KONGRESSBERICHT: Lebensaufgabe persönliche Transformation

Auf dem 4. Interdisziplinären Kongress zur Meditations- und Bewusstseinsforschung im November 2016 in Berlin wurden viele spannende Themen diskutiert, darunter die wichtige Frage: Wie muss Achtsamkeit gelehrt und gelernt werden, um Entwicklungsimpulse für eine mitfühlendere Gesellschaft geben zu können? Ein aktueller Kongressbericht von Ursula Richard.

Foto: Sarah Horvath | © www.meditation-wissenschaft.org

Ein Beitrag von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe Online-Artikel unter der Rubrik Meditation und Gehirnforschung

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Am 25./26. November 2016 fand mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen, geleiteten Meditationen und einem Science Slam junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Berlin zum vierten Mal der "Interdisziplinäre Kongress zur Meditations- und Bewusstseinforschung" statt, veranstaltet unter anderem von den gemeinnützigen Organisationen "Identity Foundation" und "Oberberg Stiftung".


Der Kongress zur Meditationsforschung, wieder hervorragend organisiert unter der Federführung von Nadja Rosmann, stand dieses Jahr unter der vieldeutigen Überschrift „Meditation & Wirklichkeit, Macht I Zweck I Sinn“ und bot den rund 500 Teilnehmenden eine Vielzahl wissenschaftlicher Vorträge, eine Podiumsdiskussion, geleitete Meditationen (von Anna Gamma), ein Science Slam mit sechs jungen WissenschaftlerInnen, musikalische Intermezzi (Klaus Heitz) und eine Videozuschaltung  mit Jon Kabat-Zinn.

Achtsamkeit ist, so die frohe Botschaft, der Veranstalter, mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen und laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmen GfK meditiert heute bereits jeder vierte Deutsche. Doch es ist zu beobachten, dass Meditation zunehmend als eine neue „Ego-Technologie“ verwendet wird, deren Ziel sich in steigender Effektivität und Selbstoptimierung erschöpft. Mindfulness wird zur McMindfulness und büßt damit ihr Potenzial ein, Entwicklungsimpulse für eine mitfühlendere Gesellschaft zu geben. 

 

 

Foto: Sarah Horvath | © www.meditation-wissenschaft.org

 

Vor diesem Hintergrund reflektierten einige der ReferentInnen in ihren Beiträgen immer wieder auch die Schattenseiten der zunehmenden Popularisierung einer rein säkularen Achtsamkeit. Sehr eindringlich tat dies der „Vater der säkularen Achtsamkeitsbewegung “, Jon Kabat-Zinn, der in seinem Vortrag betonte, wie tief verwurzelt die Achtsamkeit im Buddhismus sei und dass sie daraus ihre Kraft, Wirksamkeit und ethische Basis beziehe. Er wies mehr als einmal darauf hin, wie wichtig es sei, diese Dimension der Achtsamkeit zu verstehen und nicht zu meinen, Achtsamkeit könne man sich mal eben in zwei Tagen oder einem Schnupperkurs aneignen. Die Aufgabe persönlicher Transformation sei eine Lebensaufgabe, und angesichts der Krisenhaftigkeit unserer Zeit eine mehr als dringliche.

Seine mahnenden Worte wurden von Paul Grossman, einem seit vielen Jahren engen Vertrauten von Kabat-Zinn in seinem Vortrag „Mindfulness, Ethics and Therapy“ aufgegriffen. Er stellte die Achtsamkeit in den Rahmen der Vier unermesslichen Geisteszustände  (Brahmaviharas) liebende Güte, Mitgefühl, Freude und Gleichmut und betonte ebenfalls die ethische Dimension der Achtsamkeit.

 

 

Foto: Sarah Horvath | © www.meditation-wissenschaft.org

"Dass auch in eher wissenschaftlich säkular ausgerichteten Kreisen "BUDDHISMUS aktuell" bekannt ist und gelesen wird, wurde in manchen Gesprächen deutlich. Öffentlich wurde es dokumentiert, als sich der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Kuratoriums, Tobias Esch, in einer Moderation auf einen Beitrag im letzten Heft bezog. Das hat mich persönlich sehr gefreut – und ist eine Ermutigung für unser redaktionelles Bemühen, buddhistische Perspektiven so aufzuzeigen, dass sie auch für diese Zielgruppe in ihrer Relevanz deutlich werden." (Ursula Richard)

Die Daten stimmen hoffnungsvoll

Die Neurowissenschaftlerin Tania Singer präsentierte erste hoffnungsvoll stimmende Daten aus ihrem "ReSource Projekt", bei dem in einem multi-methodischen Ansatz in drei aufeinanderfolgenden Modulen achtsamkeitsbasierte Fähigkeiten (Präsenz), emotionale und motivationale Qualitäten sowie meta-kognitive Fähigkeiten jeweils drei Monate lang von Menschen ohne jede Meditationserfahrung trainiert werden. Erste Ergebnisse zeigen, dass das Training von Aufmerksamkeit zu anderen plastischen Hirnveränderungen und Verhaltensveränderungen führt als das Training von Mitgefühl und Perspektivübernahme. Das deutet daraufhin, dass ein vorwiegend auf Achtsamkeit oder Präsenz ausgerichtetes Training nicht automatisch zu mitfühlenderem Denken und Handeln führt, ebenso wenig wie es die Fähigkeit zur Mehrperspektivität verbessert. Die Daten führen also zu einem Plädoyer für eine umfassende, den ganzen Menschen einschließenden Schulung.

 

Dies waren nur einige der Highlights des inspirierenden Kongresses. Auf der Website www.meditation-wissenschaft.org finden sich weitere Informationen über Programm, ReferentInnen und Vorträge. DVDs der meisten Vorträge kann man beziehen über shop.neue-weltsicht.de/de/Kongresse-Vortraege/Meditation-und-Wissenschaft/2016/  

 

 

Foto: Sarah Horvath | © www.meditation-wissenschaft.org

Ursula Richard

Ursula Richard, Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell, ist seit mehr als zwanzig Jahren auf dem spirituellen Weg. Sie übt Zen und ist vertraut mit buddhistischer Psychologie und Praxis. Sie war langjährige Programmleiterin eines spirituellen Verlags, ist Gründerin der Literaturmanufaktur, einer Autoren- und Verlagsagentur für Spiritualität und Lebenskunst, ist Herausgeberin spiritueller Bücher und Übersetzerin u.a. von Thich Nhat Hanh sowie Verlegerin des Verlags edition steinrich.
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