Editorial der neuen Ausgabe von "BUDDHISMUS aktuell"

"Vertrauen" lautet der Themenschwerpunkt der vorliegenden Ausgabe von BUDDHISMUS aktuell – ein brandaktueller Titel, ist das Thema Vertrauensverlust doch derzeit in aller Munde.

Vertrauen | © Timothy Vogel

Ein Beitrag von Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2017/1 unter der Rubrik Editorial

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Liebe Leserin, lieber Leser,

 

in den letzten Monaten tauchte in Zeitungsartikeln, Fernsehbeiträgen, Interviews und sozialen Medien häufiger als sonst, wie mir schien, der Begriff „Vertrauen“ auf, meist im Zusammenhang damit, dass Vertrauen verlorengegangen sei und wiedergewonnen werden müsse. Der diagnostizierte Vertrauensverlust erstreckt sich auf die Politik, die Zukunft, die Presse, die Sicherheit, die Werte – sowie auf die Menschen, die für die beklagten Zustände verantwortlich gemacht werden. Oft wird  er im Ton der Anklage vorgetragen, begleitet von starken Emotionen wie Angst, Wut und Hass. Das, worauf Menschen vertraut haben, hat sich für sie als brüchig, unzuverlässig, als nicht länger vertrauenswürdig erwiesen. Eine tiefe Enttäuschung bricht sich da Bahn. Die Folgen dieses Prozesses sind überhaupt noch nicht abzusehen. Wir stecken da mittendrin.


Als wir vor circa einem Jahr die kommenden Schwerpunktthemen für BUDDHISMUS aktuell festgelegt haben, konnten wir noch nicht ahnen, wie aktuell wir mit dem Thema „Vertrauen“ sein würden. Die gegenwärtige Situation zeigt wie unter einem Brennglas, wie unbeständig alles ist und wie schnell sich vermeintliche Gewissheiten und Sicherheiten auflösen. Dass Vergänglichkeit allgegenwärtig und es von daher gut ist, sich mit ihr anzufreunden, statt die Augen vor ihr zu verschließen, gehört zum buddhistischen ABC. Die Vertrauensfrage zu stellen heißt also: In was kann ich angesichts von Unbeständigkeit und ständigem Wandel mein Vertrauen setzen? Worauf erstreckt es sich? Wie kann es ein sehendes statt ein blindes Vertrauen sein? Wie nähre ich es, damit es mich trägt? So wie dem Leben selbst wohnt aber auch dem Vertrauen als solches etwas Fragiles, Zerbrechliches inne, ein Moment der Unsicherheit. Vertrauen ist nie hundertprozentiges Wissen, es ist stets eine Art Vertrauensvorschuss damit verbunden und setzt von daher auch einen Sprung ins Nicht-Wissen, ein „Sich-Trauen“, also Mut voraus.

Der Aufruf, erwachsen zu werden

 

Für den Buddhismus sind als Objekte des Vertrauens die Drei Juwelen Buddha, Dharma, Sangha zentral, also unser Potenzial zu erwachen, die Lehren des Buddha und die Gemeinschaft derer, die uns auf dem Weg vorangegangen sind oder ihn jetzt mit uns beschreiten. Was dieses Vertrauen für uns heute beinhaltet, ist das Thema einiger Beiträge dieses Heftes.

Der Buddha selbst sprach in seinen letzten Worten davon, sich selbst ein Licht zu sein und in niemand anderem Rettung zu suchen als in sich selbst und darin beharrlich zu sein. Sie finden diese Worte als eine Art Konzentrat des Heftes auf Seite 7. Es ist ein Aufruf, erwachsen zu werden, auch spirituell, sich von manch kindlichen Hoffnungen zu verabschieden, die sich so gern in unsere Vertrauensvorstellungen hineinschmuggeln und oft erst dann ans Tageslicht kommen, wenn diese für uns ins Wanken geraten.

Die buddhistische Lehrerin Pema Chödron sagt: „Anstatt zu versuchen, diese kleinen Inseln der Sicherheit zu finden, die sich ja doch wieder auflösen, können wir lernen, zu fliegen oder zu schweben und ‚Ja‘ sagen dazu, dass die Dinge keinen festen Boden oder ein offenes Ende haben. Wir wissen nie, was als Nächstes geschehen wird; wir wissen auch nie, wer wir von Moment zu Moment sind. Alles ist ein sich ständig weiter entfaltender Prozess.“

Ich bedanke mich sehr dafür, auch im Namen unseres Redaktionsteams, dass Sie BUDDHISMUS aktuell die Treue halten und wünsche Ihnen für das nächste Jahr ein Sie tragendes Vertrauen sowie das, was im Buddhismus die Vier unermesslichen Geisteszustände genannt wird – liebende Güte, Mitgefühl, Freude und Gleichmut. Mir scheint dies ein gutes Rüstzeug auch und gerade in schwierigen Zeiten.

Ihre Ursula Richard,

Chefredakteurin

Ursula Richard

Ursula Richard, Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell, ist seit mehr als zwanzig Jahren auf dem spirituellen Weg. Sie übt Zen und ist vertraut mit buddhistischer Psychologie und Praxis. Sie war langjährige Programmleiterin eines spirituellen Verlags, ist Gründerin der Literaturmanufaktur, einer Autoren- und Verlagsagentur für Spiritualität und Lebenskunst, ist Herausgeberin spiritueller Bücher und Übersetzerin u.a. von Thich Nhat Hanh sowie Verlegerin des Verlags edition steinrich.
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