Plädoyer für einen zeitgemäßen essentiellen Buddhismus

© Paul Prescott, bigstockphoto.com

Ein Beitrag von Tilman Lhündrup Borghardt veröffentlicht in der Ausgabe 2013/4 unter der Rubrik Buddhismus in der Welt

Eine fast verwirrende Vielfalt buddhistischer Richtungen ist heute in unserem Kulturkreis zu finden, denn fast alle Traditionen haben in den letzten Jahrzehnten ihren Weg aus Asien nach Europa gefunden und stellen ihr Wissen zur Verfügung. Dies ist eine Bereicherung und auch eine Herausforderung. Dabei taucht eine Vielzahl von Fragen auf:

Können wir die buddhistische Tradition unverändert übernehmen?

Eine völlig unveränderte Übernahme der buddhistischen Traditionen gibt es meines Wissens nach nicht einmal in den traditionellsten Gruppen. Überall werden Anpassungen an unsere europäische Denk- und Lebensweise vorgenommen. So versuchen auch viele asiatische Lehrer, Brücken des Verständnisses zu unseren westlichen Sichtweisen zu schlagen. Dies ist unbedingt notwendig, da nur wenige Interessierte unmittelbaren Zugang zu den Aussagen der buddhistischen Geistesschulung finden.

Was ist der innerste Kern des buddhistischen Weges?

Das zentrale Anliegen der buddhistischen Geistesschulung ist das Erwachen (bodhi). Damit ist ein waches, frisches und natürlicherweise liebevolles Gewahrsein gemeint, das die wahre Natur des Seins als einen sich ständig wandelnden Prozess des Erlebens erkennt, bedingt entstehend durch das Wirken unzähliger Kräfte, in seiner Essenz nicht fassbar und ohne persönlichen, unwandelbaren Wesenskern. Im Erkennen dieses „Soseins“ lösen sich geistige Fixierungen und Verstrickungen, und Befreiung vollzieht sich auf emotionaler wie kognitiver Ebene. In diesem offenen Gewahrsein aufzugehen ist der innerste Kern buddhistischer Praxis.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang Treue zur Tradition?

