Zen-Priester: 8 Jahre Haft für Kindesmissbrauch

Zen-Priester Genpo D. wurde am 11. Juli 2017 wegen Kindesmissbrauchs zu einer Haftstrafe von sieben Jahren und neun Monaten verurteilt. Der ehemalige Leiter eines Zen-Tempels in Dinkelscherben im Kreis Augsburg hatte bereits zu Beginn des Prozesses vor der Jugendkammer des Augsburger Landgerichts gestanden, sieben Jungen im Alter von 4 bis 13 Jahren sexuell missbraucht zu haben. Artikel und Kommentar der BUDDHISMUS aktuell Redaktion.

Kindesmissbrauch muss im Umfeld erkannt und gestoppt werden | Symbolbild © Marco Nedermeijer

Ein Beitrag von Susanne Billig veröffentlicht in der Ausgabe Artikel – exklusiv online auf BUDDHISMUS aktuell unter der Rubrik Aktuell

Genpo D., ehemaliger Vizepräsident des buddhistischen Weltverbands, langjähriges Ratsmitglied, stellvertretender Vorsitzender und Ehrenrat der Deutschen Buddhistischen Union, hatte sich unter anderem an zwei Brüdern im Grundschulalter vergriffen, mit deren Mutter er im Rahmen einer Trauerbegleitung eine Liebesbeziehung aufgenommen hatte. Außerdem missbrauchte er einen Flüchtlingsjungen, dessen Vater in Tschetschenien ermordet worden war.

In ihrem Plädoyer hatte die Staatsanwältin am vorletzten Prozesstag davon gesprochen, dass der Zen-Priester "auf üble Weise" das Vertrauen der Kinder und der Eltern für sich missbraucht habe. Er habe sich den Opfern bewusst als Vaterersatz angeboten, weshalb einige der Geschädigten „psychisch abhängig“ von ihm gewesen seien. In anderen Fällen hätten Eltern dem 62-Jährigen ihre Kinder in der Hoffnung anvertraut, dass sie bei ihm in guten Händen aufgehoben seien.

Der Verteidiger hatte eine Strafe von nur sechs Jahren gefordert und vorgebracht, dass Genpo D. von seinem Vater selbst als Kind schwer misshandelt und von einem katholischen Priester missbraucht worden sei.

Während des Prozesses hatte der Richter den Angeklagten ermahnt, er habe bei den Ermittlungen nur ein unzureichendes Geständnis abgelegt und sich als Opfer dargestellt, dessen Fehler es gewesen sei, nicht Stop gesagt zu haben, so die Tageszeitung  „Augsburger Allgemeine“. Dies reiche jedoch nicht, um den betroffenen Kindern eine Zeugenaussage vor Gericht zu ersparen, betonte der Richter. Erst dann legte der Zen-Buddhist ein umfassendes Geständnis ab. Er entschuldigte sich im Verlaufe des Prozesses schließlich mehrfach für seine Taten und erklärte sich im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs bereit, seinen Opfern insgesamt eine Entschädigung von 35.000 Euro zu zahlen.

Nach langem Schweigen hat nun auch der Trägerverein des Zen-Tempels, die Hakuin-Zen-Gemeinschaft, auf seiner Internetseite eine Stellungnahme zu den Sexualverbrechen des ehemaligen Tempel-Leiters abgegeben. Nach Informationen der „Augsburger Allgemeine“ soll die Frage, ob sich der Verein überhaupt äußern soll, allerdings intern stark umstritten gewesen sein.

Weitere Informationen

Artikel zum Urteil in der Augsburger Allgemeine

Stellungnahme der Hakuin-Zen-Gemeinschaft e.V.

