UNGEKÜRZTE FASSUNG: Es ist höchste Zeit für eine radikale Veränderung der Erziehung unserer Tulkus

Vor einigen Monaten hat der 4. Jamgön Kongtrul Rinpoche auf Facebook verkündet, seinen Tulku-Status aufzugeben, seinen Traum zu verwirklichen und Arzt zu werden. Im Alter von neun Monaten war er 1966 als Inkarnation des 3. Jamgön Kongtrul Rinpoche erkannt worden. Das Tulku-System gibt es nur im Vajrayana-Buddhismus und es beinhaltet die Traditionsnachfolge durch Wiedergeburt. Der Schritt des 20-Jährigen hat Dzongsar Jamyang Khyentse zu einer grundsätzlichen Betrachtung der Tulku-Erziehung und -Ausbildung veranlasst. Wir publizieren hier die ungekürzte Fassung des Textes.

Tulkus stehen heute vor besonderen Herausfoderungen | © szefei | bigstock.com

Ein Beitrag von Rinpoche Dzongsar Jamyang Khyentse veröffentlicht in der Ausgabe 2017/1 unter der Rubrik Tibetischer Buddhismus

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Als einer der Tulkus von Jamyang Khyentse, die über mehrere Leben eng mit Jamgön Kongtrul verbunden waren, sorge ich mich einerseits um den Buddhadharma und besonders um die schulübergreifende Geisteshaltung (den nicht sektiererischen Rime-Geist), die unsere vermeintlich früheren Verkörperungen verband. Andererseits können wir es als menschliche Wesen oft nicht lassen, Vergleiche anzustellen. Und so merke ich, dass ich die Tulkus meiner Generation mit der gegenwärtigen Generation vergleiche.

Zu meiner Zeit hatten wir noch viele Härten zu ertragen. Wir reisten mit den billigsten öffentlichen Verkehrsmitteln, schliefen auf den Bahnsteigen der Bahnhöfe, hatten für sechs bis sieben Monate nicht mehr als zehn Rupien in unseren Taschen, begnügten uns für ein Jahr mit einem Bleistift und mussten sogar unsere Lehrbücher mit weiteren 18 Schülern teilen. Als Kind hatte ich nur zwei handgemachte Spielzeuge, die ich selbst angefertigt hatte.

Schlimmer noch: Meine Erzieher sperrten mich in einen Raum – nicht nur für ein paar Wochen oder Monate, sondern für ein ganzes Jahr, sodass selbst der Gang zur Toilette zu einer lang ersehnten Exkursion wurde. Und dazu litten wir auch noch unter ständiger verbaler und körperlicher Gewalt.

Keines von diesen Dingen möchte ich rechtfertigen oder romantisieren. Doch im Vergleich dazu sind unsere Tulkus der gegenwärtigen Generation unglaublich verwöhnt und haben es leicht! Wenn man jedoch etwas länger darüber nachdenkt, so begegnen diese jungen Tulkus heutzutage ihren eigenen Herausforderungen, die in mancher Hinsicht schwieriger sind als die, denen wir gegenüberstanden.

Die Welt ist jetzt viel kleiner und offener, und deshalb sind die Erwartungen höher. Vor allem Tulkus, deren Traditionslinien etwas Geschichte besitzen, stehen immer im Rampenlicht. Das gilt besonders für jene, die in jungen Jahren inthronisiert wurden, Titel wie „Seine Heiligkeit“ tragen und für die, wann immer sie irgendwo eintreffen, Fanfaren geblasen werden.

Dieser ganze Medienrummel wird durch die gestiegenen Erwartungen und durch den ungeheuren Druck auf diese Kinder unausweichlich nach hinten losgehen. Der Hauptgrund, warum sie ständig im Rampenlicht stehen, ist einzig der, dass die heutigen Institutionen sie unaufhörlich dem Rampenlicht aussetzten. Und es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass dies in den kommenden Jahren leichter werden wird.

Inmitten dieser großen Umwälzungen drängt uns die Entscheidung des 4. Jamgön Kongtrul dazu, einige der grundlegenden Mängel in der Art und Weise, wie Tulkus gegenwärtig unterrichtet und erzogen werden, einzugestehen und zu untersuchen. Dies ist ein sehr komplizierter Sachverhalt, aber er muss angesprochen werden – und das ist die Absicht dieses Artikels.
 

Der dritte Jamgön Kongtrul Rinpoche | © www.jamkongtrul.org

 

Warum brauchen unsere jungen Tulkus Erziehung?


