Selbstmitgefühl – ein sicheres Fundament

Fürsorge für andere bedarf der Fürsorge für uns selbst, sagt der Dalai Lama. Doch sich selbst wohlwollend zu begegnen und sich um das eigene Wohlergehen zu kümmern, stellt für viele von uns eine Herausforderung dar. Warum Selbstgefühl so wichtig ist, wollten wir von der Psychotherapeutin und Ausbilderin in mitgefühlsbasierten Verfahren Chrstine Brähler wissen. Die Fragen stellten Susanne Billig und Ursula Richard.

© Werner Steiner

Ein Interview mit Dr. Christine Brähler geführt von Susanne Billig und Ursula Richard veröffentlicht in der Ausgabe 2015/4 unter der Rubrik Gespräche

Buddhismus aktuell: Was ist das eigentlich „Selbstmitgefühl“?

Christine Brähler: Mitgefühl bedeutet, das Leid in allen Lebewesen wahrzunehmen, verstehen zu wollen und diesem Leid wohlwollend zu begegnen, um es zu lindern. Mitgefühl schließt also alle Lebewesen mit ein. Häufig schließen wir uns selbst jedoch systematisch aus dem Kreis des Wohlwollens aus, weil wir glauben, dass wir es nicht wert seien oder dass es egoistisch sei, sich selbst wohlwollend zu behandeln, wenn es einem schlecht geht. Würden wir diese Güte einem geliebten Menschen oder Kind verwehren? Wahrscheinlich nicht. Der Dalai Lama hat einmal gesagt: „Damit man echtes Mitgefühl für andere entwickeln kann, muss man zuerst ein Fundament haben, auf dem man Mitgefühl kultivieren kann. Dieses Fundament ist die Fähigkeit, sich mit den eigenen Gefühlen zu verbinden und sich um sein eigenes Wohlergehen zu kümmern … Fürsorge für andere bedarf der Fürsorge für einen selbst.“ Selbstmitgefühl baut also nur eine Brücke zurück zur natürlichen Güte zu uns, sodass wir uns wieder in den Kreis des Mitgefühls mit einschließen können.

 

BA: Und wie wirkt sich das auf andere aus?

CB: Nur wenn wir uns selbst auch Mitgefühl zugestehen, können wir es auf authentische Weise anderen geben. Das bestätigen auch wissenschaftliche Studien: Zum Beispiel werden Psychotherapeuten, die sich selbst hart verurteilen, auch verurteilend gegenüber ihren Patienten. Oder Menschen mit ausgeprägtem Selbstmitgefühl werden von ihren Partnern als empathischer und konfliktfähiger wahrgenommen. Selbstmitfühlende Menschen haben offenbar mehr emotionale Ressourcen für ihr Gegenüber zur Verfügung, da sie sich selbst die Aufmerksamkeit und Fürsorge schenken, die sie brauchen – anstatt sie vom anderen einzufordern. Harte Selbstverurteilung ist übrigens auch ein bekannter Risikofaktor für Depressionen. Studien belegen, dass Selbstmitgefühl mit psychischem und körperlichem Wohlbefinden und auch mit weniger Stress, Angst und Depression einhergeht und uns bei Belastungen widerstandsfähiger macht.

 

BA: Wo liegt der Unterschied zwischen Selbstmitgefühl und Narzissmus?

CB: Narzissmus bedeutet aus Scham und Minderwertigkeit heraus seinen Selbstwert zu erhöhen, indem man andere abwertet oder versucht von anderen bewundert zu werden. Andere abzuwerten, um sich selbst aufzuwerten, trennt und isoliert uns voneinander. Man fühlt für die anderen nicht mehr mit, sondern steht im Wettbewerb mit ihnen oder empfindet Verachtung für sie. Die Aufmerksamkeit, Gedanken und Handlungen sind darauf ausgerichtet, den eigenen Selbstwert zu erhöhen, indem man sich als besonders oder besser inszeniert. Beim Narzissmus ist man vorwiegend auf sich selbst fokussiert – also egozentrisch. Beim Selbstmitgefühl werden wir uns unserer Stärken und Schwächen bewusst. Wir schätzen unsere Stärken, sind dankbar für die Menschen, die uns geholfen haben, diese zu entwickeln, sodass wir uns an den Stärken anderer mitfreuen können. Wir er kennen auch unsere Schwächen, Grenzen oder Minderwertigkeitsgefühle an und umsorgen liebevoll das Leid, das diese uns vielleicht verursachen. Wir erkennen an, dass wir, wie alle Menschen, wertvoll, aber auch unvollkommen sind und uns darin mit anderen Menschen verbunden fühlen können.

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Dr. Christine Brähler

Dr. Christine Brähler ist psychologische Psychotherapeutin in privater Praxis in München, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institute of Health and Wellbeing an der Universität Glasgow, Großbritannien, sowie Dozentin und Ausbilderin für mitgefühlsbasierte Ansätze.
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