 

 

Totale Institutionen und Hierarchien leisten dem Missbrauch von Kindern und Abhängigen Vorschub | Symbolbild © xtjook

KOMMENTAR: "Für den Buddhismus gibt es keinen Sonderweg"

Susanne Billig, verantwortliche Online-Redakteurin und Redakteurin,
Ursula Richard, Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell

 

Nun wurde er also zu fast acht Jahren Haft verurteilt, der ehemalige Vizepräsident des buddhistischen Weltverbands sowie einstiges langjähriges Ratsmitglied, stellvertretender Vorstandsvorsitzender und Ehrenrat der Deutschen Buddhistischen Union, Genpo D.. Seine Sexualverbrechen folgten dem Abscheulichkeitsmuster, das man von ähnlichen Taten aus totalen Institutionen wie den staatlichen und religiösen Kinderheimen der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik und in der DDR, aus katholischen Internaten oder dem linken Vorzeigeprojekt Odenwaldschule kennt: anpirschen, Vertrauenswürdigkeit vortäuschen, zum Objekt degradieren, ausbeuten, tief verletzt zurücklassen und die nächste Tat in die Wege leiten. Erst, wenn die Sache auffliegt, und unter dem Druck des Prozesses fließen Reue und Entschuldigungen. Und die Institutionen, die solches Handeln, zumindest nach seinem Bekanntwerden, interessieren könnte? Viel ist da nicht zu hören.

Genpo D. gab während des Prozesses an, als Kind den massiven Gewaltausbrüchen seines Vaters ausgesetzt gewesen zu sein, die ihn sogar ins Krankenhaus brachten, und von einem katholischen Priester missbraucht worden zu sein. Wie furchtbar. Wer, wenn nicht Buddhistinnen und Buddhisten, sollten das wissen: Es ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend Böses gebiert, wenn sie nicht entschlossen erkannt und unterbrochen wird. Dazu sind die Täter, weil eben auch Opfer, oft nicht in der Lage – aber das Umfeld muss es sein. Jeder, der Genpo D. kannte, konnte um seine Aggressionsausbrüche, sein herrisches Wesen, die ganze Brüchigkeit seiner Person wissen – wenn er es denn wissen wollte. Doch weil nicht sein kann, was nicht sein darf, muss ein Zen-Priester per Definition gelassen, die ungesunde Hierarchie einer Gemeinschaft per Definition wertvolle alte Tradition und die unbarmherzige Härte einer Praxis der Königsweg zur Erleuchtung sein.

Die Stellungnahme der Hakuin-Zen-Gemeinschaft kam spät, aber sie zeigt doch, unter welchem Schock die Gemeinschaftsmitglieder standen und stehen – oder die zumindest, die diese öffentliche Stellungnahme durchgesetzt haben. „Wir müssen aus dem Erlebten lernen“, heißt es darin. „Wir werden alles tun, um Missbrauch in jeglicher Form in Zukunft zu verhindern. Wir müssen uns selbst anschauen, die Strukturen des Vereins beleuchten, Machtverhältnisse analysieren und Verantwortung übernehmen. Nach heutigen Erkenntnissen besteht ein weitaus höheres Risiko für sexuelle Gewalt in autoritären und hierarchisch strukturierten Institutionen sowie in Einrichtungen, die keine Präventionsstrukturen und kein Beschwerdemanagement haben (extern). Wir arbeiten daran verbindliche Verfahrensweisen im Umgang mit jeglicher Form von Gewalt und Präventionsmaßnahmen zu implementieren.“

Das zeugt von Einsicht und es hat Größe. Um solche Klarheit – und ihre tatsächliche praktische Umsetzung – wird es in Zukunft in allen Institutionen, die Zugriff auf junge und abhängige Menschen haben, gehen müssen. Für den Buddhismus gibt es keinen Sonderweg, zeigt das Urteil aus Augsburg.

 

 

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Susanne Billig

Susanne Billig , Diplom-Biologin, Buch- und Drehbuchautorin sowie Journalistin in Berlin mit dem Schwerpunkt Hörfunk. Seit 1988 am Buddhismus orientiert, gründete sie 2011 die traditionsübergreifende Meditationsgruppe „Die Kraniche“ (www.diekraniche-buddhismus.de). Susanne Billig ist Mitglied im Kuratorium der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und betreut als Online Redakteurin die Webseiten der DBU und von BUDDHISMUS aktuell.
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