Ein Schlüsselproblem kommt vonseiten der Schüler und Anhänger, denen es nicht gelingt, ihre reine Sicht auf diese Jungen in angemessenen Grenzen zu halten. Dies könnte von ihrer aufrichtigen Dharma-Praxis herrühren, die oft aufgrund von kultureller Voreingenommenheit Verherrlichung und Verehrung über klares Sehen stellt.

Wir Praktizierenden des Vajrayana sollten reine Wahrnehmung gegenüber unseren Gurus haben. Für diejenigen, die diese Fähigkeit besitzen, sollte sich die reine Wahrnehmung und Hingabe nicht ändern, selbst wenn sich die Form des Gurus ändert. Tatsächlich habe ich große Praktizierende gesehen, welche die junge Reinkarnation ihres Gurus angeschaut haben und ohne Zweifel deutlich ihren eigentlichen Guru vor sich sahen – unbeeinflusst vom jeweiligen Alter, der Größe, der Erscheinung oder der Nationalität der Inkarnation. Das sollte den Praktizierenden im Idealfall möglich sein.

Natürlich bedeutet das nicht, dass ein Kind, das angeblich die Inkarnation eines großen Meisters ist, keine Verantwortung hat, zu lernen und sich erziehen zu lassen. Wenn  das Kind im besten Falle eine außergewöhnliche und wahre Reinkarnation ist, die sich als vollständiges Kontinuum aus dem vorherigen Leben verkörpert, dann ist selbstverständlich jede Ausbildung oder jede Erziehung frei wählbar. Wenn das aber nicht der Fall ist, muss das Kind dazu erzogen werden, Verantwortung für seine Handlungen zu übernehmen.

Während also Schüler eines früheren Meisters reine Wahrnehmung gegenüber der neuen Inkarnation haben und ihren frommen Pflichten aus ganzem Herzen nachkommen, muss auch der Tulku selbst die Rolle und Verantwortung der von ihm gewählten Reinkarnation erfüllen. In Wirklichkeit haben aber viele dieser Kinder, selbst wenn sie wahre Tulkus sein sollten, noch nicht einmal gelernt, sich ihre Nase selbst zu putzen, ganz zu schweigen davon, all die Qualitäten ihrer früheren Inkarnationen – wie beispielsweise Allwissenheit – uneingeschränkt zu offenbaren.

Sich von einem Leben in das nächste zu bewegen ist nicht, wie von einem Raum in einen anderen zu gehen. Aufgrund der enormen Veränderungen im Lauf der Zeit sind neue Formen der Ausbildung erforderlich, damit die Tulkus ihre wahre Natur und ihre Qualitäten hervorbringen können. Blinde Verehrung durch Schüler (oft bedingt durch kulturelle Voreingenommenheit) verschleiert die Notwendigkeit, die Erziehung dieser jungen Tulkus einer Überprüfung zu unterziehen.

Es ist sicher wert zu erwähnen, dass diese Tulkus oft überhaupt keine echten Reinkarnationen sind. Als Kind erhalten sie den Titel eines Tulku in der Hoffnung, dass sie und andere einen Nutzen daraus ziehen können. In diesen Fällen hat die Bezeichnung Tulku einfach eine symbolische Bedeutung, die sich ganz sicher nicht ohne angemessene Erziehung entfalten wird.

Doch sind diese jungen Tulkus immer noch Kinder, die ausgebildet und angemessen erzogen werden müssen, die Einweihungen und Unterricht brauchen – nicht nur intellektuell und akademisch. Sie müssen so erzogen werden, dass sie selbstbewusst und gleichzeitig bescheiden sind. Sie sollten erhaben und gleichzeitig menschlich werden.

Es ist vor allem von überragender Wichtigkeit, dass sie zu wahren spirituell Praktizierenden werden. Denn schließlich sollen sie spirituelle Führer und Halter von Traditionslinien sein und nicht nur politische Führer oder Dorfvorstände. Und wenn sie nicht wahre Praktizierende des Dharma sind, was gibt es dann noch für eine Hoffnung?

 

 

Der vierte Jamgön Kongtrul Rinpoche | © www.rigpadorjemontreal.org

 

Grundsätzliche Mängel im gegenwärtigen Erziehungssystem

 

Unser Erziehungssystem und die Art und Weise, wie wir Tulkus erziehen, hat sich nicht der Zeit angepasst, und ich muss hier feststellen, dass Tibeter, besonders in den Klöstern, außerordentlich stur und resistent gegenüber Veränderungen sind.

