Ich bin viele: Und wer führt? Über Persönlichkeitsanteile und Schritte zur Selbst-Führung

Wer kennt sie nicht, die eigenen inneren Stimmen mit ihren oftmals unvereinbaren Anforderungen, ihren Bewertungen und Impulsen? Christiane Hackethal zeigt, wie wir mit unserenverschiedenen Persönlichkeitsanteilen besser bekannt werden, sie annehmen, verstehen und integrieren können. Faszinierend ist, dass es in diesem vielstimmigen Orchester keine Dirigentin, keinen Dirigenten gibt und doch einen Ort der Selbstregie.

Viele Anteile in einer Person © Trodler | bigstock.com

Ein Beitrag von Christiane Hackethal veröffentlicht in der Ausgabe 2017/3 unter der Rubrik SCHWERPUNKT Wer bin ich?

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Der Geruch von Verbranntem zieht durch die Wohnung. „O nein, wie ungeschickt! Wie konnte mir das jetzt schon wieder passieren! Ich Idiot! Mal wieder typisch!" Die Milch auf dem Herd ist übergekocht. Ich hab nur noch eine Viertelstunde, dann muss ich los zu einem wichtigen Termin. Also kein Kaffee mehr. Aber ich muss das jetzt auf jeden Fall noch sauber machen. Und fange an zu wischen und zu scheuern. Ist noch heiß. Hektik. Ein Seufzer, na gut, ich werde damit jetzt nicht fertig und muss los ... dann ist es jetzt so.

 

Eine kleine Szene aus dem Alltag. Ein innerer Dialog. Teilweise laut geäußert. Jeder kennt das, so oder ähnlich. Wer spricht da gerade in mir? Wer beschimpft mich, weil die Milch übergekocht ist? Wer will, dass ich noch sauber mache? Wer seufzt und lässt los? Hätte sonst noch eine Stimme in mir sprechen wollen? Hätte „ich“ eine Wahl gehabt? Und wer oder was ist dieses „Ich“, das hier auf die Situation reagiert?

Sowohl die buddhistische als auch die moderne westliche Psychologie gehen davon aus, dass das „Ich“, so wie wir es erleben, keinen festen, wesenhaften Kern besitzt, von dem aus unser Denken, Fühlen und Handeln gesteuert wird. Das „Ich“ ist eher als eine komplexe, prozesshaft-dynamische Struktur zu verstehen, in der ein Ich- oder Selbst-Gefühl ständig konstruiert wird. Das geschieht durch Kohärenzbildung („Ich habe eine zusammenhängende Geschichte“) und Identifikation („Ich bin diese Geschichte“). Dadurch haben wir ein Erleben von Ich-Kontinuität, obwohl wir aus der Gedächtnisforschung wissen, dass wir nur Partikel unseres Erlebens erinnern und sie durch Be- und Umwertungen zu einer „story“ zusammenfügen und uns plausibel machen. Um uns alsdann damit zu identifizieren: Ja, das ist meine Geschichte, das bin ich. Das ist an sich nicht gut oder schlecht, sondern hat einen Sinn: Wir brauchen dieses „Ich“-Gefühl, diesen „Selbst-Sinn“, er ist Voraussetzung unserer Fähigkeit, uns in unserem Leben zu orientieren, es gut zu leben, zu lernen und uns zu entwickeln.

 

 

© Martin Good | Shutterstock.com

 

Der Buddha ging es analytisch an

Das sah auch der Buddha nicht anders. Doch in Abgrenzung zur damaligen Auffassung eines „Atman“, einer postulierten permanenten, absoluten Seele vollzog er einen radikalen Perspektivwechsel. Ihn interessierte vor allem, was unser Leiden verursacht – ganz wie ein Arzt sich einer Krankheit annimmt. Er lehrte, wie es entsteht (Anamnese und Diagnose) und wie es beendet werden kann (Therapie). Also die psychologische Sicht, die fragt: Wie funktioniert es und was ist zu tun, um Unbefriedigtes zu befrieden, um vom Leiden zu befreien? Der Buddha ging es analytisch an: Das „Ich“ erklärte er beispielsweise als eine „Anhäufung“ von Formen, Wahrnehmungen, Gefühlen, Geistesformationen und Bewusstsein (khandhas). Oder als einen Kreislaufprozess, den er in den zwölf Gliedern des bedingten Entstehens (pattica samupadda) – oder Wiederwerdens – beschrieben hat. Auf dieser Ebene hat er ein Ich oder Selbst als gefühlten Ort des Erlebens, der Leidüberwindung, des Wachstums und des Erwachens nie bestritten. Es ging ihm um die „Arbeit“ in genau diesem Feld. Als das größte Hindernis zu innerer „Heilung“ sah der Buddha unsere „Geistesformationen“ (samkara) an. Das sind unsere gewohnheitsmäßigen Muster, mit denen wir unsere Wirklichkeit zu erfassen suchen und auf sie reagieren. Dazu kommt upadana: unser Anhaften an diese Muster beziehungsweise die Identifikation mit ihnen. Beides sind wesentliche Momente der Ich-Konstruktion mit einer fixierenden, verengenden, unfreien und leidhaften Wirkung.

