag von Akong Rinpoche veröffentlicht in der Ausgabe 2014/1 unter der Rubrik Wertschätzung

Sich selbst ehrlich begegnen

Wirklich und wahrhaftig wir selbst zu sein – das ist eine große Herausforderung. Von der Geburt bis zum Tod leben wir danach, nicht wir selbst zu sein. Manchmal spüren wir beinahe unsere Gefühle – unsere wirklich eigenen Gefühle. Da wir aber gelernt haben, jemand anderes zu sein, können wir uns diese echte Erfahrung unserer selbst nicht erlauben. Von Kindheit an tragen wir Masken. Wir sind nicht gewohnt, uns so zu sehen, wie wir sind. Wir können auch nicht ausdrücken, wer wir wirklich sind. Wir haben den sicheren Weg im Leben gewählt und sehen nur die Teile, die wir sehen möchten, als schauten wir einen Film nicht von Anfang bis Ende, sondern wählten nur die allerbesten Szenen aus. Die anderen blenden wir aus und spulen weiter.

Manchmal fragen wir uns: „Bin ich echt?“, und sagen uns selbst: „Natürlich!“ Doch oft genug täuschen wir uns dabei. Dann schauen wir nur auf die positiven Dinge und sehen in uns einen ehrlichen, ausgeglichenen und perfekten Menschen. Achtsamkeit hilft uns dabei, dass wir uns auch unserer Schwächen und negativen Eigenschaften bewusst werden, und sie ermöglicht zudem einen Blick auf das Gesamtbild: Wir entdecken, wer wir wirklich sind.

Wenn wir lernen, uns selbst zu begegnen, schaffen wir die Bedingungen für innere Stabilität und sind in der Lage, das, was kommt, anzunehmen. Tiefes inneres Wachstum kann beginnen, und wir entdecken, wer wir in Wirklichkeit sind, und zudem all jenes, was wir sein könnten, wir lernen unser schlummerndes Potenzial kennen und entfalten.

Aber was ist das Potenzial? Einfach ausgedrückt ist es unermessliche Weisheit, Mitgefühl und Freude. Dies wird auch als Buddhanatur oder als universelles Gutsein bezeichnet. Dieser Begriff macht deutlich, dass wir alle in unserer Essenz gut und inhärent rein sind. Manchmal wird es auch als erwachte Natur bezeichnet, als Zustand nach dem Aufwachen aus dem Schlaf der Verwirrung und der Unwissenheit. Die wahre Natur der Weisheit und des Mitgefühls ist immerwährend in uns, aber sie ist oft verhüllt und nicht jederzeit zugänglich. Sie ist wie die strahlende Sonne am Himmel. Wenn die Sonne von Wolken verdeckt wird, ist sie nicht mehr zu sehen, und trotzdem ist sie da.

Den Geist trainieren

Der wesentliche Schritt zu unserer Veränderung liegt in einem Training unseres Geistes. Wer sich selbst verstehen möchte, sollte wissen, dass das, was wir gegenwärtig erleben, dieses Ding, das wir ich nennen oder mein Leben, nicht aus dem Nirgendwo auftaucht. Jeder ist das Produkt vielfältiger Ursachen und Bedingungen, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind. Sie wurden uns nicht durch äußere Kräfte auferlegt, sondern sind das Ergebnis unserer eigenen Handlungen in früheren Zeiten, die wir vergessen haben. So lernen wir gleichermaßen verstehen, dass alles, was wir jetzt tun, unsere Zukunft gestaltet. Wir selbst sind Meister unseres eigenen Schicksals.

Wenn wir das verstehen, leuchtet uns ein, warum es gut ist, sich darin zu üben, Gutes zu tun und Schädigendes zu vermeiden. Wir können den Auswirkungen einer positiven oder negativen Handlung nicht entfliehen. Sie sind die Kräfte, die zu dem geführt haben, was wir jetzt sind und wer wir in Zukunft sein werden.

Wir alle haben Stärken und Schwächen, und die eigenen Fehler machen uns das Leben schwer. Um uns davon zu befreien und wieder ins Gleichgewicht zu kommen, ist es notwendig, diese zu erforschen, unsere Schwächen zu akzeptieren und unseren Umgang mit ihnen zu ändern.

Alle Erfahrungen begrüßen lernen

Lernen Sie wahrzunehmen, was auch immer Ihnen geschieht. Wenn die Kollegen an Ihrem Arbeitsplatz beispielsweise schlecht über Sie reden, fühlen Sie sich normalerweise gleich verletzt, werden ärgerlich und fangen an, sich zu verteidigen. Erinnern Sie sich daran, dass alle Geräusche wie Echos sind – nichts Festes. Dann ändern Sie Ihre Haltung und denken: „Oh, es sind meine Schwächen, die zu meinen Schwierigkeiten geführt haben. Nun sind sie zum Vorschein gekommen und nicht länger verborgen. Welch gute Gelegenheit und potenzielle Ursache für Glück!“ Wenn Sie diese Haltung annehmen können, schenkt Ihnen jede Situation im Leben die Möglichkeit, zu lernen und zu wachsen.