Oberflächliche Veränderungen hat es gegeben, und wenn es nur geschehen ist, weil Lehrer heutzutage ins Gefängnis gesteckt werden können, wenn sie so erziehen, wie sie es mit uns gemacht haben. Heute mag es keine Schläge mehr geben, und vielleicht gibt es sogar freie Wochenenden, Besuch bei der Familie und jede Menge Spielzeug. Aber das bedeutet nicht, dass sich das Erziehungssystem grundsätzlich geändert oder den Zeiten angepasst hätte.

Tulkus werden heutzutage auf einen Thron gesetzt, umgeben von einem Gefolge, dem es mehr darum geht, die Institution fortbestehen zu lassen, als darum, die nächsten spirituellen Führungspersönlichkeiten und Linienhalter zu erziehen. Das ganze Drumherum von Prozessionen, Teppichen, Brokaten und Jadeschalen mag den Tulku exotisch und außergewöhnlich aussehen lassen, aber es bedeutet nicht, dass er eine Erziehung genossen hat.

Dies ganze Getue wird in seinen jungen Jahren noch funktionieren, denn sogar ein Straßenkind wird beeindruckend aussehen, wenn man es wäscht und shampooniert und auf Brokate setzt, zumindest für einige Stunden. Wenn ein kleiner Tulku in einer dermaßen erhabenen Atmosphäre dann lächelt, werden seine Verehrer dies als erstaunliches Zeichen interpretieren.

Doch das Ersetzen echter Erziehung durch eine Show wird mit der Zeit ein echtes Problem, denn es übt zunehmend einen heimtückischen und schweren Druck auf den jungen Tulku aus. Schließlich gibt es keinen größeren und schwerwiegenderen Druck als die Erwartungen anderer.

Wenn Hunderte oder gar Tausende Augenpaare alles beobachten und bewerten, was diese Tulkus tun, können sie schließlich – isoliert und gefangen – in einem der einsamsten und entferntesten Räume landen, die man sich vorstellen kann.

Der unangebrachte Fokus auf Selbstdarstellung und Reichtum


Möglicherweise hat das in Tibet funktioniert (und ich sage nicht, dass es funktioniert hat), wo wenig Fragen gestellt wurden, wo wenig überprüft wurde und wo es enorme Hingabe gab. Doch auf lange Sicht sendet der Anblick der höchsten Lamas (denen die Novizen es gleichtun wollen) völlig falsche Signale, wenn sie einen extravaganten neureichen Lebensstil leben, samt goldenen Uhren und Armbändern.

Vor allem anderen ermutigt dieses „Vorbild“ die Leute einfach nicht dazu, den Dharma zu praktizieren, besonders nicht die jungen Mönche, die ins Kloster eingetreten sind und deren Denken vielleicht nicht besonders hoch entwickelt ist. Aus diesem Grund zog Buddha Sakyamuni es vor, sich barfuß und mit einer Almosenschale zu zeigen – weil die Strenge, Enthaltsamkeit und Einfachheit, die er damit symbolisierte, wirkliche Bedeutung hat.

Ich sage nicht, dass die führenden Lamas heute alle mit Almosenschalen umherziehen sollten. Doch es ist absolut notwendig, dass sie eine Art von anspruchsloser Demut ausstrahlen, eine Verkörperung des einfachen Lebens darstellen.

Ein gutes Beispiel für den notwendigen Wandel ist das Verhalten vieler unserer Lamas bei den jährlichen winterlichen Gebetsversammlungen und Festivitäten unter dem Bodhi-Baum in Bodhgaya. Oft frage ich mich, was andere Buddhisten, wie die Theravada-Praktizierenden, über unsere Lamas denken, die auf Thronen sitzen, die mitunter sogar höher sind als manche der Buddha-Statuen.

Bekanntlich erzieht uns der Weg des Tantra dazu, unsere Gurus als Verkörperung aller Buddhas zu sehen. Doch an Orten wie Bodhgaya, dessen Statuen und Symbole für die allgemeine Öffentlichkeit und für alle Buddhisten von tiefer Bedeutung sind, gibt es niemanden, der über dem Buddha steht. Daher wäre Bodhgaya ein guter Ort für unsere Lamas, um damit anzufangen, Einfachheit und Demut zu praktizieren!

Ich nehme an, der Anblick eines reichen Klostervorstehers oder Linienhalters wird einige nomadische Tibeter und allzu enthusiastische Chinesen beeindrucken. Doch, bewusst oder unbewusst, begründet dies tatsächlich die schlechte Gewohnheit zu glauben, ein Lama müsse Reichtum oder einen hohen Stand haben.

