Editorial der neuen Ausgabe von "BUDDHISMUS aktuell"

Die Stille ist in der heutigen Zeit ein gefährdetes und seltenes Gut. Die vorliegenden Ausgabe von BUDDHISMUS aktuell lotet die Stille in ihren vielen verschiedenen Facetten aus. Es geht unter anderem um den Wert der Stille in den Weltreligionen, um das Schweigen in der Meditation, den Rückzug auf eine einsame Insel und das Erleben von Stille mit Kindern.

Meditation | © Hannah Eve

Ein Beitrag von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2017/2 unter der Rubrik Editorial

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Liebe Leserin, lieber Leser,

 

als ich nach einer mehrwöchigen Reise in die Karibik und nach Südamerika wieder in Berlin ankam, fiel mir schnell auf, wie vergleichsweise leise es bei uns ist. Mir wurde bewusst, dass wir neben einem Reichtum an materiellen Dingen und einem großen Maß an Sicherheit auch über einen Luxus der Stille verfügen. In Berlin lebe ich mitten in der Stadt und es ist nachts sehr ruhig. In Guyana wohnte ich auf dem Land und hörte Nacht für Nacht über Stunden die Lastwagen, die Bausand Richtung Küste transportierten, von wo er ins Ausland verschifft wurde. Dennoch wird bei uns häufig ein Defizit an Stille beklagt und die Sehnsucht nach mehr Stille ist ein geläufiges Motiv für meditative Auszeiten. Vor allem Letzteres zeigt, dass es nicht nur den äußeren Lärm gibt und wir unter dem inneren – dem pausenlosen Geschnatter in unserem Kopf, der Allgegenwart der sozialen Medien – oftmals viel mehr leiden.


Stille ist ein mehrdeutiger Begriff. Zum einen bezeichnet er die Abwesenheit von Lärm, wobei schon der Komponist John Cage am eigenen Leib erlebte, dass es eine absolute Stille gar nicht gibt. In einem schalldichten Raum hörte er nicht nichts, sondern seinen eigenen Herzschlag und das Pulsieren seines Blutes. Zum anderen bezeichnet Stille etwas, das alles – auch den Lärm – umfasst und erst möglich macht. Buchstäblich alles – jeder Gedanke, jedes Gefühl, jedes Wort, jeder Laut – erwächst aus der Stille und kehrt in die Stille zurück. Von daher kann man sagen, dass die Stille allem zugrunde liegt. Der Benediktinermönch und Zen-Meister Willigis Jäger spricht in diesem Zusammenhang von der Stille hinter der Stille. Erfahrbar wird sie, wenn es in uns still wird. Viele erleben dann, dass die Stille etwas ist, was größer ist als sie selbst, oder sie mit etwas in Kontakt bringt, was größer ist als sie selbst – der transzendenten Dimension des Lebens. Und in dieser Stille treffen sich die Religionen, ganz gleich wie sie diese Dimension dann in Worten und Symbolen ausdrücken und in Ritualen feiern.

 

Facetten der Stille

In der neuen Ausgabe von BUDDHISMUS aktuell finden Sie Beiträge, welche die unterschiedlichen Facetten von Stille ausloten. So beschreibt die Religionswissenschaftlerin Ursula Baatz deren Rolle in den Weltreligionen; der buddhistische Meditationslehrer Fred von Allmen skizziert die Bedeutung von Schweigen und Stille in Meditations-Retreats, während die Psychotherapeutin und Zen-Praktizierende Hildegard Lauth dies in Bezug auf den psychotherapeutischen Prozess tut. Die britische Schriftstellerin Sara Maitland erzählt von ihren Erfahrungen bei einem 40tägigen individuellen Rückzug; Hans-Günter Wagner beschreibt die Tradition der wortlosen Übertragung im Chan-Buddhismus. Kathleen Battke, Autorin und Mitglied bei den Peacemakern, spricht sich gegen eine in spirituellen Kreisen oft vorhandene Geringschätzung des geschriebenen oder gesprochenen Wortes gegenüber der Stille aus und zeigt, dass Schweigen nicht immer die (beste) Lösung ist; die buddhistische Meditations- und Achtsamkeitslehrerin Kaira Jewel Lingo berichtet von ihren Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.


Neben diesen und weiteren Beiträgen zum Themenschwerpunkt finden Sie in dieser Ausgabe auch ein Interview mit dem „Vater der säkularen Achtsamkeitsbewegung“ Jon Kabat-Zinn. Bei dem Kongress Meditation & Wirklichkeit im November 2016 in Berlin betonte er in einer Videozuschaltung sehr nachdrücklich, dass sein Achtsamkeitskonzept in den buddhistischen Lehren – er sprach vom Dharma – verankert sei und damit auch in deren Ethik und er die zunehmende Kommerzialisierung der Achtsamkeit mit einer gewissen Sorge betrachte. Auch dieses Thema wird uns in BUDDHISMUS aktuell weiter beschäftigen.


Ihnen wünsche ich eine inspirierende Lektüre und ein schönes Frühjahr.

Ihre Ursula Richard,

Chefredakteurin

Ursula Richard

Ursula Richard, Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell, ist seit mehr als zwanzig Jahren auf dem spirituellen Weg. Sie übt Zen und ist vertraut mit buddhistischer Psychologie und Praxis. Sie war langjährige Programmleiterin eines spirituellen Verlags, ist Gründerin der Literaturmanufaktur, einer Autoren- und Verlagsagentur für Spiritualität und Lebenskunst, ist Herausgeberin spiritueller Bücher und Übersetzerin u.a. von Thich Nhat Hanh sowie Verlegerin des Verlags edition steinrich.
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