Reflektieren Sie darüber, wie Sie sind und wie Ihr bisheriges Leben verlaufen ist. Wir neigen oft dazu, Fehler zu verstecken und negative Seiten verbergen zu wollen. Doch Sie sollten ehrlich zu sich sein. Gestehen Sie Ihre Schwächen ehrlich ein und akzeptieren Sie Ihre Fehler. Seien Sie offen und versuchen Sie nicht mehr, einen guten Eindruck zu hinterlassen und die schlechten Seiten zu verheimlichen. Tun Sie dies mit dem Verständnis, dass Sie durch Übung wachsen und frei werden können. Schritt für Schritt können Sie so jedes Gefühl von Schuld, Selbstbestrafung, Versagen und Falschheit überwinden.

Wenn Sie mit anderen Menschen zu tun haben, versuchen Sie, nur Positives und Gutes in ihnen zu sehen und nicht ihre negativen und schlechten Seiten. Lernen Sie, zu allen Zeiten alle Erfahrungen zu begrüßen, egal, ob sie gut oder schlecht sind. Erkennen Sie, dass Sie aus jeglicher Erfahrung lernen können.

Wenn jemand Sie verärgert, können Sie dieser Person dankbar sein und denken: „Dadurch werde ich mehr Geduld entwickeln.“ Jedes negative Ereignis oder jeder negative oder positive Gedanke bietet Ihnen die Chance, sich zu verbessern.

Sie sollten ständig üben und nicht nur ein paar Tage lang. So erzeugen Sie eine neue Haltung zum Leben: „Was immer mir das Leben serviert, ich werde es willkommen heißen. Was immer es an Gutem oder Schlechtem gibt, ich werde es willkommen heißen! Ich kann daran wachsen. Ich kann lernen, an widrigen Umständen zu wachsen.“

So schwächen Sie die Neigung des Geistes, ausschließlich auf Negativem zu bestehen und das Positive zu ignorieren. Der Geist kommt in Balance und wird glücklich.

Die Wirklichkeit akzeptieren: der Beginn von Weisheit

Glück basiert auf der Ausgeglichenheit des Geistes. Gleichgewicht basiert auf der Vermeidung von Extremen und einem Leben in Harmonie mit den Dingen, so wie sie sind. Der stetige Wandel ist Ausdruck der tiefsten Wirklichkeit der Existenz. Gefühle ändern sich, der Körper altert und löst sich auf. Wir werden verlieren, was wir jetzt besitzen. Freunde werden zu Feinden, Feinde zu Freunden. Nichts ist von Dauer. Wenn wir uns dem Wandel widersetzen, werden uns die Umstände überwältigen – das verursacht Leiden. Wenn wir den Wandel akzeptieren und im Fluss sind, werden wir flexibel und weise. Das ist der Weg zum Glück.

Die Welt braucht grenzenloses Mitgefühl

Am meisten brauchen Menschen Mitgefühl für sich selbst und für andere. Es bedeutet, sich selbst und die anderen ohne Bewertung oder Bevorzugung zu akzeptieren. Der Anfang ist gemacht, wenn wir uns akzeptieren und aufhören, uns zu bestrafen: „ Ich bin so schlecht, ich weiß überhaupt nichts und mache immer alles falsch!“ Sich selbst zu bestrafen schafft schlimmes Leiden auf der Welt und hilft nicht einmal.

Wir weiten eine solche offene und mitfühlende Haltung dann auf das Umfeld aus, auf Freundinnen und Freunde, unbekannte Menschen und Feinde. Stellt euch grenzenloses Mitgefühl für die ganze Welt vor, nicht nur für Menschen, sondern für Tiere, Pflanzen, Insekten, Felsen, Berge und Meere – für alles und jeden. Das ist das Wesentliche. Wenn wir mitfühlend, offen und tolerant sind, kommen wir mit jedem Hindernis klar. Wenn wir gütig sind, folgen wir nicht nur einer Religion, sondern allen Religionen. Wir sind kostbare menschliche Wesen.

Mitfühlend zu sein heißt nicht, das eigene Leben zu opfern oder sich Schmerzen zu bereiten. Leidet jemand, heißt mitfühlend zu sein nicht, den Schmerz mit anderen zu teilen oder ihn sich anzueignen oder selbst durch den Schmerz eines Freundes hindurchzugehen.

Ganz gleich, wie viele Jahre Sie vielleicht im Lotossitz meditiert haben, ohne Mitgefühl sind Sie kein wirklicher Meditierender. Dann war es bloß Zeitverschwendung, schmerzende Knie. Wir sind nicht allein, alles ist miteinander verbunden, und das Mitgefühl ist das wichtigste Band zwischen allen Lebewesen.

 

Auszüge aus Akong Rinpoche: In Harmonie mit der Erde. Leben aus der Weisheit Tibets, aus dem Englischen von Klaus Eiden und Petra Niehaus, edition steinrich 2011. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Zusammengestellt für diesen Beitrag von Ursula Richard.

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Akong Rinpoche

Chöje Akong Tulku Rinpoche (1939 bis 2013) war einer der großen Karma-Kagyü-Meister unserer Zeit. Er war buddhistischer Lehrer, Abt von Samye Ling in Schottland, Arzt der tibetischen Heilkunde, entwickelte mit westlichen Psychotherapeuten den Tara-Rokpa-Prozess und gründete mit Lea Wyler die Hilfsorganisation Rokpa. Weitere Angaben zu seinem Leben finden sich im Nachruf auf Seite 79.
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