Eintauchen in die große Praxis des Buddha

In der japanischen Reine-Land-Schule Jodo Shinshu genießt das Vertrauen eine besondere Bedeutung, erklärt Reverend Kogyo Ilona Evers in ihrem Beitrag. Doch erstaunlicherweise geht es dabei gar nicht so sehr um das eigene Vertrauen: Es geht um das Vertrauen des Buddha.

Der Buddha – Das mythische Urbild der Buddhanatur | © Josefe aka Hipnosapo | via Foter com

Ein Beitrag von Ilona Evers veröffentlicht in der Ausgabe 2017/1 unter der Rubrik SCHWERPUNKT: Vertrauen

Meine spirituelle Heimat ist die japanische Reine-Land-Schule Jodo Shinshu, auch Shin-Buddhismus genannt. Die Reine-Land-Traditionen gehören in Ostasien zu den größten buddhistischen Strömungen und betonen das Vertrauen in besonderer Weise.

 

Ihren Anhängerinnen und Anhängern stellen sie in Aussicht, die Stufe der Unumkehrbarkeit (avaivartika) zu erreichen – entweder in diesem Leben oder nach ihrem Tod, indem sie in ein Buddhaland (buddha-ksetra) mit dem Namen Sukhavati (Land der Glückseligkeit) geboren werden. Schon der Pali-Kanon unterstreicht die Bedeutung des Vertrauens, saddha, in mehreren Passagen. Westliche Dharma-Praktizierende neigen jedoch zur Intellektualität. Anstatt Erfahrungen mit dem Gelernten zu machen, die ihr Vertrauen stärken, möchten sie ständig Neues hören und lernen. Viele Buddhistinnen und Buddhisten interpretieren den Buddhismus inzwischen sogar säkular. In einer solchen Umgebung haben es die Lehren der Reine-Land-Schulen schwer. Um den Weg des Jodo Shinsu wirklich gehen zu können, brauchen die meisten eine tiefe Auseinandersetzung mit der Lehre und sich selbst.

 

Drei Arten des Vertrauens


Der japanische Jodo-Shinshu-Lehrer Takamaro Shigaraki unterscheidet drei Arten des Vertrauens. Shinrai ist auf Erfahrung und Wahrscheinlichkeit basierendes Vertrauen. Weil die Sonne bisher jeden Morgen aufging, vertraue ich darauf, dass sie auch morgen aufgehen wird. Shinko bedeutet zu etwas „Höherem“ empor zu blicken – wie einem Gott oder Buddha. Buddha Amitabha oder Amida, zu dem wir „emporblicken“ und der mit seinem Reinen Land im Zentrum der Verehrung steht, darf jedoch nicht als eine dem Menschen gegenüberstehende monotheistische Gottheit missverstanden werden, sondern er drückt das mythische Urbild der Buddhanatur aus.

Die dritte und wichtigste Art des Vertrauens, shinjin, entsteht durch tiefe spirituelle Erfahrung – ein Erleben der eigenen Buddhanatur, ein Überschreiten der eigenen Persönlichkeit und ein Eintauchen in die Einheit mit dem Buddha und seiner Grenzenlosigkeit. Shinjin ist ein sehr individuelles Erleben und kaum in Worte zu fassen. Je nach Temperament kann es „dramatisch“ ausfallen und mit Euphorie und starken Glücksgefühlen einhergehen, oder es gestaltet sich als eine Reihe weniger spektakulärer, aber tiefgründiger Einsichtsmomente.

Auch wenn Jodo Shinshu das Vertrauen so stark betont, geht es dabei doch nicht um die Entwicklung des eigenen Vertrauens. Vielmehr möchten wir mit dem Vertrauen des Buddha in Kontakt kommen und uns davon ganz erfüllen lassen. Nicht unser Fleiß, unsere Praxis, unsere Leistung führen zur transformierenden Erfahrung, sondern wir möchten die „Andere Kraft“ und die große Praxis des Buddha berühren. Unsere eigene Arbeit besteht darin, uns mit der buddhistischen Lehre zu beschäftigen und uns dem Buddha zuzuwenden und die Zufluchtsformel „Namu Amida Butsu“ („ich nehme meine Zuflucht zu Buddha Amida“) zu sprechen. Diese Zufluchtsformel wird auch als „Name des Buddha“ oder als nembutsu bezeichnet.

Jodo Shinshu ist ein einfacher Weg. Es genügt, sich Buddha Amida anzuvertrauen und ihn seine Arbeit tun zu lassen. Jodo Shinshu ist ein schwieriger Weg. Wenige Menschen können sich einfach so von ganzem Herzen dem Buddha anvertrauen. Besonders im Westen, der so stark auf Individualismus und Intellekt setzt, ist es nicht gerade leicht, einen spirituellen Weg zu gehen, der so wenig von der eigenen Anstrengung hält. Shinran Shonin, der Gründer von Jodo Shinshu drückte es so aus: „Der Buddha schenkt uns sein Herz und nimmt uns in seine große Praxis auf.“

 

Jodo Shinshu ist ein einfacher Weg. Es genügt, sich Buddha Amida anzuvertrauen und ihn seine Arbeit tun zu lassen. Jodo Shinshu ist ein schwieriger Weg. Wenige Menschen können sich einfach so von ganzem Herzen dem Buddha anvertrauen.

 

Literatur:
Takamaro Shigaraki: Sogar der Gute wird erlöst, um wie viel mehr der Böse
Kenneth K. Tanaka: Ocean. An Introduction to Jodo-Shinshu Buddhism in America, WisdomOcean Publications

 

 

Eintauchen und Einswerden | © Werner Steiner

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Ilona Evers

Ilona Evers leitet die Berliner Jodo Shinshu Sangha; sie ist zweite Vorsitzende von Jodo Shinshu Deutschland (BGJ-D) und wurde 2012 zur Priesterin ordiniert. Sie ist außerdem Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und arbeitet bei "BuBB" (Buddhismus Berlin-Brandenburg) mit. BuBB erstellt mehrmals im Jahr einen umfassenden Kalender mit buddhistischen Kursen und Terminen der Region.
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