 

Das Muster allein tut noch nicht weh

In der westliche Psychologie werden diese „Geistesformationen“ ähnlich als komplexe Muster der Realitätsverarbeitung gesehen und unsere Identifikation mit ihnen als der eigentliche Moment der Ich-Konstruktion, der zugleich zu unserem psychischen Leiden, unseren Blockaden und Krisen führt. Und das ist wichtig: Nicht das Muster an sich „tut uns weh“, sondern vor allem unsere unbewusste Identifikation damit! Im Unterschied zum buddhistischen Ansatz sucht die westliche Psychologie nach Konzepten und Methoden, um diese Muster individuell zu bearbeiten: Wie genau wirken meine Muster in mir? Wie sind sie so spezifisch entstanden? Wie können sie sich ändern hin zu mehr innerer Ausgeglichenheit?

Ein erstes psychologisches Modell, das diese Erkenntnis methodisch umsetzte, ist das der Teilpersönlichkeiten von Roberto Assagioli (1888–1974, Gründer der Psychosynthese), das vielfältig aufgegriffen und weiterentwickelt wurde – zum Beispiel als Stimmen eines inneren Teams oder, im Voice Dialogue, als IchTeile oder Ego-States, als Schemata, Figuren oder Inneres Familien-System (IFS) – und auch in der Traumatherapie Anwendung findet. Ich werde im Folgenden von „Anteilen“ sprechen.

 

 

© d_jan

 

Anteile – sie agieren wie eigenständige Personen

Was ist also ein solcher „Anteil“? Was macht ihn aus, wie funktioniert er und wie kann mit ihm umgegangen werden? Ein „Anteil“ verhält sich wie eine eigene Person in uns und trägt all ihre Merkmale: eine Körperhaltung, eine Emotionslage, eine Stimmlage, eine Reaktionsweise, eine Weltsicht. Er filtert im Moment seiner Aktion und unserer Identifikation mit ihm die Wirklichkeit durch seine spezielle Brille und wir erleben dann „Realität“ genauso und nur so. Wenn also die Milch überkocht, weil ich vergessen habe, dass ich sie auf den Herd gestellt habe, dann kritisiere ich mich ärgerlich und laut, beschimpfe mich als „Idiot“ und fühle mich auch so: wütend und unzulänglich. Und sehe nur noch das Malheur, das ich beseitigen muss: werde eng und gestresst. Wenn ich mir Zeit nähme und die Stimmen in mir nachklingen ließe, vielleicht hörte ich ganz entfernt eine strenge, harsche Stimme aus der Vergangenheit, die mich bei einem ähnlichen Missgeschick beschimpft sowie zur Wiederherstellung der Ordnung angetrieben hat.

Das heißt, diese Persönlichkeitsteile sind in uns gewachsen. Teilweise entstammen sie frühen Lebensjahren, aber andere sind auch im Laufe der Jahre auf komplexe Weise entstanden. Sie sind das Ergebnis von Lernprozessen. Irgendwann einmal haben wir mit einem Verhaltensmuster Erfolg gehabt, es hat scheinbar auf eine Situation gepasst oder zumindest sind wir nicht mehr sanktioniert worden, und dann haben wir es verinnerlicht und wiederholen es nun immer wieder. Und haben dazu eine Art „Philosophie“ oder „Glaubenssatz“ entwickelt wie „Ich muss immer perfekt sein“ oder „Ohne Fleiß kein Preis“ oder „Ordnung ist das halbe Leben“. Und damit hat unser innerer Anteil dann auch ein Motiv, aus diesem Glaubenssatz zu handeln.

Dabei ist wichtig, zu verstehen, dass unsere Anteile Bewältigungsstrategien darstellen, grundlegenden Bedürfnissen von uns nachzukommen. Sie sind also nicht an sich gut oder schlecht, sondern haben – oder hatten – eine wichtige Funktion in unserem Gesamtgefüge.

 

Sowohl die buddhistische als auch die moderne westliche Psychologie gehen davon aus, dass das „Ich“, so wie wir es erleben, keinen festen, wesenhaften Kern besitzt, von dem aus unser Denken, Fühlen und Handeln gesteuert wird.

 

ENDE DER LESEPROBE

 

 

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Christiane Hackethal

Christiane Hackethal ist selbständige Grafikerin, Redakteurin und psychologische Beraterin mit Schwerpunkt Psychosynthese. Sie praktiziert seit 15 Jahren buddhistisches Geistestraining bei verschiedenen Lehrerinnen und Lehrern unterschiedlicher Tradition. Im Paramita Bonn hat sie 2016 eine Reihe zu dem Thema „Vertrauen“ angeboten und ist dort regelmäßig mit Vorträgen/Workshops präsent.
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