Aus grundlegender buddhistischer Sicht ist eine solche Botschaft grundsätzlich falsch. Schließlich ist der Buddha für Buddhisten die bei Weitem wichtigste Person der Welt. Und die bedeutendste Tat des Buddha war es, Erleuchtung zu erlangen, nachdem er die Maras besiegt hatte. Dieses großartige Ereignis fand auf einem einfachen Kissen aus Gras und Bodhi-Blättern statt, ohne Throne, Brokate oder anderen Zierrat. Kurz, abgesehen davon, dass es unsere jungen Tulkus zu verzogenen Gören macht, ist die derzeitige Betonung von Reichtum und Privilegien als Teil der Tulku-Erziehung ein Fluch für das buddhistische Erziehungssystem und dessen Grundwerte.

 

 

Landschaft in Tibet | © IM Swedish Development Partner

 

Das Gefängnis der Privilegien

 

Heutzutage finden und inthronisieren Klöster anscheinend oft einen Tulku, der zufällig aus einer reichen oder mächtigen Familie stammt. Was auch immer die Absicht sein mag, der Tulku wird auch heute noch als die Hauptattraktion des Klosters instrumentalisiert, da weit mehr Leute ein Kloster besuchen, um einen Tulku oder hochrangigen Lama zu sehen, als um des Klosters selbst willen. Dies trifft besonders dann zu, wenn vor dem Namen des Tulku ein „Seine Heiligkeit“ oder „Seine Eminenz“ steht, begleitet von einer exotischen Beschreibung, inwiefern dieser Tulku eine Reinkarnation eines der größten alten Meister ist.

Bezeichnungen wie „Seine Heiligkeit“ sind noch nicht einmal buddhistisch, sondern geradewegs aus dem Christentum entliehen. Dass tibetische Lamas von solch christlichen Titeln besessen sind, ist wirklich kaum zu fassen, und es ist geradezu peinlich, wenn sie „Seine Heiligkeit“ vor den Namen eines Kleinkindes setzen. Bestenfalls werden die Christen uns auslachen, insbesondere da das Durchschnittsalter, in dem einem erwählten Bischof der päpstliche Titel „Seine Heiligkeit“ verliehen wird, bei Mitte 60 liegt.

Dennoch, da die jungen inkarnierten Lamas für die Klöster von so großem Wert sind, haben wir vorhersehbarer Weise eine ungebührliche Hektik erlebt, mit der solche Tulkus entdeckt und inthronisiert wurden, von denen es heute weit mehr zu geben scheint, als noch vor drei oder vier Jahrzehnten.

Nach der Inthronisation und dem damit einhergehenden Medienrummel ist es in der Tat nicht überraschend, festzustellen, dass vielen dieser Tulkus – oft schon in jungen Jahren – eine Art von Projekt oder Aktivität übertragen wird – sei es, die Umwelt zu retten oder einen Stupa, eine Shedra oder die Riesenstatue eines Bodhisattva zu bauen. Es scheint fast so, als müsse er ein Projekt haben, um ein guter Lama zu sein.

Bei genauerer Betrachtung sind diese Aktivitäten fast immer Instrumente um Einkommen zu generieren. Und wir wissen, wie erbärmlich das tibetische System ist, wenn es um Transparenz und Kontrolle bei öffentlichen Spenden geht.

Das Zusammentreffen der ost- und südostasiatischen Kulturtraditionen von blinder Verehrung und großzügigen Spenden mit dem feudalen tibetischen Tulku-System, dem es an Kontrolle und Gleichgewicht mangelt, hat auch die Entwicklung eines modernen Erziehungssystems für Tulkus behindert. Diese Knaben in ihrem zarten Alter vergessen letztlich, dass Geld nicht auf Bäumen wächst, und haben keine Vorstellung davon, dass es Schweiß und Blut gekostet hat, die Opfergaben aufzubringen, mit denen sie überhäuft werden.

Mit so viel Reichtum, Privilegien und Verehrung als Belohnung ist es kein Wunder, dass viele Eltern eifrig bemüht sind, ihre Kinder als den einen oder anderen hochrangigen Lama inthronisieren zu lassen. Sie wissen wenig darüber, wie ihre Kinder leiden werden. Ein inkarnierter Tulku zu sein bedeutet, in eine unvorstellbare Gefangenschaft zu geraten. Man bringt das Kind in eine äußerst komfortable Situation und gleichzeitig verhindert man systematisch, dass es sich zu einem anständigen Menschen entwickelt, der in der menschlichen Welt bestehen kann.