Beim Brückenschlag zwischen der asiatischen und europäischen Kultur geht es stets um Wege in dieses befreiende Gewahrsein. Ich selbst habe zunächst mehrere Jahre in der burmesischen Tradition und nun schon viele Jahre als „Vollzeit-Buddhist“ in der tibetischen Tradition praktiziert, davon sieben Jahre in geschlossenem Retreat und 17 Jahre als einer der Leiter der traditionellen Drei- und Sechs-Jahres-Retreats. Von meinem tibetischen Lehrer Gendün Rinpoche lernte ich, die Tradition genau so weiterzugeben, wie ich sie empfangen habe. Unter seiner Anleitung lehrte ich in dem von ihm gegründeten Kloster in der Auvergne aus dem Tibetischen übersetzte Texte und ging, so gut ich konnte, im tibetischen Denken auf. Bis heute bin ich dankbar für diese intensive Einführung in die tibetische Tradition. Doch trotz meiner Begeisterung blieben mir manche Aspekte der geliebten Tradition fremd. Seit ich nun ohne Robe und ohne tägliche tibetische Rituale praktiziere, bin ich dankbar, denselben Weg in tieferem Einklang mit meinem westlich geprägten Denken zu gehen.
Meine Antwort zur getreuen Weitergabe der Tradition ist heute: Ja, es ist unerlässlich, die Lehren getreu weiterzugeben, was ihre wesentlichen, befreienden und universell gültigen Inhalte angeht. Aber dies gilt nicht in gleicher Weise für ihre kulturellen Ausformungen – hier sind Anpassungen vonnöten. Meine Treue gilt der urbuddhistischen Haltung, dass die Lehren dem Erwachen der Menschen dienen und sich ihre Vermittlung deshalb den jeweiligen kulturellen Bedingungen anpassen muss. Natürlich gibt es Menschen, die keine Anpassung der Lehre an unsere heutige Denkweise brauchen – ich denke da vor allem an intensiv Praktizierende, die zurückgezogen in Wäldern, Klöstern oder in den Bergen leben, zum Teil ohne Kontakt zum gesellschaftlichen Leben. Aber für alle anderen, die im normalen Leben stehen, sei es in Europa oder anderswo, braucht es einen ganz auf das Wesentliche konzentrierten zeitgemäßen Buddhismus!
Ein solcher Buddhismus ist notwendig, um von der Essenz ausgehend zu einer kulturellen Integration zu finden. Hierbei steht die Essenz der buddhistischen Lehre im Vordergrund und nicht die Form. Mit Essenz sind die wesentlichen Aussagen der Lehre gemeint; Form sind die variierenden, kulturell geprägten Methoden. Wenn Praktizierende dicht am Wesentlichen bleiben und sich täglich in dieses wache, frische und natürlicherweise liebevolle Gewahrsein öffnen, dann gehen sie ohne Umwege den direkten Weg des Erwachens, und alle Methoden werden sich dieser klaren Ausrichtung aufs Wesentliche unterordnen. Wir haben keine Zeit für Unwesentliches, denn das Leben vergeht schneller, als uns lieb ist.
Natürlich ist es wichtig, auch die Formen (Methoden) getreu weiterzugeben. Doch in dem großen Erbe der buddhistischen Traditionen erscheint mir manches durchaus entbehrlich. Um das Erbe auszuloten und nutzbar zu machen, gibt es eigentlich nur einen Weg: Arbeitsteilung! Einige westliche Dharma-Praktizierende müssen sich – unterstützt von Wohltätern – ganz in das Erlernen spezieller Aspekte der Traditionen hineinwerfen, um anderen dann das Destillat ihres Verständnisses weiterzugeben, sodass sich nicht jeder selbst in die Vielfalt der Methoden einarbeiten muss.

Der Prozess der Inkulturation

Früher waren die verschiedenen buddhistischen Traditionen durch lange Wege voneinander getrennt, heute kann man sie durch ein paar Mausklicks nebeneinander auf dem Bildschirm erscheinen lassen, Unterschiede in Sprache und Tradition sind viel leichter überbrückbar, und selbst von einer persönlichen Begegnung trennt uns selten mehr als eine Tagesreise. Wenn sich Praktizierende verschiedener Traditionen wohlwollend austauschen, wird nach kurzer Zeit das Gemeinsame und Wesentliche sichtbar und das weniger Wesentliche und kulturell Geprägte tritt naturgemäß etwas zurück.
Es ist an der Zeit, die buddhistische Geistesschulung ganz in unsere Kultur zu übertragen im Sinne einer zeitgemäßen, in unser Leben integrierten buddhistischen Praxis. Sonst steht der Weg des Erwachens nur wenigen offen, die den Sprung in eine andere Kultur schaffen. Ohne Inkulturation bleiben die buddhistischen Lehren Fremdkörper in unserer westlichen Welt, und das wäre sehr zu bedauern! Das Wesentliche hat glücklicherweise nichts mit Kultur zu tun: Zeitgemäße buddhistische Praxis bleibt stets ein Weg des Erwachens, der die emotionalen Schleier wie auch alle kognitiven Limitierungen auflöst.
Wichtig für die Inkulturation sind klare Kriterien, nach denen dieser Prozess gestaltet wird. Ob innovative Elemente bereits als „buddhistisch“ bekannt sind, ist dabei kein gültiges Kriterium – was zählt, ist ihre Wirksamkeit hinsichtlich der Befreiung. Ob sie befreiend wirken, können wir daran erkennen, dass wir authentischer werden, wacher und offener im Geist, liebevoll und wahrhaft mitfühlend und dass die grundlegenden Täuschungen, denen wir aufgrund unserer Schleier unterliegen, mit klarem Erkennen durchdrungen werden.


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Tilman Lhündrup Borghardt

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