Der eigentliche Schmerz kommt später, wenn diese jungen Tulkus erwachsen werden, ihre Hormone außer Kontrolle geraten, sie keine Ahnung von der wirklichen Welt haben und sich völlig nutzlos fühlen. Sie wissen nicht, wie man mit der Welt auf elementarste Weise umgeht, geschweige denn, wie man eine Führungspersönlichkeit wird.

 

 

Debattierende Mönche | © Dennis Jarvis

 

Ein Nährboden für Heuchelei


Während unsere jungen Tulkus im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen und versuchen, das äußerliche Bild von Privilegien und Respekt aufrechtzuerhalten, verursacht das unweigerlich Heuchelei.

Zum Beispiel wird jungen Tulkus gesagt, dass sie rein sein müssten und dass sie Mönche sein sollten. Doch ihre Reinheit vom frühesten Alter an daran zu messen, wer zölibatär lebt und wer nicht, erzeugt einen immensen Druck.

Auch gemäß dem Vinaya ist es nicht zulässig, jemandem – gegen seinen Willen – durch sozialen Druck Keuschheitsgelübde aufzuzwingen, wie es bei jungen Mönchen heutzutage so oft geschieht. Buddha Shakyamuni entsagte selbst erst dann freiwillig, als er schon verheiratet war und ein Kind hatte.

Als einer der vorherigen Khamtrul Rinpoches sich entschloss, sein Zölibat aufzugeben, wollte einer seiner Mönche ihn umbringen – so stark ist mittlerweile der soziale Druck geworden.

Natürlich kann nicht abgestritten werden, dass einige der jungen Mönche, die in jungen Jahren zum Zölibat genötigt wurden, zu wirklich guten Mönchen wurden. Viel zu oft macht der Zölibatszwang angesichts der starken sozialen Belastungen und der Cyber-Unterhaltung etliche unserer jungen Tulkus zu Heuchlern, die gezwungen sind, ihre „Fehler“ zu verbergen.

Diese Kultur des äußeren Scheins wird bekräftigt, wenn den Tulkus bewusst wird, dass ihre Gefährten, und manchmal auch Ranghöhere, ebenfalls heuchlerisch sind. Ein Erziehungssystem, das solche Scheinheiligkeit fördert, ist außerordentlich fehlgeleitet und kann völlig abwegiges Verhalten hervorbringen.


Polarwolken über dem Tibetischen Plateau | © Marshall Space Flight Center der NASA

 

Ein Erziehungssystem für unsere heutige Welt und für die Zukunft


Andererseits habe ich aufrichtiges Mitgefühl für die Labrangs, Mönche und anderen, die für die Ausbildung unserer jungen inkarnierten Lamas verantwortlich sind. Im Allgemeinen meinen sie es sehr gut und haben sehr gute Absichten; doch wissen sie einfach nicht, wie man ein Kind in der heutigen Welt aufzieht und haben sich an die heutigen Bedingungen einfach nicht angepasst.

Über eine rein akademische Ausbildung hinaus müssen unsere jungen Tulkus lernen, wie man abwartet, bis man an der Reihe ist, wie man teilt, was geteilt werden sollte, und andere grundlegende Elemente menschlichen Anstands und sozialer Verpflichtungen. Wenn sie bedient werden und alles geschenkt bekommen, werden viele dieser Tulkus nicht einmal das einfache menschliche Wissen des Teilens lernen und am Ende unfähig sein, in dieser Welt zu leben. Sie brauchen nicht nur eine Ausbildung zu Führungspersönlichkeiten, sondern einen Grundkurs in menschlichen Beziehungen.

Lehrer und Erzieher müssen wissen, dass sich einige dieser jungen Tulkus aus Frustration sogar Verbrennungen zugefügt oder sich mit Rasierklingen geschnitten haben – genauso wie es andere verstörte Teenager tun. Solch ein Verhalten bringt uns zum Bewusstsein, welch gefährliche Zeit und welch unsichere und heikle Generation dies ist.

Selbst ein normales Kind, besonders einen Teenager, aufzuziehen ist in diesen Zeiten eine außerordentliche Herausforderung, wie alle Eltern wissen. Wie viel schwieriger ist es dann, ein Kind, einen Teenager zu erziehen, von dem erwartet wird, viel mehr als nur einen Familienbesitz oder Stammbaum weiterzuführen. Dennoch haben unsere Tulku-Betreuer so gut wie keine Kenntnisse und keine Erfahrung in der grundlegenden menschlichen Schulung, die man braucht, um in der heutigen Welt Kinder großzuziehen.

Leider machen sich die Erzieher der Tulkus oft mehr Sorgen darum, wie sich diese kleinen Kinder (häufig nicht mehr als Krabbelkinder) benehmen und wie sie in der Öffentlichkeit behandelt werden, als um die Kinder selbst als menschliche Wesen. Ihre beständige Sorge, wer den höheren Sitz bekommt und die bessere Behandlung, wie viele Fahrzeuge zum Konvoi des Tulkus gehören und wie viele Leute am Flughafen erscheinen, um sie zu empfangen, hat den Geist dieser Tulkus grundlegend verändert, und zwar nicht zu ihrem Vorteil.

Wir sehen diese veränderte Haltung heute in der zunehmenden Anzahl von „doppelten“ Tulkus und darin, dass mehrere Aspiranten Anspruch darauf erheben, die Reinkarnation desselben vergangenen Meisters zu sein. Bisher haben wir keinen Tulku gesehen, der gesagt hätte: „O nein, ich bin nicht der Richtige, der andere Lama ist die wahre Reinkarnation.“ Stattdessen klammern sie sich mit aller Macht und Gewalt an ihre Titel, was man kaum als achtbare „buddhistische“ Eigenschaft betrachten kann.

Und wir sehen eine ähnlich beunruhigende Veränderung in der Einstellung zu den Lehren selbst. Zu meiner Zeit haben wir aktiv nach Lehrern und Lehren gesucht, sind überall herumgereist, obwohl praktisch keine Transportmittel existierten. Irgendwie haben die Erzieher unserer Generation uns diese Leidenschaft vermittelt und die Bereitschaft, für ein Wort der kostbaren Lehren Opfer zu bringen.

Dass unsere jungen Tulkus eifrig nach Lehrern oder Lehren suchen würden, können wir heute fast vergessen. Stattdessen können wir uns glücklich schätzen, wenn sie wenigstens ein wenig Interesse an einer Unterweisung zeigen und den Lehrer zu sich kommen lassen. In der buddhistischen Tradition ist dieser Wandel in der Einstellung zu den Lehren zutiefst fehlgeleitet.

Wie viele haben zum Beispiel bemerkt, dass Fotos dieser jungen Tulkus diese kaum jemals dabei zeigen, wie sie niedriger als ihre Lehrer sitzen und diesen Verehrung erweisen, von Verbeugungen gar nicht zu reden? Dennoch wäre ein solcher Anblick als Vorbild so hilfreich. Es ist verständlich, wenn man ein Kind am Tage seiner Inthronisierung auf den Thron setzt, aber es ist unklug, es von da an bis zur Pubertät immer auf den Thron zu setzen.

Tibeter denken meistens, um einen Tulku zu erziehen bedürfe es nur eines Lehrers, der Erteilung vieler Unterweisungen, des Auswendiglernens vieler Texte und des Erlernens von Ritualen. Was ihnen nicht klar ist, obwohl es wirklich grundlegend und einfach ist, ist, dass die umfassendere Ausbildung vom Umfeld abhängt, in dem der Tulku aufwächst, und – noch entscheidender – davon, wie er aufwächst.

 

 

Die Hände eines alten Mönchs | © Braden Gunem

 

Soziale und kulturelle Hindernisse für eine ernsthafte Tulku- Erziehung

 

Noch einmal, ich möchte die Verantwortung für die Unzulänglichkeit heutiger Methoden zur Erziehung von Tulkus nicht den Klöstern und Mönchen zuschieben, die unmittelbar mit dieser Aufgabe betraut sind. Tatsächlich liegt eine beträchtliche Ursache für diese Situation in den traditionellen Gesellschaftssystemen, wie dem tibetischen und dem bhutanischen, die eine komplexe Mischung aus tief empfundener Verehrung und altmodischem kulturellen Ballast darstellen.

Ich stelle mir oft vor, wie einige dieser hochgestellten Lamas davon träumen müssen, allein herumzulaufen, ihr Gepäck selbst zu tragen, einen Tee in einer Teestube zu trinken oder in einer Rikscha zu fahren. Es ist ihr eifriges Gefolge, das ihnen dies verwehrt; denn vonseiten unserer traditionellen Gesellschaftssysteme besteht ein starker Druck, dass diese Lamas sich auf bestimmte Weise benehmen müssen, und ihre Anhänger sie mit Gefolge, Dienern, Brokaten und allen Arten von traditionellen und modernen Statussymbolen umgeben müssen.

Es gibt sogar eine tibetische Redensart (mit der ich als Kind und Jugendlicher getadelt wurde), dass Lamas wie eine goldene Statue sein sollten – was bedeutet, dass wir ganz still sitzen, nicht nach rechts oder links schauen und uns mehr wie ein wertvoller Gegenstand benehmen sollten denn als ein menschliches Wesen. Es gibt eine andere Redensart, dass ein Schneelöwe als Schneelöwe in den hohen Bergen bleiben solle, denn wenn er nach unten ins Tal komme, werde man ihn für einen Hund halten. Diese beiden Redensarten offenbaren, wie Lamas davon abgehalten werden, sich unter das „gemeine Volk“ zu mischen, aber ebenso, wie veraltet unsere traditionelle Pädagogik für die Erziehung von Lamas für eine moderne Gesellschaft ist.

Die unbequeme Wahrheit ist, dass sich eine goldene Statue noch nicht einmal selbst ernähren kann. Sie gehört einem Besitzer, der die Macht hat, sie zu verkaufen oder zumindest jedem, der sie sehen will, Eintrittskarten zu verkaufen. Lamas – wie auch der Schneelöwe – wissen absolut nichts darüber, was in der normalen Welt vor sich geht. Wie also können diese Lamas die Wahrheit des Leidens lehren, wenn sie dauernd davon abgeschirmt werden und wenn das einzige Leiden, das sie kennen, dasjenige ist, von dem sie in den Texten lesen?

Tatsächlich ist genau das ein großer Teil des Problems: dass das gegenwärtige Erziehungssystem hauptsächlich intellektuell bleibt, losgelöst von der Welt und ungeeignet, unsere Tulkus zu wahrhaftigen Praktizierenden des Dharma zu machen. Ja, diese jungen Tulkus mögen wohl Mantras rezitieren, früh aufstehen und sogar Sadhanas und Pujas (spirituelle Übungen) praktizieren und die Ordination erhalten, aber – wie Atisha gesagt hat – wahrhafte Dharmapraktizierende müssen von Grund auf lernen, kein Interesse am weltlichen Leben oder am Leben insgesamt zu haben. Für den Anfang heißt das erst einmal, sich nicht um die Höhe ihres Throns, die Anzahl ihrer Schüler, ihre Titel oder die Marke ihrer Uhr zu kümmern.

Gefangen in einer Zeitschleife


Zusammengefasst: die gegenwärtige tibetische Tradition erzieht die Tulkus zum genauen Gegenteil wahrer Führerschaft. Damit sollen dem traditionellen System seine Verdienste nicht abgesprochen werden; in der Vergangenheit hat es neben Gelehrsamkeit und Disziplin auch eine gewisse Eleganz hervorgebracht.

Doch eine nähere Betrachtung zeigt ein inakzeptables Hinterherhinken, indem es nicht in der Lage ist, unsere Tulkus darauf vorzubereiten, in unserer Welt zu funktionieren – und schon gar nicht in der noch völlig anderen Welt, in der wir in 20 Jahren leben werden.

Unser Erziehungssystem für Tulkus ist irgendwo in den 1930er- oder 40er-Jahren stehen geblieben. Aber wir haben jetzt 2016, und ganz sicher bereitet es unsere Tulkus nicht auf die Welt von 2026 vor, wenn sie erwachsen sein werden und vermutlich das Amt spiritueller Führerschaft ergreifen werden. Was tun wir, um unsere Tulkus auf eine zukünftige Ära vorzubereiten, in der Apple einen Chip produziert, den Tulkus tragen können, um ins Breitband-Internet zu gehen und die Welt von Sex, Drogen und Geld zu erforschen.

Es ist kein Wunder, dass Tulkus, wenn sie etwa 20 Jahre alt werden, häufig sehr sonderbar geworden sind, nichts über die Welt wissen und ihnen ihre Klöster, ihr Personal und nahe Verwandte jeden Moment ihres Lebens diktieren. Noch größer ist das Problem, wenn diese Umgebung selbst korrupt und der Vetternwirtschaft ergeben ist, wie es allzu oft der Fall ist.

Als Folge dessen kann  die Szene, die Neulinge im tibetischen Buddhismus vorfinden, enorm verwirrend sein: mit angeblich allwissenden Lamas, die nicht einmal ihr nächstes Gefolge kontrollieren können. Tibeter werden solch himmelschreiend seltsames Verhalten entschuldigen, indem sie sagen, dass es nicht die Schuld des Lamas sei – der Lama ist immer erhaben –, sondern sein Gefolge oder seine Vertrauten das Problem seien.

Doch irgendwie macht das die nüchterne Tatsache auch nicht besser, dass unsere Tulkus selten wahre Praktizierende des Dharma sind, gestört und ohne Bezug zu ihrem eigenen Leben und schon gar nicht in der Lage, wahre Führerschaft gegenüber Schülern und Anhängern zu übernehmen. Ich kann nur beten, dass ihr merkwürdiges Verhalten irgendeinen unsichtbaren Nutzen hat, der von gewöhnlichen Lebewesen wie mir nicht erfasst werden kann.

 

 

Der Potala-Palast im Morgenlicht, Lhasa 2007 | © Thriol

 

Wünsche für unsere zukünftigen Tulkus


Wegen all dieser Ursachen, die das folgenschwere Versagen aufzeigen, traditionelle pädagogische Methoden für Tulkus an die heutige Welt anzupassen, muss ich sagen, dass ich persönlich kein Urteil über das abgeben kann, was Jamgön Kongtrul Rinpoche tut. Obwohl ich keine direkte Kenntnis von ihm habe, habe ich viele großartige Dinge über ihn gehört, und habe aus vielen Gründen die tief empfundene Hoffnung und Erwartung, dass er wahrhaft herausragen wird.

Auf einer grundlegend menschlichen Ebene ist es mir wirklich gleich, ob der 4. Jamgön Kongtrul Arzt werden will oder nicht. Es könnte sich sogar als großartig und sehr inspirierend erweisen. Soweit es mich betrifft, könnte er auch Uhrmacher werden; so wie unter unseren früheren Meistern ein Bogenmacher war, ein Betreiber einer Sesamölmühle, ein Bauer, ein Barbier und sogar eine Prostituierte. Im Vergleich dazu klingt Arzt schon viel respektabler!

Jamgön Kongtruls Entscheidung, Arzt zu werden, kann ein exzellentes Gegenmittel für einen grundlegenden Fehler in der monastischen Situation des tibetischen Buddhismus sein. Den Fehler nämlich, aus dem Buddhismus einen Beruf zu machen, so als wäre dieser dafür bestimmt, das Überleben von Mönchen, Klöstern und Dharmalehrenden zu sichern. Während dieser buddhistische „Berufsstand“ seine geschichtlichen Wurzeln in der verständlichen Notwendigkeit des Überlebens der Klöster hat, führt er auch zu vielen Missverständnissen und wird die weitere Verbreitung des Buddhadharma in unserer Zeit nicht gerade fördern.

Aus diesem Grund habe ich meinen Freunden, Kollegen und „Mit“-Rinpoches immer wieder geraten, dass sie, wenn sie Nichttibeter unterrichten, das Tragen tibetischer Roben und aller Arten buddhistischer Tracht nicht fördern sollten. Im Gegenteil, einen praktizierenden Buddhisten in Anzug und Krawatte oder anderer normaler Kleidung zu sehen vermittelt die Botschaft, dass der Buddhismus von jedem praktiziert werden kann.

In dem Moment, in dem ein Lama auf einer bestimmten Art von Kleidung besteht, werden sofort andere ausgeschlossen und die Atmosphäre eines Kultes erzeugt. Aus meiner Sicht ist unsere Haltung, die introvertiert ist und gleichzeitig Exklusivität suggeriert, einer der Hauptgründe dafür, dass die Zahl der Buddhisten weltweit abnimmt, während andere Religionen, wie der Islam, im Wachsen begriffen sind.

Mit einem Wort, Jamgön Kongtruls Entschluss, Arzt zu werden, könnte am Ende perfekt sein und auf lange Sicht dem Buddhadharma einen echten Dienst erweisen. Doch ich hoffe, wünsche und bete, dass, der 4. Jamgön Kongtrul – auf welche Weise auch immer – von ganzem Herzen für den Dharma arbeitet; nicht nur für eine Traditionslinie, sondern für alle Traditionslinien – wie es auch seine frühere Inkarnation getan hat.

Übersetzung: Team von Siddharthas Intent Europe
Redaktion: Doris Wolter

 

 

Mönche unterwegs | © Andrew Dyson

Rinpoche Dzongsar Jamyang Khyentse

Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche,1961 in Bhutan geboren und von S. H. Sakya Trizin als Emanation von Jamyang Khyentse Chökyi Lodrö (1894–1959) anerkannt, erhielt Einweihungen und Unterweisungen von Meistern aller vier Traditionsrichtungen des tibetischen Buddhismus. Er ist buddhistischer Lehrer, Autor und Filmregisseur.
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